Liebe Schwestern und Brüder in Deutschland:

Am 2. Februar werden es 50 Jahre, dass ich mit fünfzehn Mitbrüdern zum Priester geweiht wurde. Wir schrieben damals auf eine gemeinsame Einladung: „Weil wir dieses Amt durch das Erbarmen Gottes bekleiden, verlieren wir den Mut nicht“ (2. Korintherbrief). Wir gehörten zu der Generation, die schon vor der Eröffnung des Konzils spürte, was sich da anbahnte und was unabwendbar den Weg der Kirche bestimmen musste. Unabwendbar sollte das auch unser Weg werden. Es lag in der Luft, was das Konzil zum Ausdruck bringen musste. Lange schon warteten wir darauf. Es fehlte uns nicht an Mut, diesen Weg einzuschlagen, trotz der Empfehlungen zu unterwürfigem Wohlverhalten.

Dasselbe Paulus-Wort an die Korinther-Gemeinde , das uns damals ermutigte, kann auch nach 50 Jahren helfen bei der Besinnung über diese lange Zeit. Es vermittelt zwei zentrale Begriffe für den Weg der christlichen Gemeinde: „Erbarmen“ und „Mut“. Zuerst ist es das Erbarmen Gottes. Es macht uns zu Kindern Gottes, ist unverdiente Gnade und überwindet unsere Schwäche, die wir durch keine Anstrengung in den Griff bekommen. Je länger wir unterwegs sind, um so deutlicher wird es: die bedrückende Erkenntnis der eigenen Schwäche wird durch das Erbarmen Gottes eine Einladung zur Treue. Auf diese Weise klärt sich dann die ganze Vielfalt priesterlichen Wirkens: es geht nur um eines: Gottes Erbamen zu verkünden an die Brüder und Schwestern, mit denen wir gemeinsam unterwegs sind.

Diese Verkündigung fordert uns heraus, zuerst das Erbarmen miteinander zu praktizieren. Unsere Aufgabe ist nicht nur, Gerechtigkeit zu fordern und auf Disziplin in Lehre und Verhalten zu bestehen, sondern dem Erbarmen das letzte Wort zu lassen, Frieden zu stiften und damit Türen zu öffnen, die wir selbst verrammelt haben. Ich bekenne,  dass ich lange gebraucht habe, um das zu erkennen. Und immer mehr bekam ich Mut auf diesem Weg. Die Sorge nicht genau genug zu sein wich immer mehr der mutigen Freiheit, alles im Licht des Erbarmens zu überdenken. „Wir verlieren den Mut nicht“, bekennt Paulus den Korinthern. Ich möchte es ihm bestätigen.

Dieser Mut ist nicht ein stolzes Selbstbewusstsein. Er nährt sich vielmehr aus dem Erbarmen. Denn man braucht Mut, um das Empfinden über hilflose Not in die konkrete Geste zu verwandeln. Damit das Zittern des sich erbarmenden Herzens zur Stärke des Armes und zur festen Hand wird, muss es der Mut zum Aufbruch werden, um Gefallenes aufzurichten, Zerstörtes wiederzubeleben und Verlorenes heimzuholen. Wenn priesterliches Wirken in der Gemeinde Gottes nicht Erbarmen und Mut vereint, wird es Routine, Privileg und ersehnter Ruhestand. Damit aber verdunkelt sich die Erkenntnis, dass Gottes mutiges Erbarmen ihn nach Nazareth brachte.

In Nazareth begann das menschliche Leben Gottes, sein Tod und seine Auferstehung. Dort wurde er unerklärlich klein, gewöhnlich, verletzbar, abgelehnt, aber gerade deshalb fähig zu dem Erbarmen, das alles verwandelt. Der auferstandene Jesus schickt seine Jünger zurück nach Galiläa, dorthin, wo alles begann, da wo  Erbarmen und Mut so radikal waren, dass sie die unvorstellbare Wende möglich machten. Nazareth ist das Modell für den Diözesanpriester und alle Christen. Die Erfahrung von Nazareth ist unerlässlich für eine Kirche, die arm, transparent, samaritanisch und missionarisch sein möchte, vor allem aber solidarisch mit den Armen – und auch nur deshalb heilig.

Was wir hier in den letzten Jahren getan haben, und noch verstärkt in diesen langen Dürremonaten, kann nur verstanden werden auf dem Hintergrund der Motivierungen eines langen Priesterlebens. Ich konnte in diesem Jahr nicht einmal zum Weihnachtsfest meine Grüße an so viele treue Freunde senden. Es blieb mir dafür keine Zeit. Denn wir sind auf der letzten Durststrecke der Dürre, die uns seit Monaten so stark beansprucht. Plötzlich war die Frist verstrichen, um diese Grüße rechtzeitig abzuschicken. Bitte, verzeiht es mir. Not macht erfinderisch, sagt man. In meinem Fall heißt das heute: Erbarmen macht mutig. So viele Brüder und Schwestern haben uns das mit ihrer Hilfsbereitschaft bestätigt. Daher sagen wir hier unseren herzlichen Dank für alle großzügige Hilfe. Es war die rettende Hilfe in extremer Not.

Nun müsste schon seit zwei Monaten die neue Regenperiode begonnen haben. Es gab aber bis jetzt nur zaghafte Anfänge. Sie haben an einigen Orten  die Wasserstellen ein wenig aufgefüllt. Zwei der drei Tankwagen haben wir deshalb vorübergehend stillgelegt. Aber der dritte fährt weiterhin Tag und Nacht das rettende Wasser an die Orte, die noch keinen Tropfen Regen hatten. Am schlimmsten aber sind die trockenen Felder und der nur kärglich grünende Busch. Nichts ist gepflanzt, Futter ist nicht vorhanden, die Bienen haben ihre Arbeit noch nicht begonnen. Die Vorhersagen für Januar sind katastrophal. Gestern nachmittag hatten wir 35 Grad Hitze und unter 20% Luftfeuchtigkeit. Heute morgen stand die brennende Sonne an einem völlig wolkenlosen Himmel. Es ist kein ermutigendes Anzeichen in Sicht. Viele Menschen machen einen müden und mutlosen Eindruck. Wie kann man ihnen Mut machen? Oft aber sind sie es, die mir Mut machen, ihr Glaube ist stärker als meiner.

An diesen Punkt möchte ich ein Wort des Propheten Jesaja stellen. Es kann mir Mut machen auf dem Weg durch die Dürre und auf dem Weg des priesterlichen Dienstes im Volk Gottes: „Die Jugend wird müde und ermattet, selbst junge Krieger brechen zusammen. Die aber auf den Herrn hoffen, schöpfen neue Kraft, empfangen Schwingen gleich dem Adler. Sie laufen und werden nicht müde, sie gehen und gehen und werden nicht matt.“

Uns allen möchte ich dieses mutige Vertrauen wünschen.

In herzlicher Dankbarkeit und Verbundenheit grüßt Sie alle
Ihr Bruder in Christus  Padre Geraldo Gereon


Das beigefügte Andenkenbild zeigt das Kreuz als Baum des Lebens. Ich habe es im Jahr 2000 angefertigt, um mit meiner Gemeinde den Weg in das neue Jahrtausend zu beginnen. In der üppigen Blütenpracht ist es auch jetzt wieder das Symbol des mutigen Vertrauens auf Gottes Gegenwart. -  Auf der Rückseite habe ich den „blauen Christus“ eingefügt. Es stammt von meinem Primizbildchen vor 50 Jahren