Liebe Brüder und Schwestern in Deutschland:

    Im vergangenen Monat Juli fand hier ganz in der Nähe die „Wallfahrt von Land und Wasser“ statt. Die acht Diözesen unseres Bundesstaates Piauí kommen dazu alle zwei Jahre zusammen. Das Thema Land und Wasser wird in Vorträgen, Arbeitsgruppen und Gottesdiensten behandelt.

    Ein zentrales Thema dieses Jahres war der Bau der Eisenbahnlinie „Transnordestina“. Sie läuft durch unsere Diözesen und erfasst Hunderte von kleinen Bauern, die enteignet und entschädigt werden müssen. Motiviert wird dieser gigantische Bau von 1.753 km mit der Begründung, dass die Produktion der großen Agrarunternehmen im Süden von Piauí (Soja, Mais, Baumwolle) zum Export an die Häfen von Recife und Fortaleza gelangen muss. Diese Bahn braucht einen 80 Meter breiten, eingezäunten Streifen und ist nicht für den Personenverkehr vorgesehen. Dadurch wird eine enorme Veränderung der Landschaft verursacht, mit tiefen Einschnitten, hohen Aufschüttungen, Viadukten und Tunneln. Seit dem Jahr 2005 wurde an der Strecke gebaut, in Abschnitten, die weder am Ziel noch am Ausgangspunkt begannen. Vor drei Jahren wurde das Ganze gestoppt und verlassen. Große Arbeitslager wurden mit ihren schweren Maschinen stillgelegt und demontiert. Die mit Schienen fertige Strecke von 600 km befindet sich in der Mitte, hunderte von Kilometern entfernt vom Ausgangs- und Endpunkt. Auf ihr stehen rund 300 schwere Waggons und Lokomotiven still – sie können ein Stück vorwärts und rückwärts fahren, ohne jeden Nutzen. 1,4 Milliarden Euro wurden ausgegeben, und 1553 km müssten noch gebaut werden. Es ist unvorstellbar, dass das Ganze irgendwann zum Abschluss kommen kann. Vorstellbar dagegen ist, dass die ungenutzte Strecke durch Erosion und Rost unbrauchbar wird.

    Außer dem technisch und finanziell falsch geplanten Unternehmen, sowie der falsch angelegten Linienführung, kamen gigantische Korruptions-Skandale ans Tageslicht: mehrere Politiker und Großunternehmer sitzen im Gefängnis und müssen Millionenbeträge zurückzahlen. Immer noch werden neue Skandale aufgedeckt. Die Folge ist die völlige Stilllegung des Projektes. Außerdem wird die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens (Auslastung und Unterhalt) stark bezweifelt. Alles in allem: ein typischer „weißer Elefant“.

     Es war evident, dass dieses Thema bei der Wallfahrt zu behandeln war. Ich stellte mich für eine grundsätzliche Darstellung der Problematik auf einer Groß-Versammlung am Wallfahrtsort zur Verfügung. Dafür mussten genaue Angaben der gesamten im Bau befindlichen Strecke erfasst werden. Meine zwei Agrartechniker fuhren mit dem Motorrad die gesamten 380 km durch den Bundesstaat Piauí ab und fertigten eine Karte mit allen Einzelheiten an. Ich selbst fuhr etwa 500 km durch den Nachbarstaat Pernambuco, wo die Bahnstrecke fast parallel zur Bundesstraße nach Recife verläuft. Fotos, Messungen und Gespräche mit Bewohnern ergaben ein ziemlich klares Bild. Große Reportagen im Internet bestätigten das desaströse Ergebnis. So konnten wir über Fakten diskutieren. Das Ergebnis war vollständig und dementsprechend bedrückend.

    Aber mir ging es nicht zuerst um eine genaue Reportage. Ich bezog mich zur Einführung und zum Abschluss meiner Ausführungen auf den französischen Priester Charles de Foucauld (ich gehöre zur Priesterbruderschaft dieses „Seligen Bruder Carlos“) Er lebte um das Jahr 1900 in der südlichen Sahara unter den Tuareg-Nomaden, um ihnen ein Zeugnis des barmherzigen Jesus und von dem Vater-Gott aller Menschen zu geben. In dieser algerischen Kolonie Frankreichs war immer noch nicht die Sklaverei abgeschafft. Dies führte den Einsiedler in der Wüste zu der Überzeugung, das die Kirche, wie Jesus sie wollte, die Ungerechtigkeit gegenüber den ihr Anvertrauten beim Namen zu nennen hat, um ihre prophetische Aufgabe zu erfüllen: „Wir haben nicht das Recht ‚Hunde zu sein, die nicht bellen, schlafende Wächter und teilnahmslose Hirten‘ (Prophet Jesaja). Unsere Aufgabe ist es, direkt oder indirekt die Ungerechtigkeit und die gutgeheißene Ausraubung unserer Region beim Namen zu nennen und dann zu erklären: Das ist uns von Gott nicht gestattet.“

