Liebe Freunde Pastor Gereons!
Seinen Weihnachtsgruß verbindet Pastor Gereon mit einem mutigen Blick in unsere gemeinsame Zukunft. Auch mit 78 Jahren (!) bleibt er weiterhin als Priester unter den Armen im Nordosten Brasiliens tätig. „Er gehört zu der Kirche, die auf die Straße geht, ohne Angst vor Unfällen,... arm unter Armen, eine Samariter-Kirche, für die es kein Datum gibt, sich zur Ruhe zu setzen“ - auch wenn er nun nicht mehr im kirchenrechtlichen Sinn „Pfarrer“ einer Gemeinde ist; „die offizielle Pfarrseelsorge wird ein brasilianischer Mitbruder übernehmen.“ Aber all seine seelsorglichen Tätigkeiten und Aktionen der vergangenen Jahrzehnte (wie z.B. Bienenzucht, Aufforstung nach vier schweren Dürrejahren, Ziegenzucht, und nun der Schutz der Bauern und ihrer Familien wegen der Enteignung durch die neue Eisenbahnlinie) gehen weiter und brauchen auch dringend unsere treue Unterstützung.
Auch wir wünschen Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein friedvolles, gesundes 2016
Ihre Hans und Helga Géréon

LIEBE BRÜDER UND SCHWESTERN IN DEUTSCHLAND:

Vor einigen Wochen arbeiteten wir an einem Bau, der ein schon altes Imkerzentrum in eine Kapelle verwandelte. Auf dem Gelände störte uns ein UMBUZEIRO-Baum: sein Hauptstamm  war bei einem Sturm in die Horizontale umgelegt worden, und die vertikalen Zweige wurden im Laufe der Jahre zu dicken Ästen: ein neuer Baum, fast am Boden liegend. Da er viel Platz einnahm, sägten wir diese dicken Äste ab. Der Rest sollte dann ausgegraben und beseitigt werden. Das ließ aber eine ganze Weile auf sich warten. Plötzlich entdeckte ich, dass an dem scheinbar abgestorbenen Baumstumpf kleine neue Blätter herauswuchsen. Sie wurden schnell zu Zweigen, die nun zu einem neuen Baum werden. Die Prophezeiung von Jesaja kam mir in den Sinn: sie vergleicht den Retter Israels mit einem Spross an einem entlaubten Baumstumpf: „Aus Isais Stumpf aber sprosst ein Reis, ein Schössling bricht hervor aus einem Wurzelstock.“ Es ist das Friedensreich, das mit Jesus anbricht.



Ich möchte mit dieser Beobachtung und dem Jesaja-Zitat ein Thema erklären, das zu unserem Leben gehört wie Geburt und Kindheit. Jeder von uns kommt an den Punkt, an dem man abtritt, pensioniert oder emeritiert wird. Das Alter macht sich nicht nur bemerkbar, es ist nicht nur ein „in den Ruhestand kommen“. Es fordert auch Entscheidungen, die die Richtung bestimmen für einen neuen Abschnitt des Lebens: „terceira idade“ sagt man hier – der dritte Lebensabschnitt.

Man kann das auch ganz lustig beschreiben wie in einem Artikel, den ein Mitbruder mir schickte, als er 80 wurde. „Das Leben fängt mit 80 an. Die ersten 80 Jahre sind hart, danach kommt eine Reihe von Festen, Gedenktagen und Jubiläen. Alle wollen deinen Koffer tragen und dir helfen, die Treppe heraufzukommen. Wenn du Namen vergisst, Telefonnummern und Verabredungen, brauchst du nur zu sagen, dass du schon 80 bist. Wenn du über 80 bist, wundern sich alle, dass du noch am Leben bist – usw.“

Nun bin  ich erst 78. Aber vor drei Jahren hätte ich schon als Pfarrer abdanken müssen. Da ich einen deutschen und einen brasilianischen Bischof habe, muss ich das sogar zweimal machen. Hier in São Francisco bin ich schon seit 1971 der Pfarrer: 44 Jahre lang. Mein deutscher Bischof bestand auf der Regel des Kirchenrechts: mit 75 muss man „abdanken“, also vor drei Jahren – man nennt das auch „die Pfarrei aufgeben“. Man kann sich leicht mit einer Regel abfinden, die ihren Sinn hat. In meinem Fall braucht das niemand von mir zu verlangen. Im Dezember des letzten Jahres habe ich hier mein Amt niedergelegt. Aber mein hiesiger Bischof machte mir darauf den Vorschlag, mich in eine andere Pfarrei zu versetzen: zwischen zwei Orten konnte ich wählen. Mein Thema war fremd für ihn. Denn er brauchte noch nie einen Priester „in den Ruhestand“ zu versetzen. Neun Mitbrüder sind in den letzten Jahren freiwillig oder unfreiwillig ausgeschieden, bevor dieser „Ruhestand“ akut wurde. Die jüngeren Mitbrüder brauchen noch Jahre bis sie die Altersgrenze erreichen.

