Liebe Schwestern und Brüder in Deutschland:

Über längere Zeit hinweg konnte ich keine schriftliche Nachricht an Euch übermitteln. Seit Anfang März dieses Jahres bin ich nicht mehr der „emeritierte Pfarrer“, sondern musste die Verwaltung der Diözese übernehmen, nachdem unser Bischof versetzt wurde. Als ältester unter uns Priestern (79 Jahre), der von uns allen am weitesten entfernt wohnt vom Bischofssitz (170 km), dazu verantwortlich für die weiterlaufenden Projekte, wurde ich damals zum Diözesanverwalter gewählt. Seitdem bin ich ständig unterwegs auf stundenlangen Fahrten und begrenzten Aufenthalten an verschiedenen Orten, wo immer etwas für das nächste Mal liegen bleibt. Unter anderem haben drei Priester die Diözese verlassen und drei unbesetzte Pfarreien hinterlassen. Eine von ihnen ist die Pfarrei São Francisco de Assis, wo ich 44 Jahre lang der Pfarrer war und wo ich jetzt noch wohne. Ständig muss ich hier erklären, dass der alte Pfarrer nicht wieder neu bei ihnen anfängt – aber ein Minimum muss ich doch übernehmen. Die Diözese mit einem Durchmesser von rund 300 km ist für uns hier nicht besonders groß, aber etwas kommt man doch außer Atem. Ein neuer Bischof ist nicht in Sicht, und das päpstliche Geheimnis lässt keine Spekulation zu. Ich hoffe, dass ich es durchhalte. Jedenfalls braucht man nicht zu spazieren, um Bewegung zu haben. Man ist sowieso im Trab. Überraschte Übeltäter sagen oft: Ich kann es erklären. So wollte ich mein langes  Schweigen erklären. Bei einem kurzen Besuch im Juni konnte ich einige Gruppen und Pfarreien treffen, aber musste viele Besuche aufschieben. Ich bitte, es mir nachzusehen.

Dieser Brief ist nicht einfach ein Bericht. Ich möchte am Beispiel unserer Elisabeth-Wallfahrt am 17.November den Sinn unseres Weges als Kirche in der Nachfolge Jesu erklären. (Die hl. Elisabeth heisst hier Santa Isabel). In meiner Zeit in Simplício Mendes haben wir diese Wallfahrt begonnen. Sie entstand  aus der Sorge um die programmatische Botschaft unserer Bischöfe über die „Option für die Armen“ – sie musste in das Herz des Kirchenvolkes eindringen. Das versuchen wir jedes Jahr von neuem. Wir schrieben es auf die Tafel(siehe Bild) am Eingang des Wallfahrtsgeländes: „Hier wollen wir unsere Option für die Armen einüben, um eine heilige Kirche zu sein, arm und samaritanisch, ausgerichtet auf das Evangelium Jesu – Hl. Elisabeth, bitte für uns“.

Wenn unsere Bischöfe erklären: „Solange es keine Hoffnung gibt für die Armen, gibt es sie für niemanden, nicht einmal für die sogenannten Reichen“ – dann schließen sie daraus: „Die Option für die Armen ist heute das herausragende Merkmal der Verkündigung des Evangeliums, denn das leidende Antlitz der Brüder ist das leidende Antlitz Jesu.“ Das Beispiel der reichen Fürstin Elisabeth, die ihre Krone ablegt, aus ihrem Palast auszieht und bis zu ihrem Tod mit 24 Jahren für die Armen in dem kleinen, von  ihr gebauten Krankenhaus schuftet – dieses Beispiel rüttelt uns jedes Jahr von neuem auf, eine Kirche zu sein, die bereit ist sich zu schinden für die Armen und eine Kirche zu sein, die bereit ist sich zu bekehren zu dieser „Option für die Armen“. Seit 20 Jahren treffen wir uns zu dieser Wallfahrt. Sie findet am Fluss Canindé statt, wo wir vor 28 Jahren eine Brücke über den Fluss bauten. Bei der hl. Elisabeth bekennen wir: „Seit vielen Jahren helfen uns Schwestern und Brüder in unserer Not und Armut. Diesen Einsatz für die Armen möchten wir selbst lernen und praktizieren. Nur so sind wir die Kirche, wie Jesus sie wünscht.“

Tausende Pilger kommen zu dieser Messe im Freien (in diesem Jahr waren es 18.000). Die Liturgie dieser Feier stellt das Leid der Armen durch konkrete Inszenierungen dar. Die große Menge der Pilger ist auf einem Abhang wie auf einer Tribüne versammelt. Sie wird durch diese Szenen einbezogen in das Geheimnis des gekreuzigten Jesu, dessen Züge wir entdecken in den entstellten Gesichtern unserer Brüder.

Dazu drei Beispiele: Sie beziehen sich auf den Bau der Eisenbahnlinie „Transnordestina“, die für Hunderte kleiner Bauern den Verlust ihres bebauten Landes bedeutet.
 