    Am Ende der vielen Erhebungen und Enthüllungen komme ich zu dem Schluss: Unsere Wallfahrt führt uns durch ein verletztes Land mit seinen verwundeten Bewohnern. Sind wir die Kirche, die sich in Frage stellt, sich bekehrt und die Zeichen der Zeit erkennt? Sind wir die Kirche, die der Wahrheit verpflichtet ist, weil Jesus das zur Bedingung für die Befreiung macht? Tragen die gigantischen Unkosten eines abenteuerlichen Projektes  nicht dazu bei, dass die Armen weiterhin ausgeschlossen sind in einer Gesellschaft mit skandalöser Ungleichheit? Wenn die Wahrheit nur traurig, aber nicht frei macht, erfüllt eine Wallfahrt nicht ihren Sinn. Mir scheint, dass Jesus wünscht, dass wir die Rede von der Befreiung, die vor Jahrzehnten abgebrochen wurde, wieder neu lernen. Es geht doch darum zu begreifen und zu befolgen: „Was ihr einem dieser Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.“

     Warum habe ich so ausführlich dieses Thema behandelt? Der Grund liegt darin, das diese Bestandsaufnahme mit klaren Fakten und technischen Erhebungen aus dem Bewusstsein der prophetischen Rolle der Kirche entstand. Und das musste unser Thema sein. Diese prophetische Berufung ist auch der Ursprung der Aktivitäten unserer Franziskus-Fraternität. Sie ist ja seit langem der Träger sowohl der Notstandsprogramme in Dürrezeiten als auch der Versuche, Veränderungen in Ackerbau und Tierhaltung anzuregen und zu fördern.

       In unseren Statuten ist das kurz und einfach ausgedrückt: „Die Fraternität hat als Basis-Inspiration das Evangelium Jesu Christi, die Spiritualität des hl. Franziskus und die Option für die Armen der brasilianischen Kirche. Diese Inspiration führt zu konkreten Aktionen unter den Armen der Trockenzone von Piauí. Immer wird dabei der Aspekt der Ökologie und der Bewahrung der natürlichen Reserven beachtet.“ Das erklärt unsere prophetische Verpflichtung: aus der Erkenntnis der Wahrheit gelangen wir auf den Weg der Befreiung. Wir drohen und bekämpfen niemanden, weil wir eine „frohe Botschaft“ haben. Uns inspiriert der Priester-Nomade unter den Unterdrückten der Sahara, dem es nicht gelang einen einzigen Moslem zu bekehren und zu taufen. „Mein Apostolat ist die Güte. Die anderen, die mich sehen, sollen sagen: ‚Wenn dieser Mann so gut ist, muss seine Religion gut sein.‘ Und wenn sie fragen, warum ich sanftmütig und gut bin, will ich sagen: ‚weil ich jemandem diene, der besser ist als ich.‘“

      Hier will ich nun anfügen, was ich meinen Freunden mitteilen muss. Seit über 20 Jahren unterhalten wir eine Einrichtung, in der wir Schulungen machen und produzieren, was unter den Bauern der ganzen Gegend verteilt wird (Pflanzen und Tiere). Es war ein unbesetztes Land ohne Besitzer, das dem Staat gehört. In einem Pachtvertrag wurde uns dieses ungenutzte Land zur Verfügung gestellt. Alle 10 Jahre musste dieser Vertrag erneuert werden. Das sollte im Mai letzten Jahres wieder geschehen. Wir stellten den Antrag und warteten auf  die Reaktion. Bis heute haben wir keine Lösung. Wir haben ständig nachgefragt, aber keine Entscheidung erreicht. Nun haben wir uns umgesehen, um ein neues Gelände zu finden. Ganz in der Nähe von Simplício Mendes hat uns ein Unternehmer ein 12 Hektar großes Land geschenkt. Wir sind nun am Umziehen, bauen an der alten Stelle ab und an der neuen Stelle auf. Von neuem werden wir Kurse für junge Bauern durchführen, Setzlinge für Futterpflanzen produzieren und Anregungen geben zu einer Landwirtschaft, die auch für die kleinen, mittellosen Bauern möglich ist. Vor allem wollen wir helfen, die Ziegen- und Schafzucht lukrativer zu machen. Sie ist das große Potenzial unserer Gegend und kann in die Honig-Genossenschaft integriert werden.

    So wollen wir unseren Weg weitergehen, ohne uns in Konflikte zu verwickeln und ohne uns durch widrige Umstände zu entmutigen. Wir danken allen, die uns begleiten und helfen, Jesus in den Kleinen und Armen zu dienen.

Mit dankbaren und brüderlichen Grüßen
Padre Geraldo Gereon