Liebe Schwestern und Brüder in Deutschland:

    Am 17. November feiern wir das Fest der hl. Elisabeth (Santa Isabel). Seit vielen Jahren ist das ein Tag einer großen Wallfahrt, die Tausende von Gläubigen am Fluss Canindé versammelt zu einer großen Feier im Freien. Wir nennen sie
„o encontro da caridade“ (das Treffen der „Caritas“, die Liebe, die Jesus zur Bedingung seiner Nachfolge macht). Seitdem wir Strom für Beleuchtung und Lautsprecheranlage haben für das ganze Gelände mit der Altarinsel, werden es jedes Jahr mehr Teilnehmer. Im vergangenen Jahr waren es 18.000. Die Messfeier entfaltet in ihren einzelnen Teilen konkrete, kurz inszenierte Beispiele aus dem Leben der Bevölkerung: Beispiele von Not  und Leid der kleinen Bauern, Unterlassung von Hilfe, Anklage von Gewalt und Schutzlosigkeit. Das soll uns bewegen, dem Beispiel der hl. Elisabeth zu folgen, die ihre Krone ablegte und sich für die Armen abschuftete bis zu ihrem frühen Tod. Der Refrain der Fest-Hymne sagt: „Wenn wir alle es so machten (wie die hl. Elisabeth), könnten auch wir heilig sein.“ So dichtete es für uns eine einfache Frau aus dem Volk.

    Die ganze Wallfahrt steht unter dem Motto der lateinamerikanischen Kirche, auf einer Tafel am Eingang des Geländes: „Hier wollen wir unsere „Option für die Armen“ einüben, um eine Kirche zu sein, die heilig ist, arm, samaritanisch und ausgerichtet auf das Evangelium Jesu. Hl. Elisabeth, bitte für uns.“

    Einzelheiten aus dem Leben der hl. Elisabeth werden in kurzen Inszenierungen dargestellt, jedes Jahr mit neuen Themen. Zum Beispiel der Bußakt: eine Gruppe von 10 Personen allen Alters tritt in den Altarraum, allen voran die hl. Elisabeth. Sie haben alle eine Krone auf dem Kopf. Als erste nimmt Elisabeth  die Krone der Herrscherin vom Kopf und legt sie vor den Altar. Danach tun alle dasselbe, und der Sprecher richtet sich an alle Anwesenden: Wir alle haben unsere „Kronen“, die wir hier ablegen und um Verzeihung bitten, um demütig und erbarmend den Schwachen zu helfen. Nach einem Moment der Stille folgt der Bußgesang. Vor einigen Jahren legte der Bischof seine Mitra zu den abgelegten Kronen vor dem Altar – ein ergreifendes Zeichen, das alle verstanden.

    Ein zentrales Thema unserer Wallfahrt wird dieses mal der Fluss Canindé sein– an seinem Ufer findet die große Feier statt. Es ist einer der typischen Trockenflüsse des Nordostens, die nur in der Regenzeit Wasser führen. Vor fast dreißig Jahren wurde eine 50m hohe Staumauer gebaut, circa 30 km flussaufwärts. Sie kann 215 Millionen Kubikmeter Wasser aufstauen. Damit sollte der Fluss auf den 350 Kilometern bis zur Mündung ständig Wasser führen. Das alles muss kontrolliert sein. 23 kleine Staustufen waren vorgesehen – nach 17 Jahren ist noch keine gebaut. Der Überlauf ist bis heute nicht betoniert. Am Fuß der Mauer ist ein Ablaufventil, das jeder bedienen kann, ohne jede Kontrolle. Es ist ständig voll geöffnet. Denn auf 30 km haben die Anrainer die Ränder völlig abgeholzt (das Gesetz verlangt einen Schutzgürtel natürlicher Vegetation von 30 Metern auf beiden Seiten). Sie bewässern große Flächen für Gemüsepflanzungen. Eine doppelte Katastrophe zeichnet sich ab: die Versandung des Flusses und die Verseuchung des Flusses durch Reste von Pflanzengiften. Die Anzeichen sind klar erkennbar. Wir selbst haben schon vor 5 Jahren Proben des Wassers aus einer Strecke von 300 km untersuchen lassen. Alle Ergebnisse deckten eine Verseuchung über dem zugelassenen Minimum auf.

