Liebe Schwestern und Brüder in Deutschland,

Heute beginne ich diesen Brief mit einem etwas schlechten Gewissen. Ich weiß, dass ich diesen Brief seit langem schuldig bin. Wenn man sich in solchen Fällen verteidigen will, sagt man: „Ich kann es erklären.“ Damit möchte ich beginnen.
Vor rund einem Jahr erwachte ich eines Tages mit einer Entzündung und einer Eintrübung des linken Auges. Nach dem Abklingen der Entzündung blieb es bei dieser Unschärfe. So ließ ich mir eine neue Brille verschreiben. Das Resultat blieb dasselbe. Der nächste Schritt war eine detaillierte Untersuchung bei einem Spezialisten in Petrolina (hin und zurück 500 km). Seine Diagnose: Grauer Star. Ein Kollege sollte diese Operation machen – alle Welt bezeichnete sie als einfach und schnell. Als dieser 14 Tage später mit der Operation begann, bekam er einen Schrecken: in der Retina hatte sich etwas gelöst, das fatal sein könnte. Er brach ab und überwies mich an einen spezialisierten Kollegen. Dieser brauchte drei Stunden für seinen Eingriff. Nach einigen Tagen waren alle erleichtert: das Schlimmste war verhindert.
Aber es blieb die getrübte Sehschärfe, trotz der eingesetzten Linse, die den „Grauen Star“ beheben soll. Mehrmals fuhr ich nach Petrolina zur Nachuntersuchung – aber das Resultat blieb immer dasselbe. Das ging bis Ende April. Da entschloss ich mich, einem Appell nachzukommen, den ein Freund aus der Zeit in Picos (vor 50 Jahren) mir ständig machte: Geh nach Teresina (die Hauptstadt von Piauí – 1000 km hin und zurück). Dort gibt es einen sehr berühmten und kompetenten Arzt (sein Schwiegersohn), der das Problem lösen wird. Also tat ich das.
Nach der Untersuchung sagte der Arzt, dass in Petrolina offensichtlich etwas nicht richtig gemacht worden war. Er behauptete z.B., die dort eingesetzte Linse stimme nicht mit der Nummer auf der Identitätskarte überein. Aber er versprach alles zu lösen. Neue Voruntersuchungen waren die Folge, mit mehreren Fahrten nach Teresina. Als es zur Operation kam, Stellte sich heraus, dass diese am gesunden rechten Auge gemacht worden war, um den Grauen Star zu korrigieren. Das verlief normal. Aber das linke Auge war noch immer nicht korrigiert.
Dann eröffnete man mir, nicht an der Retina im Innern des Auges zu rühren, sondern an der Netzhaut (Cornea). Diese wurde mit Laser behandelt, um dann eine neue Brille verschreiben zu können (Immer nach wochenlangen Fristen). Die neue, sehr teure Brille überraschte dann damit, dass sie unbrauchbar war. Bei der Weitsicht wurde es schlimmer als ohne Brille. Und für das Lesen musste man den Text auf 15 cm heranholen. Wie soll ich so die Messe zelebrieren? Das war im August.
Ich konnte also weiterhin nicht das tun, was ich über 56 Jahre tat: die Eucharistie feiern. Einige wenige Male habe ich alle Messtexte so vergrößert, dass ich sie auf dem Altar im Stehen identifizieren konnte. Das war eine stundenlange Arbeit am Kopiergerät. Sonst begleite ich Übertragungen im Radio und Fernsehen.
Einen letzten Versuch habe ich bei einem guten Augenarzt in Oeiras gemacht (nur 160 km hin und zurück). Ich bat ihn eine halbe Brille nur zum Lesen zu verschreiben, brauchbar für einen Abstand von 50 bis 60 cm vom Auge. Das ging schnell, und ich habe schon einige Male zelebriert, nach langen Monaten. Da ich am 10. Februar einen Nachfolger für die Pfarrei bekam, konnte ich endgültig diese Aufgabe übergeben (mit 82 Jahren). Ich glaube, dass ich mit meinem linken Auge noch einige Versuche machen kann für eine bessere Lösung. Morgen fahre ich dafür wieder nach Teresina (mit Fahrer).
Das alles musste ich erklären – es ging nicht kürzer. Aber uns interessiert ja auch die Sozialarbeit der Fraternität, die keine Pensionierung verträgt. Ich bin ihr Vorsitzender, aber habe in ANCHIETA und anderen guten Mitarbeitern eine effiziente Hilfe in diesen schweren Zeiten. Auch hier haben wir bedeutende Veränderungen zu bestehen.

