Liebe Schwestern und Brüder in Deutschland!

Nach langer Zeit kommt nun wieder ein Lebenszeichen aus dem Nordosten Brasiliens. Fast immer sind unsere Nachrichten Hilferufe aus der Dürre. Diesmal nun können wir von einer Ausnahme berichten, die nur alle neun Jahre vorkommt: es hat reichlich geregnet in den letzten Monaten, so dass wir gute Wasservorräte und eine normale Ernte haben. Die Sorgen, die uns bewegen, haben aber indirekt auch etwas zu tun mit der Wassermenge, die uns so fröhlich macht. ( siehe auch die Seite AKTUELL ! )

In diesen Tagen ging das Telefon öfter als gewöhnlich. Leute aus der Gegend von Santo Antonio riefen an, einem kleinen Ort meiner Gemeinde am Fluss Canindé. Ihr Thema war mir in den letzten Tagen schon öfter vorgetragen: die große Stauanlage „Pedra Redonda“ im Fluss Canindé, flussaufwärts von Santo Antonio etwa 700 Meter. Immer ist es dieselbe ängstliche Frage:Wird der Staudamm halten – er ist durch die starken Regenfälle bis zum Überlaufen voll. Das sind 216 Millionen Kubikmeter Wasser. Die Stauanlage besteht aus einem 50 m hohen Wall, aufgeführt mit grobem Felsmaterial, unten 100 m und oben 10 m breit. Das Flussbett unter dieser enormen Aufschüttung ist auf 350 m Länge mit einer 1,20 m dicken Betonschicht abgedichtet, eine Technik, die extrem tiefe Fundamente ersetzt. Der Überlauf ist seitlich in ein Felsmassiv eingebaut, das große Wassermassen verkraftet. Ohne mich als technisch kompetent zu betrachten sehe ich an keiner Stelle eine Gefahr.  Es besteht nur ein relativ kleines Rinnsal an der Dammsohle, das seit dem Bauabschluss vor zehn Jahren schon existierte und von der Baufirma als normal erklärt wurde. Jetzt aber löst es plötzlich eine Panik aus. Und alle wollen nun vom Pfarrer wissen, ob sie sicher sind oder besser die Flucht ergreifen sollten. So ist das hier, wenn es einmal über dem Durchschnitt regnet.

Eine öffentliche Anhörung wäre hier angebracht. Das kann man mit einer Unterschriftenaktion erreichen. Dadurch könnten wir uns genauere Informationen beschaffen und die aufgeschreckte Bevölkerung beruhigen, in der hysterische und unbegründete Angst um sich greift.

Ich schneide hier dieses Thema an, weil die brasilianische Kirche in ihrer Fastenaktion 2011 das Thema der gefährdeten Umwelt und die Verantwortung für unseren Planeten zu ihrem Programm gemacht hat. Uns erleuchtet dabei der Glaube an den Schöpfer-Gott und den auferstandenen Christus, der das Leben verwandelt und erneuert. Wir haben versucht das Thema mit den Menschen unserer Gemeinde so praktisch wie möglich zu behandeln. Ein kleines Beispiel: bei größeren Versammlungen benutzen wir nicht die Wegwerfbecher zum Trinken sondern feste Becher für jeden Teilnehmer, die immer wiederverwendet werden. Die Menschen hier stehen noch ganz am Anfang eines neuen Bewusstseins. Wie können sie auch Wasser sparen, wenn sie davon nicht einmal das Minimum haben?

