Liebe Schwestern und Brüder in Deutschland,

Am 12. März übersandte ich dem Fernsehsender GLOBO auf dessen Anfrage eine Analyse der augenblicklichen Situation in unserer Gegend. Es besteht kein Zweifel darüber, dass wir es mit einer Dürrekatastrophe zu tun bekommen. Dazu einige Auszüge:

„Angesichts der sich heranbildenden Dürre haben schon alle Ortsverwaltungen den Notstand erklärt.“ „Die Niederschläge sind absolut unzureichend. Nachdem fünf Monate der Regenperiode vergangen sind, gab es nur 303 mm Regen, in kleinen Mengen und in großen Abständen untereinander. Es fehlen nur noch fünf Wochen bis zum Abschluss der Regenzeit. Die durchschnittliche Niederschlagsmenge vom 620mm pro Jahr ist nicht einmal zur Hälfte erreicht.“

Die Folgen sind katastrophal. Der Boden wurde nicht feucht genug zum Pflügen nach 10 Monaten Trockenzeit. Wer es trotzdem riskierte, hatte Totalverlust. Wenn die Saat aufging, ging sie durch die Dürre wieder ein. Einige Felder sind bis heute nur zur Hälfte gepflügt. Die Feuchtigkeit reichte nur für einen Tag. Auf allen Feldern unserer Gegend sieht man das gleiche Bild: kleine Pflanzen, nicht höher als 20 cm, schon welk oder sogar eingegangen. Der letzte spärliche Regen fiel vor 29 Tagen. Die Pflanzungen brauchten mindestens noch  1½ Monate Regen. Bis Ostern, dem üblichen Abschluss der Regenperiode, fehlen noch 25 Tage. Und für Pflanzen gibt es nur Tod, aber keine Auferstehung.

85% der Bevölkerung unserer Gegend sind kleine Bauern. Auf ihren Feldern ist nichts gewachsen. Sie werden keine „Einbußen“ haben, sondern überhaupt keine Ernte.  Alle Reserven vom Vorjahr sind schon aufgebraucht. Immer mehr Leute flüchten sich nach São Paulo, verheiratete und ledige Männer hauptsächlich. Sie müssen auch noch den kritischen Arbeitsmarkt dort bestehen, der immer weniger unausgebildete Leute absorbiert.

Vom 9. bis 13. Februar gab es einige gute Regenfälle, die die Wasserreserven ein wenig auffüllten. Diese Erleichterung nach langer Wasserknappheit wird nur kurz anhalten. Jeden Tag wird es kritischer, besonders für die kleinen Viehherden. Die Weiden für große und kleine Tiere sind in demselben Zustand wie die Felder: nichts ist gewachsen, sie bieten einen grauen und trockenen Anblick. Viele Bauern verkaufen schon ihre Ziegen zu billigen Preisen, bevor sie dem Hunger ausgeliefert sind. Fast die gesamte Bevölkerung lebt von der bescheidenen Landwirtschaft. All diesen Leuten steht eine regelrechte Hungersnot ins Haus. Es gibt keine Alternativen. Die sonst so üppige Honigproduktion bringt nicht einmal 10% des Vorjahres zusammen: da waren es 400 Tonnen Honig, jetzt werden es vielleicht nur 20 Tonnen. Die Genossenschaft der Imker wird Ihren Betrieb stilllegen müssen.

Die Fernsehredakteure wollten wissen, welche Maßnahmen schon ergriffen wurden, um die Dürre zu bestehen. Ich habe ihnen erklärt: Naturkatastrophen dieses Ausmaßes haben niemals eine unmittelbare Reaktion. Nichts aber ist so leicht vorherzusehen wie die Dürre des brasilianischen Nordostens. Sie ist eine alte Bekannte, die periodisch auftritt. In den letzten Jahrzehnten hatten wir sie 1970, 1978, 1983, 1992, 1993, 2007, und jetzt 2012. Organisierte Präventivmaßnahmen gibt es nicht. Brasilien ist nicht Japan. Die Kolonialvergangenheit prägt noch immer Teile der Gesellschaft, der es nicht gelingt die verkümmerte Sensibilität der Eliten für das Leid der Armen und Schwachen zu überwinden. Einige gute Programme der Zentralregierung verdorren oft auf dem Weg durch die Instanzen mit wenig Effizienz und viel Korruption, bis sie die Niederungen der Armen ohne Namen und Stimme erreichen.

Vorgestern habe ich mit unseren Mitarbeitern einen Vormittag zusammengesessen und nachgedacht über die bevorstehende Katastrophe. Es war mehr ein Haare raufen angesichts fehlender Antworten. Es ist uns klar, dass noch die Chance für eine Wende besteht: 50 Tage mit regelmäßigen Niederschlägen würden vieles ändern und den Schaden begrenzen. Wir alle hier sagen immer wieder: Nur das Mitleid Gottes kann uns noch helfen. Der Bauer des dürregeplagten Nordostens klammert sich an diesen Glauben. Und er begehrt nicht auf, wenn das nicht eintritt, was er erhofft hat und worum er den guten Gott gebeten hat.

Mit herzlichen brüderlichen Grüßen
Padre Geraldo Gereon