Liebe Schwestern und Brüder in Deutschland,


    Lange habe ich nichts von mir hören  lassen. Und auch meine Reise nach Deutschland vor einem Jahr konnte nicht stattfinden. Nun möchte ich endich etwas berichten und dabei auch um Entschuldigung bitten für diese Verspätung.
    Mein persönliches Problem hängt sicher mit dem Alter zusammen. Ich hatte plötzlich das linke Auge entzündet mit einer Behinderung der Sehschärfe. Damit begann ein langer Weg über 8 Augenärzte, immer mit großen Entfernungen, bis in größere Orte. Behandlungen und Operationen sollten normale Verhältnisse schaffen. Zuletzt wurde mir eröffnet, dass das Auge 20% seiner Sehkraft verloren hatte. Bis heute habe ich noch nicht die entsprechende Brille gefunden. Aber ich kann zelebrieren, Auto fahren und am Computer arbeiten – alles mit Einschränkungen. Aber ich bin dankbar dafür, dass es in diesem Rahmen geblieben ist, und auch dankbar dafür, dass ich sonst keine organischen Krankheiten habe. Das ist außergewöhnlich bei Menschen in meinem Alter. Da ich keine Aufgabe mehr als Pfarrer habe, kann ich unser großes Projekt mit den armen Bauern weiter führen.
    Wie schon kurz berichtet, haben wir als Stiftung eines guten Freundes ein 12 Hektar großes Gelände erworben, in unmittelbarer Nähe von Simplício Mendes. Das hat uns unerwartet einen großen Vorteil beschert. Ich erwähne nur den Tiefbrunnen, den wir bohren liessen, der uns 60.000 Liter Wasserausstoss pro Stunde beschert. Das ermöglicht Wasseranschluss und Bewässerung nur durch Gefälle. So sind wir wieder, und besser als vorher, für Schulungen und Produkte eingerichtet, die unseren Bauernvereinen zugute kommen.
    Alle unsere Freunde in Deutschland wissen, wie wir in den letzten Jahren unserer Tätigkeit gehandelt haben: in Dürre-Katastrophen haben wir den Menschen geholfen zu überleben. Aber wichtiger ist das Bemühen „mit der Dürre zu  leben“. Das fordert Entwicklungen, die der Struktur einer modernen Gesellschaft entsprechen: die Mehrheit der Bevölkerung muss von Minderheiten ernährt werden, die alle Nahrungsmittel produzieren. Sowohl kleine als auch große Bauern müssen diesen Bedarf decken. Außer der eigenen Scheune muss der große Markt  versorgt werden. Die Sorge des Bauern kann also nicht nur sein Überleben in den nächsten Monaten sein. Er muss ein regelmäßiges Einkommen erwirtschaften für den Unterhalt seiner Familie,
     Hier entsteht eine wichtige Erkenntnis: das Arbeiten mit Hacke und Haumesser erfordert eine Familie von 5 oder mehr Mitgliedern, die alle zusammen eine archaische Landwirtschaft betreiben. Aber es gibt diese Familien nicht mehr. Oft sind es jetzt nur drei Personen. Das Ehepaar hat nur ein Kind, das in der Stadt zur Schule geht. Die Frau liegt dem Mann in den Ohren: sie will in der Stadt wohnen. Bleibt also nur der Mann für die Feldarbeit und die Viehzucht. Er allein kann nicht 5 oder 6 Personen ersetzen. Also bebaut er weniger Ackerfläche, bis er eines Tages sein Land verlässt und Arbeit sucht, für die er nicht qualifiziert ist. Die Folge ist eine „schleichende Landflucht“. Sie ist zu beobachten, wenn man durch die Gegend fährt: immer mehr Felder sind verkleinert oder unbebaut und immer mehr Häuser bleiben geschlossen.
    Es scheint uns wichtig, genaue Kenntnisse über diesen Wandel zu bekommen. Daher haben wir eine Erhebung über die Daten der politischen Gemeinde São Francisco de Assis begonnen. Zwei unserer Mitarbeiter sind dabei im gesamten Gebiet eine Statistik zu erstellen über die Dimensionen der Landwirtschaft und ihre Veränderungen. Auf ihren Motorrädern sind sie unterwegs in einem Gebiet von 1.100 qkm mit 5.567 Einwohnern (zwei Drittel auf dem Land und ein Drittel in der Stadt) mit einer Bevölkerungsdichte von 5,06 Einwohnern auf den Quadratkilometer.
    Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass es hier keinen Grossgrundbesitz gibt. Die Mehrheit sind kleine Bauern, auf Böden mit niedriger oder mittlerer Fruchtbarkeit. Dazu kommt
die geografische Lage in einer Klimazone, in der periodische Dürrekatastrophen die Regel sind.
    Das muss vor allem von der Verwaltung der politischen Gemeinde wahrgenommen werden. Dazu wollen wir in erster Linie beitragen. Die grosse Frage ist: wie kann man die vorherrschende Agrar-Struktur erhalten und verbessern? Nach unserer Auffassung muss diese ländliche Struktur mindestens zufriedenstellend für ihre Bewohner sein. Das bezieht sich auf die Verkehrswege, die Schulen, das Gesundheitssysthem, sowie auf die Wasser- und Stromversorgung. Es kann zum Beispiel nicht normal sein, das in der Regenzeit die Straßen durch Wasserläufe und Schlamm-Strecken unpassierbar werden und die Leute auf dem Land dadurch isoliert sind, so dass die Schüler keinen Unterricht haben.
    Das alles können wir natürlich nur als Information und Anregung an die Verwaltung vermitteln. Unsere eigene Arbeit aber soll sich auf zwei Schwerpunkte der Landwirtchaft konzentrieren: auf die Feldarbeit, die zu mechanisieren ist, und auf die Viehzucht zur Belieferung von Schlachthöfen in den großen Städten.
Was wir „Mechanisierung“ nennen, bezieht sich in diesem Anfangsstadium auf kleine Motoren auf zwei Rädern, mit entsprechendem Zubehör für die verschiedenen Etappen: Pflügen, Jäten, Ernten usw. Der Bauer lenkt das kleine Gefährt wie früher den Pflug. Er kann alleine eine große Anbaufläche bearbeiten. Der Kauf dieser Maschinen ist erschwinglich für kleine Bauern, die leicht kleine Bankkredite bekommen.
    Das andere Thema ist die Ziegen- und Schafzucht, die sehr verbreitet ist in unserer Gegend. Sie kann ertragreich werden, wenn man ständig große Schlachthöfe beliefern kann. Diese machen Verträge mit organisierten Vieh-züchtern. Ein Beispiel: monatlich 250 Ziegen oder Schafe, die nur fünf  bis sieben Monate alt sind und mindestens 15 kg wiegen. Diese Sendungen werden immer bar bezahlt. So kann der Bauer mit festen monatlichen Einnahmen rechnen. Der Markt ist praktische unersättlich. Aber für die kleinen Bauern mit ihren archaischen Methoden ist es Neuland.
    Auf diesem Gebiet der  Ziegenzucht hat sich uns eine völlig neue Gelegenheit eröffnet. Eine halboffizielle Organisation zur Förderung kleiner Unternehmen begleitet uns seit langem mit ihren Programmen (SEBRAE). Sie vertraut auf die Effizienz unserer Arbeit. Wir bekamen ein verlockendes Angebot: die Gruppe möchte mit uns ein Programm einführen, um das genetische Niveau von Ziegen und Schafen zu erhöhen, die in die großen Städte geliefert werden können. Normalerweise müsste man dafür reinrassige Zuchttiere erwerben, die extrem teuer sind. Daher gibt es eine andere Methode: Ein großer Zuchtbetrieb arbeitet mit reinrassigen „Kalahari“-Ziegen, aus Afrika, die in den letzten Jahren hier im Nordosten eingeführt wurden. Dort werden Embryos produziert, die zu erschwinglichen Preisen verkauft werden und den normalen Ziegen als „Leihmüttern“ eingepflanzt werden. So können Ziegenherden systhematisch aufgebessert werden. Die SEBRAE verpflichtet sich 70% der Unkosten zu übernehmen. Wir haben lange überlegt und dann zugeschlagen. Nun haben wir auf dem neuen Gelände 10 reinrassige  Kalahari-Ziegen und 50 normale Tiere unserer Gegend bereitstehen. Alle Voruntersuchungen sind gemacht, so dass der Spezialtransport über 700 km stattfinden kann. Der ganze Prozess in seiner ersten Phase ist jedoch nicht abgeschlossen, da die „Corona-Virus – Pandemie“ alltägliche Funktionen lahmgelegt hat und auch in unserem Fall den Ablauf der ersten Transaktion der Embryos erschwert hat.