    Auf unserer Wallfahrt werden wir dem sterbenden, lautlos an uns vorbei fliesenden Fluss unsere Stimme leihen zu einem tausendfachen Schrei aller Wallfahrer nach Hilfe: „Socorro“(Hilfe)-dieser Schrei soll durch die schnelle Übertragung der Medien bis an die Ohren der Verantwortlichen dringen.

    Ich habe schon von der Tragödie des Eisenbahnbaues berichtet und von dem Kampf für die Rechte der betroffenen Kleinbauern. Im letzten Jahr wurde das ganze Unternehmen plötzlich stillgelegt. Angesichts schwerer Korruptionsvorwürfe wurde kein Geld mehr bewilligt. Alle Bauunternehmen zogen sich zurück und bauten ihre Strukturen von Technik und Verwaltung ab. Da ist nun eine über viele Kilometer zerstörte Landschaft ohne jede Chance auf Vollendung. Hier haben wir noch einige Dutzende von Kleinbauern, die vor Gericht ihre Rechte einklagen. Als der
Richter kürzlich eine Audienz ansetzte, waren alle Bauern zur Stelle, nur nicht die verantwortliche Bundesbehörde: sie ließ ausrichten, sie hätten kein Geld, um ihr Auto zu tanken. So verläuft dann alles im Sand.

    Wir geben den Bauern weiterhin Rechtsbeistand. Dazu haben wir Zugänge zu den isolierten Feldern geschaffen. Auch haben wir offene, bis zu 10 Metern tiefe Fundamentgrabungen für Brückenpfeiler eingezäunt, um den Absturz von Ziegen und Rindern zu verhindern. Die schon aufgeführten Dämme und Schneisen dienen jetzt für den Verkehr von Fahrzeugen, ohne jede Beschilderung. Wir haben einige Schilder zur Richtungsanzeige und zur Warnung aufgestellt.

    Wir brauchen also nicht nach Themen zu suchen für unsere Wallfahrt. Sich in den Dienst der Armen zu stellen ist eine ständige Herausforderung. Es wie Elisabeth und mit Elisabeth zu versuchen – das macht uns zur Kirche wie Jesus sie gewollt hat.

    Die lange Dürreperiode von sieben Jahren scheint nun beendet zu sein. Es gibt gute Anzeichen und Vorhersagen für eine „normale“ Regenperiode. Aber es müssen Schäden aufgearbeitet werden, die nicht von heute auf morgen zu beheben sind. Das heißt: sie können nicht in der ersten Regenzeit überwunden werden. Ein großer Teil der permanenten Futterpflanzungen und Weideflächen sind auf ein Minimum zurückgegangen. Wir haben schon seit Monaten auf bewässerten Flächen Pflanzungen angelegt, die dann in kleinen Portionen verteilt werden und an vielen Stellen einen Neuanfang ermöglichen.

    Eine drastische Folge der langen Dürre ist die starke Verminderung der Viehherden. In unserer immer schon sehr trockenen Gegend sind das vor allem Schafe und Ziegen. Wir haben begonnen, aus anderen Gegenden gute Zuchttiere zu erwerben und an besonders tüchtige Tierhalter zu verteilen, die das in kleinen Raten abbezahlen. Das ist sehr teuer wegen des aufwendigen Transportes und des begrenzten Angebotes.

    Große Sorge macht uns die Genossenschaft der Bienenzüchter. Die Bienenvölker sind stark dezimiert, werden jedoch auf längere Zeit wieder auf den normalen Stand kommen. Aber für diese Übergangszeit haben die kleinen Bauern keine Reserven. Wir versuchen die Aktivitäten der Genossenschaft auf  Ziegen- und Schafzucht zu erweitern. In der ganzen Gegend hier gibt es keinen einzigen „Schlachthof“ für diese Kleintiere. Die Märkte sind die großen Städte, und die Nachfrage ist sehr groß. Aber wir wollen ganz klein anfangen, immer innerhalb der gesetzlichen Auflagen für Nahrungsmittelproduktion.  Wir kennen einige ermutigende Beispiele, die uns mit Hoffnung erfüllen. Die Ziegenzucht war immer die Stärke der kleinen Bauern unserer Gegend. Aber es gibt noch immer archaische Dimensionen. Um sie zu überwinden braucht es Anreiz und Unterrichtung. Gerade haben wir einen mehrmonatigen Kurs für Ziegen- und Bienenzüchter beendet. Alle Beteiligten waren Jugendliche – sie können Neuerungen leichter annehmen und praktizieren. Hier sehen wir unsere Aufgabe. Aber zuerst muss die vom Glauben an Jesus motivierte „Option für die Armen“ geschehen. Dafür versammeln wir uns um die heilige Elisabeth. Ihr eindrucksvolles Beispiel beweist uns, dass die Botschaft Jesu eine „Frohe Botschaft“ ist. Sie starb mit einem Lächeln und sagte zu einer ihrer Gefährtinnen: „Du magst wissen, dass ich sehr glücklich war.“

