Liebe Schwestern und Brüder in Deutschland,

    vor einigen Tagen kam ich auf einer nächtlichen Rückfahrt nach São Francisco in schwere Bedrängnis. Ich musste über zwei Kilometer  durch tiefen Sand fahren. Da kam mir ein Lastwagen entgegen, und plötzlich standen wir uns gegenüber: keiner konnte in die seitlichen Sandberge ausweichen. Einer von beiden musste im Rückwärtsgang zurückfahren bis zu einem breiten und festen Untergrund. Das würde eine lange Strecke sein. Jeder wartete auf den anderen, bis mir klar wurde, dass ich es sein musste. Hinter mir war alles dunkel – ich konnte mich nur an der Fahrspur im Licht vor mir orientieren. Langsam fuhr ich rund einen Kilometer zurück, bis der Laster an mir vorbeikam.

    Nun feiern wir wieder die Geburt Jesu. Dabei kommen wir immer an den Punkt, wo Joseph mit Mutter und Kind aus Bethlehem nach Ägypten flüchtet. Mathäus erklärt das mit dem Hosea-Zitat: „Aus Ägypten rief ich meinen Sohn.“ Gott wiederholt mit Jesus sein Angebot der Befreiung. Damals zog er mit seinem Volk fort aus Ägypten, auf dem langen Weg in die Befreiung. Im „Rückwärtsgang“ kehrt er nun nach Ägypten zurück, um es noch einmal zu versuchen – dieses Mal völlig anders: ein Säugling in den Armen seiner Mutter – ein Flüchtling, der zurückkehrt und in der Tischlerei seines Vaters verschwindet. Ein Gott, so klein wie wir, der sogar in den Jordan steigt, als wäre er ein Sünder. Ein Gott, der rettet, bereit ein einziges verlorenes Schaf zur Herde zurück zu schleppen. Ein Gott, der kilometerweit zurückfährt, um den Weg freizumachen für die, die hoffnungslos festgefahren sind.

    Zum Anfang des Jahres wünschen wir uns Glück und Segen, Gesundheit und Erfolg, immer in der Erwartung, dass nun endlich alles besser wird und unsere Träume sich erfüllen. Aber vielleicht dürfen wir die Neujahrswünsche einmal anders formulieren. Anstatt auf neuen Wegen unsere Versuche zu machen, die große Wende zu erreichen, könnten wir rückwärts auf schon gefahrenen Wegen an einen Punkt kommen, von dem aus wir noch einmal starten: mit mehr Demut und Erfahrung auf dem Weg, auf dem wir steckengeblieben sind. „Aus Ägypten rief ich meinen Sohn“ – alles kann noch einmal beginnen. Das Flüchtlingskind Jesus gibt uns eine neue Chance – mit Jesus wird unser Weg immer ein Weg in die Freiheit sein.

Der Prophet Jesaja wiederholt es ständig: „... So spricht der Herr, der Heilige Israels: in Umkehr und Ruhe liegt euer Heil, im Stillsein und Vertrauen besteht eure Stärke (30,15); „das Licht der Sonne wird siebenmal heller leuchten als das Licht von sieben Tagen – am Tag, an dem der Herr die Wunde seines Volkes verbindet und die Striemen seiner Schläge heilt (30,26)“
    Am 1. Januar 2020 kann es von neuem beginnen.

Mit brüderlicher Umarmung
Padre Geraldo Gereon