Dabei handelt es sich um Folgendes:
Wir mussten ein Gelände aufgeben, auf dem wir in langen Jahren Einrichtungen schufen und nutzten für unsere diversen Aktivitäten: bebaute Felder, große Ziegenställe, umfangreiche Futterplätze, Einrichtungen für Bienenzucht und Honigernte, große Räume für Schulungen, Lagerräume, Agrargeräte, Pflanzflächen zur Produktion von jährlich bis zu 100 000 Setzlingen zur Verteilung an die Bauern der Region, Tiefbrunnen zur Wasserversorgung, Stromleitungen.
    Das große Gelände gehört dem Staat  - es sind Reste von Vermessungen von schon besetztem Land im letzten Jahrhundert. Niemals hat jemand dieses extrem trockene Land mit schwachen Böden bewohnen wollen. Wir hatten seit fast 30 Jahren einen Pachtvertrag, der in Abständen zu erneuern war (ohne Bezahlung). Zu Anfang des Jahres 2017 musste dieser Vertrag erneuert werden. Wir machten den entsprechenden Antrag. Nach einem Jahr des Wartens wurde auf unsere telefonische Anfrage geantwortet: Der Vertrag liegt zur Unterschrift auf dem Tisch des Direktors. Als wir nach weiteren fünf Monaten merkten, dass diese Behörde gar nicht funktioniert, machten wir uns auf die Suche nach einem neuen Platz.
    Als wir einen guten Freund konsultierten über einen eventuellen Kauf, schloss er das Gespräch mit den Worten: Ich habe ein Land, ganz nahe bei Simplício Mendes, von dem ich euch ein Stück schenken werde. Er selbst hatte die größte Eile. Nach zwei Wochen hatten wir das Gelände vermessen und das Besitzdokument in Händen: 12 Hektar Land, um alles neu zu beginnen.
    Zuerst ging es um Strom und Wasser: fast 1000m Stromleitung, 200 m Bohrung nach Wasser (eine unfassbare Überraschung: 60.000 Liter stündlicher Wasserausstoß), ein großes Gebäude für Versammlungen und Beherbergung, ein Lagerhaus, ein großer Ziegenstall für 200 Tiere, ein überdachter Platz zur Produktion von Setzlingen, ein neues, bewässerbares Ackergelände, 1600m neuer Zäune usw. Unsere Arbeiten und Einrichtungen funktionieren wieder.
    Zwei Beispiele sollen das erläutern:
1 – In unserer ganzen Gegend dominiert die Ziegen- und Schafzucht. Das System ist in großem Umfang noch reichlich archaisch: möglichst große Herden, die in den trockenen Monaten beträchtlich abmagern, keine angebauten Weideflächen (die Tiere suchen ihr Futter im Busch), keine Stallanlagen, Verkauf oft nur an örtliche Schlachter, keine genetische Kontrolle, ein beschränkter örtlicher Markt usw.
    Die wichtigste Feststellung, dass sich die Zeiten geändert haben, sagt: der Markt sind die großen Städte mit starker Nachfrage: dort gibt es Schlachthöfe, die ihr System haben: sie machen Verträge mit Züchtervereinen, unter verschiedenen Auflagen: z.B.: 250 Tiere
pro Monat, Alter der Tiere: 5 – 8 Monate, Schlachtgewicht von 13 bis 18 kg. Dieses System nennt sich „venda coletiva“ (Kollektiv-Verkauf).
    Dafür müssen die Tierhalter sich organisieren. Das ist völlig neu für die meisten von ihnen. In der ganzen Gegend kennen wir zwei dieser Gruppen. Sie machen gute Geschäfte. Hier in unserem Raum haben wir angeregt und geholfen einen neuen Verein zu gründen. Wir helfen, indem wir versuchen günstige Verträge zu vermitteln. Es ist gar nicht schwer die Bauern zu überzeugen und zu gewinnen. Nur kennen sie die Wege nicht. Das ist unsere Aufgabe. Anfang September haben wir mit ihnen einen großen Viehmarkt organisiert. Hunderte von besten Zuchtexemplaren kamen von weither. Ein Teil wurde verkauft, ein anderer Teil kommt nur zum Kennenlernen. Ein Förderverein stellte Ausstellungsanlagen zur Verfügung. Eine Bank bot günstige Kredite an. Es gab zahlreiche gute Geschäfte. Wir verlosten einen kompletten Ziegenstall für rund 50 Tiere. Im Moment arbeiten wir daran, den günstigsten Schlachthof ausfindig zu machen. Dazu haben wir Verhandlungen im Gang,
um eine Anzahl von Zuchttieren der „Kalahari“-Rasse zu erwerben und unter die Leute zu bringen.
    Der ganze Prozess eines Wandels in der Ziegen- und Schafzucht ist nicht sehr kompliziert. Seine Vorteile überzeugen leicht, weil die kleinen Bauern zu regelmäßigen Einkünften gelangen.
    Nach dem großen Umzug mit schon fertigen Anlagen können wir nun auch wieder unsere Schulungen für Schüler und Jugendliche von Bauernfamilien aufnehmen. Seit Jahren praktizieren wir diese Arbeit, um eine neue Generation kleiner Bauern heranzubilden. Am nächsten Wochenende beginnt eine neue Serie für 240 Jugendliche, die sich über sechs Monate erstreckt. Wenn diese Jugendlichen erkennen, dass man hier nicht nur krampfhaft überleben kann, ziehen sie nicht in die großen Städte, die von schweren sozialen und wirtschaftlichen Krisen geschüttelt werden.
    Es geht uns ja nicht um wirtschaftlichen Fortschritt, sondern um die gelebte Praxis der Botschaft Jesu. Unsere Satzung sagt zu Beginn (Artikel 2): „Die Franziskus-Fraternität hat als ihre Basis-Inspiration die Mystik des Evangeliums Jesu, die Spiritualität des hl. Franziskus und die ‚Option für die Armen‘ der brasilianischen Kirche.“
    Ich musste heute etwas weiter ausholen, um das lange Schweigen zu „erklären“. Der ungewollte Wandel hat sich als Segen entfaltet. Aber es ging an die Reserven. Wir wissen jedoch, dass die treue Begleitung unserer Schwestern und Brüder unsere Wege ermöglicht, um schicksalhafte Armut zu überwinden. Wir stehen kurz vor dem Beginn einer neuen Regenzeit. Sie soll uns ermuntern, immer wieder neu zu pflanzen und für Gottes Gnade und die Hilfe unserer Schwestern und Brüder zu danken.

In brüderlicher Verbundenheit sende ich herzliche Grüße an alle
Padre Geraldo Gereon