Unter Bauern, die die Erde bearbeiten, muss dieses Thema jedoch eindringen in die Praxis ihrer Beziehung zur „Mutter Erde“. Es geht nicht nur einfach um das Gebet für Regen und einen gute Ernte. Der gläubige Bauer sollte der erste sein, der fähig ist Gottes Herz schlagen zu hören in der Sorge um seine Schöpfung. In dieser Fastenzeit sangen wir: “Die Erde ist Mutter, ein lebendiges Geschöpf – auch sie atmet, ernährt sich und leidet; - was sie am meisten braucht, ist Respekt; - ohne deine Sorge für sie fällt sie in Agonie und stirbt.“

Unsere Arbeit mit den Armen wird immer mehr beeinflusst von dieser Sorge um die Umwelt und den Erhalt der Natur. Das reine Almosen für einen in der Dürre verhungernden Mitmenschen muss die Ausnahme sein. Menschen zu helfen den Weg aus der Armut zu finden, bedeutet auch, sie erkennen zu lassen, dass ihr Bemühen um ein besseres Leben sie nicht befreit von der Sorge um die Erhaltung der Natur. Ich kann dazu einige Beispiele aus unserer Arbeit anführen.

Wie wichtig es ist, den Leuten zu einer klaren Meinungsbildung zu verhelfen, die in eine eigene Organisation innerhalb der demokratischen Regeln führt, zeigt das Beispiel der „Transnordestina“-Eisenbahn. Die Leute sind organisiert vor die Gerichte gegangen. Die Streckenführung und der Enteignungsprozess werden nun anscheinend neu überdacht. Und so liegt seit Monaten alles still. Auf einer Web-Site von Piauí stand eine sicherlich falsche Erklärung: „Der Pfarrer hat gewonnen.“

Und nun zurück zum Fluss Canindé (übrigens hat gerade wieder jemand angerufen und gefragt ob es gefährlich ist dort wohnen zu bleiben). Erklärtes Ziel dieser großen Stauanlage ist es den Fluss das ganze Jahr über Wasser führen zu lassen, d.h. ihn zu perennisieren. So wird in den Trockenmonaten, wenn das Flussbett austrocknet, soviel Wasser in den Fluss abgelassen, dass er ständig mindestens einen halben Meter Wasser führt auf seinem 250 km langen Weg bis zur Mündung. Zu diesem Zweck sollen auf der Strecke noch 23 kleinere Aufstauungen gebaut werden. Diese radikale Veränderung des Flusses bedeutet, dass an den Flussufern  die Böden bewässert werden können. Die unachtsame und unbeaufsichtigte Rodung  dieser Flussränder ruft Erosion und in der Folge die Versandung des Flusses hervor. Das Gesetz schreibt einen 30 Meter breiten Streifen  am Flussrand zur Erhaltung der ursprünglichen Vegetation  vor. Aber der Gesetzgeber merkt den Schaden erst, wenn der Fluss schon versandet ist. Die Landbesitzer zeigen wie immer wenig Bereitschaft irgendwelche Regeln zu beachten. Hier nun möchten wir ansetzen

Die ersten 30 Kilometer vom Staudamm flussabwärts liegen in unserer Gemeinde. Die schon angerichteten Schäden sind klar erkennbar. Wir möchten nun die kleinen Bauern am Flussrand anregen, den abgeholzten Schutzstreifen neu zu bepflanzen. Dazu möchten wir Setzlinge von Bäumen und Sträuchern produzieren und anbieten. Es geht also sowohl um die pädagogische Arbeit als auch um den Anreiz eines günstigen Angebotes. Das ist Neuland für uns. Die Kosten sind noch nicht klar abzusehen. Aber es muss ein Anfang gemacht werden.

Ein zweites Beispiel liegt auf derselben Linie. Seit Jahren versuchen wir unseren kleinen Bauern klarzumachen, dass sie auf ihren hügeligen Feldern so pflügen und pflanzen müssen, dass keine Erosion dem Boden die wertvollen Bestandteile wegschwemmen kann. Das bedeutet, dass sie quer zur ansteigenden Fläche arbeiten müssen. Diese nivellierten Kurven um die Anhöhen herum halten auch besser die Feuchtigkeit. Offensichtlich bereitet das mehr Arbeit. Aber der Aufwand lohnt.

