Liebe Freunde von Pastor Gereon,
nach vier langen Dürrejahren hat es im Nordosten Brasiliens endlich einmal reichlich geregnet und die Stauanlagen und Zisternen sind wieder gut gefüllt.
Nun beginnen für Pastor Gereon die Aufarbeitung der umfangreichen Schäden durch die Dürre und die Planungen für einen Neubeginn in eine hoffnungsvollere Zukunft der Menschen.
In diesem Rundbrief schildert Pastor Gereon die Motive für seinen mühsamen Weg an der Seite der armen Bauern:
„Mitleid und Erbarmen, das Jesus uns lehrt“ .
Wie sehr die Menschen seiner Gemeinde auf unsere weitere Unterstützung hoffen und wie wirksam unsere Hilfe immer noch ist, beschreibt Pastor Gereon eindrucksvoll – und im Vertrauen auf unsere Solidarität, denn „Zusammen sind wir unterwegs“.
Ihre Hans und Helga Géréon

 

Liebe Schwestern und Brüder in Deutschland:

Schon in den ersten Wochen des Jahres war mir aufgefallen, dass hier bei uns und in den benachbarten Ortschaften die Tankwagen Wasser ausfuhren wie in den letzten Monaten der Dürre. Aber es hatte doch schon gut geregnet. Bis März/April waren alle Stauanlagen bis zum Rand voll. Bei der Suche im Internet fand ich heraus: Mitte März war für 201 der 224 politischen Gemeinden des Bundesstaates Piauí der Notstand der Dürrejahre von neuem bestätigt worden. Mit dieser Maßnahme wurde einer kleinen Gruppe ermöglicht, mit fiktivem Wassertransport Geld zu verdienen. Außerdem wird für ebenso fiktive Ernteverluste eine Entschädigung bezahlt. Die lokalen Behörden bestätigen diese Verluste. Bei Wahlen zahlt sich das dann aus. Vor allem aber können die Lokalverwaltungen auf Grund des dekretierten Notstandes ihre Projekte ohne öffentliche Ausschreibung finanzieren. Also wieder einmal: Korruption oder, im Jargon der regelmäßigen Klima-Katastrophen: „Dürre-Industrie“. Statt Dürre zu bekämpfen wird Dürre gepflegt, und Notstand wird „fabriziert“. Das lohnt sich.

Sollten wir unsere Aktionen zur Förderung der kleinen Bauern einstellen? Aber das wäre eine große Täuschung, mehr noch eine Enttäuschung für unsere Armen. Wir erkennen klar, dass das Bemühen Dürreperioden zu bestehen da beginnt, wo die letzte Dürre aufhört. So haben wir eine intensive Planung für die Arbeit der „Franziskus-Bruderschaft“ auf dem Tisch. Diese „Fraternität“ ist die Zusammenfassung der vielen kleinen Bauerngemeinschaften in dem Großgebiet der alten Pfarrei Simplício Mendes. Meine drei Mitarbeiter und ich arbeiten hauptamtlich in den verschiedenen Projekten der Fraternität.

So haben wir zum Beispiel seit einigen Wochen die Kurse für Jugendliche und Kinder der Landbevölkerung wieder aufgenommen. Aus den zehn politischen Gemeinden unseres Gebietes werden jeweils Gruppen von rund dreißig Jugendlichen über mehrere Monate am Wochenende in Bienen- und Ziegenzucht geschult. Theoretische Unterweisung in unserem Schulungszentrum wechselt ab mit praktischen Übungen in unseren Einrichtungen auf dem Land. Der praktische Nutzen ist doppelt so groß wie bei der älteren Generation.