    Das ist „höhere Gewalt“ bis zu dem Moment, in dem Schutzimpfungen möglich werden, voraussichtlich erst im nächsten Jahr. So können wir uns auf den ersten Punkt konzentrieren, den wir hier angeführt haben: die Sorge um den Verbleib zahlreicher Familien, die fähig sind, mit einfacher Technik mehr zu produzieren als vorher mit ihrer Grossfamilie. In dem grossen Gebiet, in dem wir tätig sind, gibt es keine derartige Initiative.
    Unsere Strategie sieht zwei Etappen vor: Zuerst muss das Thema bekannt gemacht und erklärt werden. Das kann nur geschehen durch exemplarische Unterrichtung anhand dieser kleinen Maschinen. Sie muss in den bestehenden Bauernvereinen stattfinden.
    Danach geht es um den Anreiz zum Erwerb dieses Materials. Als wir vor über 40 Jahren die Bienenzucht einführten, stellten wir kleinen organisierten Gruppen Bienenstöcke zur Verfügung, die wir selbst anfertigen liessen, da es keinen Markt dafür gab. Die Leute haben das in Raten abgezahlt, und wir haben dabei kaum Verluste gehabt.
    Ähnlich müssen wir jetzt vorgehen. Ausser der Einübung in die Anwendung der kleinen Maschinen möchten wir einen Anreiz zu ihrem Erwerb geben. Das soll nicht mit Geld geschehen, sondern durch die Bereitstellung eines Zubehörs, dessen Wert in Raten abgezahlt werden kann.
    Zweifellos eröffnet sich uns ein neuer großer Bereich zur Förderung unserer kleinen Bauern. Ein Vorteil ist, das wir durch die lange Arbeit mit der Bienenzucht eine Gruppe von 32 kleinen Vereinigungen von Bienenzüchtern haben, mit denen wir neue Strukturen schaffen können.
    Am Eingang unseres neuen Geländes steht eine Inschrift: “Projekt Josef von Ägypten – die Dürre erschreckt uns nicht“. Das bezieht sich auf die biblische Geschichte der 11 Söhne Jakobs, die bei ihrem Bruder in Ägypten die Dürre überlebten und dann in die Freiheit Israels geführt wurden. In der Person Jesu ist dieser Gott des Erbarmens und der Befreiung unter uns. Unser bescheidenes Bemühen soll ein Beitrag sein, um die Geschichte Brasiliens mit der gewaltsamen Kolonisierung, der Ausrottung der Indio-Völker und der Sklaverei der Afrikaner mit den Auswirkungen bis in die Gegenwart zu überwinden. Seit vielen Jahren helfen uns unsere deutschen Schwestern und Brüder auf diesem Weg, in Treue und Großzügigkeit. Ich spüre immer wieder, wie dankbar unsere Leute hier dafür sind.
    Morgen (29.Juni) werden es genau 54 Jahre, das ich mit fünf anderen Europäern brasilianischen Boden betrat, nach einer 12-tägigen Schiffsreise. Heute kann man nicht einmal mit dem Flugzeug reisen. Gott erbarme sich unser, dass wir die grausame Epidemie überwinden. Heutzutage macht man kein Gelübde wie damals in Oberammergau. Aber das vertrauensvolle Gebet für einander ist nach wie vor unsere Stärke.
Mit herzlichen dankbaren Grüßen bin ich

Euer
Padre Geraldo Gereon

MEINE NEUE ADRESSE :
Pe. Henrique Geraldo Martinho Gereon
Avenida Oséias Gualberto Ribeiro, 70
BR-64745-000 São Francisco de Assis do Piauí – PI./Brasil