Oft schon wurde mit den Bauern dieses Verfahren eingeübt. Aber wenn man in der Pflanzzeit durch die Gegend fährt, sieht man immer wieder, dass auf den hügeligen Feldern von unten nach oben gearbeitet wird. Das empfohlene Verfahren hat sich nicht durchgesetzt, entweder aus Unverständnis oder aus Bequemlichkeit. Wir wollen es noch einmal versuchen: zusammen die Notwendigkeit erkennen, die Böden unserer Anbauflächen zu erhalten und zu verbessern. Die Bauern brauchen einen stärkeren Anreiz, um diese Verfahren zu praktizieren. Deshalb wollen wir Preise aussetzen für die, die ihre Äcker korrekt behandeln (z.B. eine Rasseziege oder einen Bienenstock). Die Natur zu erhalten durch ökologisch einwandfreie  Methoden, das muss doch auch für unsere armen Bauern möglich sein.

Für Menschen, die ihre kulturelle Verwurzelung nicht leicht aufgeben, sind Veränderungen nicht immer angenehm. Es treten unbewusste Widerstände auf, die man nicht weg reden kann. Manchmal  ist es das Alter, das die Veränderung scheut. Deshalb haben wir ein Schulungsprogramm für Kinder aus Bauernfamilien geschaffen. Sie werden in Wochenendkursen in Bienen- und Ziegenzucht eingewiesen, dazu in eine ganz grobe und einfache rechnerische Planung landwirtschaftlicher Aktivitäten. Die Kinder bringen ihren Taschenrechner mit und kalkulieren die Kosten für einen Arbeitsgang auf dem Feld. Das macht ihnen Spaß. Auch das Thema ökologisch korrekten Verhaltens wird  mit Leichtigkeit aufgenommen. Es kann so eine neue Generation heranwachsen, der man nicht falsches Verhalten ausreden muss, um sie zu überzeugen, schlecht verständliche Normen zu beachten.  Armut zu überwinden hängt auch damit zusammen, offen zu sein für Veränderungen im eigenen Verhalten. Jesus fragte manchmal vor seinen Wundern: „Willst du geheilt werden?“ Das gehört zu den Wundern dazu. „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist“, sagte David Ben Gurion, einer der Gründer des jüdischen Staates.

Ein weiteres Beispiel bestätigt unsere Erfahrung, dass ökologische Zusammenhänge beachtet werden müssen bei dem Bemühen Armut zu überwinden und nicht zu bekämpfen. Wir sind aufmerksam geworden auf die Möglichkeit Sesam anzubauen. Es gedeiht gut in unseren Breiten. Da man hier dieses wertvolle Produkt nicht in größerem Umfang anbaute, fehlt auch für die Vermarktung der Zwischenhandel.  Er ist notwendig, um größere Mengen abzusetzen. Auf der Suche nach solchen Abnehmern stellten wir fest, dass dieses Produkt in größerem Umfang nur mit dem Bio-Zertifikat zu vermarkten ist. Das macht den Versuch ein neues Produkt einzuführen nicht nur technisch sondern auch bürokratisch kompliziert: es müssen nämlich alle Bauern einzeln erfasst und geprüft werden. Und man muss die Bauern davon überzeugen, dass sie dasselbe Produkt nur zweimal auf demselben Acker anbauen dürfen. Wir haben uns an die Honig-Genossenschaft angehängt, die ständig diesem Prozess unterworfen ist, um exportieren zu können. Da kann man einiges an Kosten sparen.