    Bei der Wallfahrt des letzten Jahres drängelte sich eine Frau bis zu mir: mager und ausgemergelt, in einem abgetragenen Kleid. Sie berichtete kurz: ihre Wasserstelle war ausgetrocknet und völlig versandet und verflacht. Sie bat mich diese Aufstauung für das lebensnotwendige Wasser neu auszuheben und zu vertiefen. Dieses Thema wird mir öfter angetragen. Aber es ist für mich unlösbar, weil ich dafür keine Maschinen habe. In dem Getümmel vor dem Altar konnte ich der Frau kaum zuhören oder antworten. Aber in den folgenden Tagen nach der Wallfahrt kam mir dieser Fall immer wieder in den Kopf. Es war, als tippte die
hl. Elisabeth mir von hinten auf die Schulter, um mir zu sagen: „...du predigst den Leuten von der Option für die Armen – was tust du denn nun für diese armen Bauern ohne Wasser? Wie steht es denn mit deiner Option für die Armen?“ Schließlich machte ich mich auf, um den Ort und seine Bewohner kennenzulernen. Tatsächlich war die Stauanlage unbrauchbar geworden. Die Leute mussten Wasser teuer kaufen und waren an ihre Grenzen gekommen. Aber was wäre denn überhaupt möglich? Der Traktorfahrer, der mich begleitete, sah sich um und entdeckte hinter einem Hügel eine Stelle, wo bei Regen viel Wasser läuft ohne Erosion hervorzurufen. Wir entschieden eine neue Stauanlage zu bauen. Bei Tag und Nacht arbeiteten zwei Maschinisten eine Woche lang und hoben ein großes, sechs Meter tiefes Becken aus. Sofort kam der erste Regen, und die neue Stauanlage lief schon zur Hälfte voll.

    Ich werde bei der jetzt bevorstehenden Wallfahrt die kleine, verhärmte Frau zum Schluss der Feier in den Altarraum holen, kurz ihre und meine Geschichte erzählen von unserer Heiligen, die mich auf die „Option für die Armen“ verpflichtete. Ich werde die Menge aller Teilnehmer einladen, ihr zu versprechen,  auf ihre Anregung zu achten. Jeder auf seine Art kann etwas von dieser „Option für die Armen“ praktizieren. Elisabeth wünscht sich von uns, dass das nicht leere Worte bleiben.

    Dasselbe Argument hat mir plötzlich geholfen, meine ungewöhnliche Situation zu verstehen und zu akzeptieren. Als 80-jähriger „Ruheständler“ wurde ich „zurückversetzt“ als Pfarrer in unsere priesterlose Pfarrei. Die hl. Elisabeth hat mir erklärt: „Dafür bist du doch hier – wenn du die „Option für die Armen“ predigst, praktiziere das erst einmal selbst.“

         Dom Helder Câmara hat uns ein Gebet hinterlassen, in dem er sich Jesus als Lastesel anbietet. Wie gut das wir unsere Heiligen haben, die uns begleiten mit ihrem Gebet und ihrem Beispiel. Papst Paul VI. hat das so erklärt: „Man hört mehr auf die Zeugen als auf die Lehrmeister und man hört nur auf die Lehrmeister, wenn sie Zeugnis ablegen.“

    So werden wir wieder auf unserer großen Wallfahrt gemeinsam singen: „Wenn wir alle es so machten (wie die hl. Elisabeth) könnten auch wir heilig sein.“

Mit dankbaren brüderlichen Grüßen
Padre Geraldo Gereon