     Zuerst erscheint vor dem Altar Dona Maria mit ihren drei Kindern – sie haben ihr Spielzeug mitgebracht, Plastiknachbildungen der großen Baufahrzeuge – damit spielen sie gern. Der Sprecher erklärt: eines Tages standen die mächtigen Maschinen in voller Größe vor ihrer Tür, begleitet von schwerbewaffneter Polizei. Sie wälzten alles nieder auf dem Land von Dona Maria : das Haus, die Zäune, die Wasserstelle, die Apfelsinenbäume. Die Kinder legen ihre Spielzeuge vor den Altar nieder-der Sprecher sagt: Niemals mehr wollten die Kinder von Dona Maria damit spielen.

    Dann kommt Senhor Raimundo. Er zeigt das gegerbte Ziegenfell der letzten Ziege seiner kleinen Herde, die er verkaufen oder schlachten musste, weil der hohe Bahndamm den Zugang zur Wasserstelle versperrte. Das Fell liegt auf dem Stuhl vor dem Haus von Raimundo. Jeden Abend sitzt er da traurig mit seiner Frau und weiß nicht, was er machen soll.

    Schließlich die dritte Szene vor dem Altar: der Bauer Chico de Mundoca zeigt den Rest des Stacheldrahts, der seinen 3 Hektar großen Acker umzäunte, aufgerollt auf einem Stück Holz-der reicht nicht einmal für einen Gemüsegarten. Die geringe Entschädigung ist ihm bis heute nicht ausgezahlt worden.
Der Einzug der Bibel mit ihrer prophetischen Botschaft, die Fürbitten, die Gabenbereitung: alles wird szenisch bezogen auf die Opfer der Transnordestina: die bewegende Darstellung eine Tragödie für zahlreiche kleine Bauern unserer Pfarreien.

Aber die Eucharistie feiert sowohl den Tod als auch die Auferstehung Jesu. Die Wallfahrtsmesse endet daher mit einer erneuten Erklärung zum Eisenbahn-Bau durch die Felder unserer Bauern. Diesmal aber ist es nicht die verzweifelte Klage, sondern der Bericht von Auswegen, die möglich wurden durch die Gegenwart des auferstandenen Jesus, immer dann, wenn wir uns in seinem Namen versammeln.  Die „Franziskus-Fraternität, die seit über 40 Jahren im Großraum der Pfarrei Simplício Mendes mit ihren zehn Landkreisen tätig ist, organisierte die Opfer der Zerstörung, um neu zu beginnen und zu überleben. In Gemeinschaftsarbeit wurden neue Äcker geschaffen. Dazu wurden neue Stauanlagen für Wasserstellen geschaffen, Tiefbrunnen gebaut und ausgerüstet, neue Stromleitungen gelegt, neue Wohnhäuser gebaut und 36 km neue Stacheldrahtzäune errichtet. Aber das wichtigste Detail wurde so erklärt: Seit dem vergangenen Jahr haben wir einen „Verein der von der Transnordestina Betroffenen“: er spricht mit einer Stimme, hat kompetenten Rechtsbeistand, geht vor Gericht und erzielt die Revision der Enteignungs- und Entschädigungsprozesse. Die Hoffnung ist zu neuem Leben erwacht und mit ihr der Glaube an Gerechtigkeit und an den Rechtsstaat.

Der Sprecher dieser Botschaft schloss mit den Worten: „Außer dem hl. Franziskus inspiriert uns die Patronin der Caritas, die heilige Elisabeth. Ihr Beispiel ist die Mystik all unseres Bemühens. Das letzte Wort soll nun das Gebet eines Kindes sein (Autorin Mutter Teresa): es betet wie die heilige Elisabeth, es spricht mit Jesus wie die heilige Elisabeth, es bietet seine Hände an wie die heilige Elisabeth:
Bedarfst du meiner Hände, Herr, damit sie an diesem Tag den Kranken und Armen helfen? Herr, Dir gebe ich heute meine Hände – Bedarfst Du meiner Füße, Herr, damit sie an diesem Tag mich zu jenen tragen, die einen Freund brauchen? Herr, Dir gebe ich heute meine Füße. – Bedarfst Du meiner Stimme, Herr, damit ich an diesem Tag zu allen spreche, die Dein Wort der Liebe brauchen? Herr, Dir gebe ich heute meine Stimme. – Bedarfst Du meines Herzens, Herr, damit ich an diesem Tag einen jeden, ohne Ausnahme, liebe? Herr, Dir gebe ich heute mein Herz.

Der Abschluss dieser großen Feier war das Lied der heiligen Elisabeth (Text und Musik von einer Bäuerin aus unserer Gemeinde):  „Isabel ajudava à pobreza…”  -   Isabel half allen Armen… “Se nós todos fizéssemos assim…”  -  wenn wir alle das so machen würden, könnten auch wir heilig sein.
Dieser Brief sollte anders ausfallen als ein Bericht – er sollte etwas vermitteln von unserer Sorge, unserem Einsatz und unserer Freude. Alle Brüder und Schwestern, die uns begleiten, sind daran beteiligt. Unsere gemeinsame Freude wurde im elenden Stall von Bethlehem geboren. Sie möge uns begleiten auf den Wegen des neuen Jahres.

Mit dankbaren brüderlichen Grüßen
Padre Geraldo Gereon

 

Weitere Bilder von der Elisabeth-Wallfahrt siehe auch unter:
https://www.portalaz.com.br/blog/blog-do-jb/384260/cerca-de-18-mil-fieis-celebram-o-dia-de-santa-isabel-da-hungria