Die lange Dürre hat große Schäden hinterlassen. Der Bestand der Bienenvölker und der Ziegenherden ging drastisch zurück. Die fleißigen Bienen kommen schnell wieder voran. 80 Prozent des alten Bestandes ist schon wieder hergestellt. Bei den Ziegen geht das langsamer, obwohl es dreimal schneller ist als bei Rindvieh. Die Tiere brauchen Futterplätze und Futtervorräte. Die Maniok- und Palmapflanzungen (Futterkaktus) waren fast völlig zerstört. Sie haben einen langen Reifeprozess und werden nicht als Samen ausgesät. Es müssen Setzlinge und Ableger verwandt werden. Darum ist der Prozess zur Normalisierung langwierig. Im letzten Jahr haben wir den Anfang gemacht. In diesem Jahr können wir ein größeres Angebot machen. Die Unkosten sind groß, zum Beispiel der Transport an die rund 35 Verteilerstellen zu Beginn der Pflanzperiode. Für uns ist dieses Thema sehr wichtig, weil uns klar ist, dass die intensive Viehzucht der Ausweg aus der Armut ist. Dafür müssen wir noch lange Wege zurücklegen. Viele Besitzer von Ziegenherden haben zum Beispiel keine Stallanlagen. Die Ziegenherden laufen frei in Busch herum und liegen nachts vor der Tür der Besitzer. Wir haben schon lange daran gearbeitet, Ställe zu bauen, zum Teil mit Anschluss an eine Zisterne zur Wasserversorgung. Es müssten noch hunderte mehr sein.

Wir haben einen langen Weg hinter uns, mit vielen Versuchen, den armen Bauern Auswege aus ihrer Not zu zeigen oder zu schaffen. Oft sitzen wir beieinander und überlegen oder prüfen, welchen Sinn unsere Arbeit hat. Da unsere Motivation vom Evangelium Jesu ausgeht, haben wir andere Kriterien als die verschiedenen offiziellen Programme. Wenn diese sich bestimmten politischen Kriterien unterwerfen, ist es bei uns das Mitleid und Erbarmen, das Jesus uns lehrt. Jesus sagt nicht: Setz dich und warte ab bis etwas für dich abfällt. Jesus sagt: Steh auf und wandle; die Bahre, auf der du lagst, kannst du unter den Arm nehmen und wegschaffen – du brauchst sie nicht mehr.

Unsere Hilfe muss sich auf diese Weise entwickeln. Sie entsteht, wenn Mitleid und Erbarmen den Anfang machen, nicht um zu beklagen, sondern um zu verwandeln. Heute morgen, als ich früh zum Beten in die Kirche ging, lag vor meinem Haus ein Mann auf der Straße, mitten auf der Fahrbahn, also hoch gefährlich. Ich stellte fest, dass der Suff ihn bezwungen hatte. Er musste also schnell fortgeschafft werden, und so früh war weit und breit kein Helfer zu sehen. Es gelang mir, ihn zu wecken, hochzuziehen und wegzuschleppen. So verstehe ich unsere Arbeit. An einem Beispiel erkläre ich es.

Ich habe schon berichtet von der Transnordestina-Eisenbahn. Sie wird auf einer Strecke von 1.729 km gebaut und führt durch unsere Pfarrei (40 km). Ein rund 80 m breiter Streifen wird für das Schienennetz enteignet. die Betroffenen auf unserem Gebiet sind immer kleine Bauern. Der Streifen für die Schienen geht durch Felder, Weiden und Gebäude. Die Entschädigungen sind minimal, ungeeignet für einen Neuanfang und immer begründet auf irgendwelchen archaischen Gesetzen. Der fatale Schaden ist oft nicht der enteignete Streifen, sondern das in zwei unterbrochene Teile aufgespaltene Anwesen. Der kleine Bauer steht vor seinem Haus und schaut auf sein Feld auf der anderen Seite des Bauabschnitts. Dort liegt der größte Teil seines Ackers. Ein halbes Jahr später ist auf dem eingezäunten Bahnstreifen ein 5 m hoher Damm entstanden. Auf der einen Seite das Haus und ein kleiner Rest des Ackers. Auf der anderen Seite sein Acker, den er besitzt, aber nicht erreicht. Das Leben dieser Familie ist zerstört. Weder das Haus noch der Acker wurden enteignet. Nichts brauchte entschädigt zu werden, außer dem Streifen des Bahndammes. Kein Gesetz sieht diese Situation vor, der Schaden ist nicht zu belegen. Man muss dem Mann in die Augen sehen, um zu ahnen, was in ihm vorgeht. Und man muss Lösungen durchdenken und abwägen: das Haus muss weg vom Fuss des Bahndamm-Ungetüms. Ein neuer Acker muss entstehen. Kein Beamter braucht sich damit zu befassen. Mitleid ist nicht vorgesehen. Wir sind entschlossen: wir werden den Mann da herausholen.