Aber ich hatte eigentlich eine ganz andere Sorge. Es geht mir um einen organischen Übergang von einer Pfarrei, die anstelle eines ausländischen einen einheimischen Pfarrer bekommen wird. Das ist in vieler Hinsicht nicht leicht, wenn zum Beispiel der neue Pfarrer den sozialen Einsatz seines Vorgängers nicht einfach fortsetzen kann. Nicht alle haben dafür die gleiche Berufung und schon gar nicht dieselben Mittel. Es ist unvermeidlich, dass sich diese Veränderung im normalen Leben der Pfarrei niederschlägt. Dazu gehört der finanzielle Unterhalt , der durch ein Minimum von Einnahmen gedeckt sein muss. So sehr ein ausländischer Priester sich an die normalen hiesigen Bedingungen anpasst - immer kann er auf Reserven zurückgreifen, die der brasilianische Mitbruder nicht hat. Das Normale hier ist: das Minimum für den Unterhalt der Pfarrei, einschließlich Pfarrergehalt, muss in der Pfarrei aufgebracht werden. Das ist für deutsche Gemeinden nicht leicht zu verstehen – sie funktionieren in anderen Kategorien. Eine brasilianische Pfarrei, seit Jahrzehnten von einem Deutschen als Pfarrer geleitet, kommt  nicht daran vorbei „die Zügel anzuziehen“. Das wiederum kann nur ein Einheimischer. Der Ausländer hätte wenig Erfolg damit. Er würde ständig zu hören bekommen, dass er doch wohl kein Geld braucht.

Dieser Übergang jedoch muss mit Geduld und Geschick erarbeitet werden. Die Pfarrei kann nicht mit Anordnungen auf neue Wege gebracht werden. Nur ein längerer Dialog und Bereitschaft zu Kompromissen und Zugeständnissen können Erfolg haben.

Darüberhinaus ist es wichtig, dass der Vorgänger des neuen Pfarrers nicht in unmittelbarer Nähe wohnt. Ein guter Abstand zwischen beiden kann es dem Nachfolger leichter machen seinen eigenen Weg zu finden. Das ist aber nicht leicht in unseren Pfarreien, die große ländliche Gebiete sind, und der Pfarrsitz ein Dorf oder eine Kleinstadt, wo jeder jeden kennt. In meinem Fall aber muss ein weiteres Detail berücksichtigt werden. Seit Jahrzehnten ist meine Pfarreiseelsorge von starkem sozialen Engagement geprägt. Mehrere Projekte werden über einen langen Zeitraum entwickelt. Sie beschäftigen eine Reihe von Personen, in der Mehrzahl Freiwillige, aber einige hauptamtlich. Seit elf Jahren ist der Träger ein gemeinnütziger Verein unter meiner Leitung: die St. Franziskus-Bruderschaft (Fraternidade de São Francisco de Assis). Der Rückzug aus der Pfarrei kann nicht bedeuten, dass diese Tätigkeiten eingestellt werden. Das wäre auch den vielen Wohltätern unverständlich, die uns seit langem mit ihrer Hilfe diese Arbeit ermöglichen.
    
Hier tut sich nun eine Alternative auf, die meinem zukünftigen Weg eine sinnvolle Richtung geben wird: die offizielle Pfarrseelsorge wird ein brasilianischer Mitbruder übernehmen. Meine Aufgabe wird auch „Seelsorge“ bleiben, aber im Rahmen der Franziskus-Fraternität mit ihren Programmen und Aktionen. Die Mitglieder der Fraternität sind keine Einzelpersonen, sondern Bauernvereine und Basisgemeinschaften. Sie wurden von uns gegründet und seit Jahren begleitet. Die jüngste Gründung ist ein überregionaler Verein der durch die Eisenbahnlinie Geschädigten (da geht es um Drohungen, Einfälle in nicht-enteignete Ländereien und Missachtung rechtsstaatlicher Grundsätze). Der Wirkungskreis der Fraternität umfasst das Gebiet von acht Pfarreien.

In den Statuten der Fraternität steht mit aller Klarheit:

„Die grundsätzliche Inspiration der Fraternität ist die Mystik des Evangeliums Jesu, die franziskanische Spiritualität und die ’vorrangige Option für die Armen‘ der brasilianischen Kirche. Das führt zu konkreten Aktionen unter den Armen der Trockenzone des Nordostens.“

Da kann es keinen Zweifel geben: Ein Priester, hauptamtlich tätig in dieser Fraternität, ist kein Sozialarbeiter. Er macht dasselbe, was ein Pfarrer macht: Er verkündet das Evangelium Jesu ohne Begrenzung einer Amtsbefugnis. Er gehört zu der Kirche, die auf die Straße geht, ohne Angst vor Unfällen, wie Papst Franziskus es ausdrückt, arm unter den Armen, eine Samariter-Kirche, für die es kein Datum gibt sich zur Ruhe zu setzen.

Ich will noch einmal vor meine Tür schauen: da liegt der scheinbar abgestorbene Baumstumpf. Aus ihm sprosst neues Grün. Der Prophet Jesaja nutzt den Vergleich:
„... ein Schössling bricht hervor aus einem Wurzelstock (der Befreier Israels) ... auf ihm ruht der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn.“ Meine Erklärungen, Sorgen und Unsicherheiten in Bezug auf einen notwendigen Übergang in der Pfarrei werden eine Gewissheit: Das Ende wird Anfang, Besorgnis wird Befreiung, Verwirrung wird Ausweg.

Mit Euch allen möchte ich mich freudig auf den neuen Weg begeben.
Frohe und gesegnete Weihnachten Euch allen, meinen Begleitern auf diesem Weg.
Euer Bruder in Christus
Padre Geraldo Gereon