Aber eines ist uns klar: Hätten wir nicht unsere kompetenten Mitarbeiter, würde unseren einfachen Bauern der Einstieg in die ökologische Landwirtschaft nicht gelingen. Beim Sesam    z.B. wird ein hoher Grad an Reinheit verlangt (95%). Unsere kleinen Bauern säubern Sesam genauso wie Mais und Bohnen: mit dem Wind. Sie schütten die Körner im hohen Bogen von einer Schüssel in die andere. Eine intensivere Reinigung aber geht nicht ohne eine Maschine. Wenn diese Maschine jetzt nicht auftaucht, bleibt der Karren stecken. Wir konnten eine gebrauchte, gut überholte Maschine erwerben. Aber die braucht für ihre Arbeit einen Raum, der auch eine minimale Lagerkapazität hat. Also wird man Maurer rufen müssen. So muss nach jedem Schritt ein nächster Schritt kommen. Und jeder Schritt muss getragen sein von der Gemeinschaft aller Beteiligten. Es gibt daher immer den doppelten Aspekt: der pädagogische Aspekt (es müssen Kenntnisse und Überzeugungen vermittelt werden) und der finanzielle Aspekt (es müssen im rechten Moment die Mittel zur Verfügung stehen). Ökologie ist ein Weg und ein Ziel. Sich auf diesen Weg zu machen bedeutet sich zu bekehren und treu der eingeschlagenen Richtung folgen.

Bekehrung hat etwas mit der Botschaft Jesu zu tun: „Bekehrt euch und glaubt an die gute Botschaft“, so begann Jesus sein öffentliches Leben. Glaubt an „die gute Botschaft“, nicht an eine Droh- oder Schreckensbotschaft. Bekehrung heißt: in der Person Jesu die Liebe Gottes erkennen: sie hat Gutes geschaffen, sie heilt und rettet. Aber ohne unsere Bekehrung wird die „gute Botschaft“ gar nicht bemerkt.

Auch das Bemühen um unsere armen Bauern hat diese Aufgabe: der trockene Busch, das wenige Wasser, die Felder und Weiden, die Produktion von Nahrungsmitteln, die Abwehr von Schädlingen, die Zucht nützlicher Tiere, das gemeinsame Besitzen und Bearbeiten der Erde – das alles wird von der „guten Botschaft“ erhellt und angeregt. Aber ohne unsere Bekehrung geht es nicht. Sonst werden wir zu träumerischen Optimisten, denen man schnell entgegenhält: Optimist ist eine Person, die nicht genügend Informationen hat.

Die Bekehrung zum Verkünder der „guten Botschaft“ ist die Aufgabe jeder christlichen Gemeinschaft. Schon seit zwei Jahren haben wir uns der Durchführung das „Santas Missões Populares“ (Volksmission) verschrieben. Es ist nicht ein Groß-Event mit klerikalen Predigern, sondern ein Weg des langsamen Einübens missionarischer Praktiken aller Gemeindemitglieder. Die Pfarrei ist in 25 Sektoren aufgeteilt. Jeder Sektor hat eine eigene Koordinierungsgruppe. In 20 der 25 Kapellen sind Tabernakel und Kommunionausteiler. In einigen Tagen beginnt die „Große Missionswoche“. Zehn Tage lang sind rund 350 Missionare, unter ihnen 60 aus anderen Gemeinden, und 10 Priester aus anderen Pfarreien in den kleinen Gemeinschaften der Pfarrei unterwegs mit der „guten Botschaft“ von Jesus, dem menschgewordenen Gott.

Ein Thema auf dem Weg der Mission greift das Problem der gefährdeten Umwelt auf: „Den Planet Erde retten, er ist unser aller Haus“. Ein Wort Gandhis ist dabei hilfreich: „Die Erde hat genug, um alle zu versorgen, aber das reicht nicht für die Gewinnsucht  einiger weniger.“

Einige glauben schon eine „grüne Wende“ in der Welt zu bemerken. Andere klagen über „die Stunde der Heuchler“, die noch nicht vorüber sei. Wir hier haben jedenfalls in den Gottesdiensten der Fastenzeit gesungen: „Herr, unsere Mutter Erde stöhnt vor Schmerz Tag und Nacht. Ist es der Schmerz der Geburtswehen, oder einfach nur der Todeskampf? Von uns allein wird das abhängen!“

In herzlicher, dankbarer Verbundenheit Grüße an Euch alle
Padre Geraldo Gereon