Einige Kilometer weiter: ein neuer Fall. Acht benachbarte Familien haben eine gemeinsame Wasserstelle für ihr Vieh. Der Bahndamm trennt diese Wasserstelle von Häusern, Weiden und Äckern. Wieder eine verzweifelte Lage. Kein Gesetz nimmt sie wahr. Mitleid ist kein Argument für den Staat. Wir haben hin und her überlegt und die Gegend eingehend untersucht. Es ist klar: Es muss eine neue Wasserstelle her, das heisst: ein Regenrückstaubecken, diesseits des Bahndammes. Wir haben mit Bodenuntersuchungen begonnen. Mit Gottes Hilfe werden wir den Bann dieses Un- rechts brechen. „Steh auf und lass die Bahre liegen“ sagt Jesus. Sein Erbarmen verwandelt, auch heute.

Im Oktober wird die „Romaria da Terra e da Água“ gemeinsam von allen 8 Diözesen Piauís durchgeführt (Land und Wasser – Wallfahrt). Es ist eine Gelegenheit, der Stimme der Kirche Gehör zu verschaffen, die ihre „Option für die Armen“ verkündet und Zeugnis des Erbarmens Jesu geben soll. Es laufen Vorbereitungen für die Liturgie der Gottesdienste. Aber wer macht die Erhebungen der Fakten, die Land und Wasser in eine Quelle der Sorge und des Leids verwandelt haben. Mitleid, das verwandelt, entsteht, wenn man genau hinsieht und sich den verwundeten Bruder auflädt. Wir haben begonnen, Informationen über die 420 km lange Bahnstrecke auf dem Boden Piauís zu sammeln, die durch drei unserer Diözesen mit zehn Landkreisen läuft. Der Staat und die Bauunternehmen sprechen nicht gern über die Einzelheiten, die uns interessieren. Uns geht es darum, die Fakten in die liturgischen Feiern einzuarbeiten. Viele Worte werden ein Spektakel, sie führen nicht zu der Erfahrung des menschgewordenen Gottes., der ein Gott der Kleinen und Armen sein wollte und Jesus von Nazareth heisst.

Auf unserem Weg sind wir nicht allein. Hier im Land und dort in Deutschland haben wir viele Begleiter. Ihre Hilfe ermöglicht unsere Aktionen. In den letzten Monaten konnten wir eine Anzahl neuer Ackerflächen und mehrere neue Häuser für die Betroffenen der Enteignungen erstellen. Dafür sind wir sehr dankbar und geben den Dank vieler erleichterter Familien an unsere Brüder und Schwestern weiter. Jeden kleinen Schritt tun wir im Vertrauen auf diese Hilfe. Zusammen sind wir unterwegs.

Auf meinen langen, einsamen Fahrten höre ich mir immer ein Lied an, das von Zé Vicente stammt, einem begnadeten Sänger der Botschaft Jesu, der uns einlädt, die Kirche der Armen zu sein:

„Schwere Zeiten haben wir – ich weiss es:
Hunger herrscht – Hunger nach Brot und Hunger nach Frieden.
Dies ist nicht das Land, das ich mir erträumte.
Es ist einfach zuviel, zuviel an Angst, Lüge und Gewalt,
und eine ausgeraubte Nation.
Das ‚Ja‘ gibt es nur für die Wahrheit, der Rest ist ‚Nein‘.
Und so gehe ich los mit meinem Lied, eröffne neu Wege,
mache Schluss mit all dem Zauber,
reisse die Hürden in den Herzen nieder,
zerstöre Lüge und Betrug,
Ich weiss: mein Gesang ist eine Waffe ...
Wer sagt denn, dass der Schmerz ewig ist ...
dass der Blinde nicht sehen kann ...
dass ein blindes Schicksal uns regiert?
Das wollen wir doch mal sehen.
Die Strahlen der Sonne haben einen starken Glanz,
ich weiss das und sehe es deutlich:
die Kraft der Liebe besiegt den Tod
und läßt mich leben.“

Allen Brüdern und Schwestern senden wir herzliche, dankbare Grüße.

Padre Geraldo Gereon.