Liebe Schwestern und Brüder in Deutschland!

Gerade habe ich einen Fragebogen an meine Diözese zurückgeschickt. Der Bischof bat um Daten zur Dürre, die uns wieder große Ernteverluste beschert hat. In Prozenten sind diese Schäden und Verluste so ausgedrückt: Reis: 100% - Mais: 90% - Bohnen: 70% - Sesam: 70% - nicht aufgefüllte Wasserreservoire : 70%. Betroffener Bevölkerungsanteil: 90%.

Ein besonderes Kapitel ist die Honigproduktion. In den ersten fünf Monaten der kargen Regenfälle hatten die Bienen wenig zu tun, eine große Sorge für die Genossenschaft. Als der Regen dann für einige Tage neu einsetzte, holten die Bienen schnell die Verspätung auf. Ein großer Teil der Buschlandschaft stand in Blüte. Die Bienen schwärmten, und die Honigbestände füllten sich auf. Die Verluste im Vergleich zum Vorjahr betrugen „nur“ 40%, die niedrigste Verlustrate dieses Jahres unter den Produkten unserer kleinen Bauern.

Dazu habe ich die Messungen der Niederschläge zusammengetragen. Sie zeigen beträchtliche Varianten in Bezug auf den „historischen Durchschnitt“. Dieser liegt in unserem Gebiet bei 620 mm Niederschlag im Jahr. Ich konnte 9 verschiedene Orte erfassen, an denen von Oktober 2009 bis Mai 2010 die Niederschläge gemessen wurden. Der Durchschnitt ergab 332 mm. Der Ort, an dem am meisten Regen fiel, hatte die ersten fünf Monate so wenig Regen, dass weder gepflügt noch gepflanzt wurde, oder 3 bis viermal gepflanzt wurde, ohne dass die Saat aufging. Dann kamen 20 Tage mit größerer Regenmenge, die einen statistisch hohen Wert herbeizauberten, aber das geringe Ernte - Resultat verbergen.

Bei dem Wiederbeginn des Regens Ende März versuchten einige Bauern es noch einmal mit einer neuen Aussaat. Aber der letzte größere Regen im Umkreis unserer Stadt war am 13. April (65mm). Also endete dieser letzte Versuch auch wieder mit vertrockneten Pflanzungen. Und das letzte Saatgut ist auch verbraucht.

Zweifellos haben wir ein extrem mageres Jahr durchzustehen. Dürre bedeutet Hunger und Durst für Mensch und Vieh. Aber man muss schon differenzieren. Zu Gast bei einem Bauern fragte ich nach den Ernteerwartungen. Er erklärte, dass der Mais völlig verdorrt sei. Seine Frau aber fügte leise hinzu, als wäre es ein Geheimnis: Wir haben aber noch Mais vom letzten Jahr, damit können wir unsere Ziegen über die Runden bringen.

Diese Taktik wird von allen kleinen Bauern hier praktiziert. Sie verkaufen ihre kleinen Erträge nicht. Immer bewahren sie genügend auf: Bohnen für die Familie, Mais für die Tiere. Wenn es im nächsten Jahr eine Dürre gibt, haben sie kleine Vorräte, um das Schlimmste zu überstehen.

Viel mehr Sorgen bereiten die Wasservorräte. Sie sind völlig unzureichend. Nur wenige Zisternen sind ganz gefüllt. Viele kleine Stauanlagen haben nur zur Hälfte Wasser. Aller Voraussicht nach werden im August wieder die Karawanen der Wassertransporte über unsere Straßen ziehen und das lebensnotwendige Wasser für Mensch und Tier befördern. Unsere Wasserbehälter vom vorigen Jahr und die schon zwanzig Jahre alten Gemeinschaftszisternen stehen bereit. Wahrscheinlich werden wir sie brauchen. Denn bis die öffentlichen Hilfsmaßnahmen in Gang kommen, gibt es immer eine lange Durststrecke.

Eine unvermeidliche Folge von Dürrekatastrophen ist der Hunger, mehr oder weniger intensiv je nach den regionalen Strukturen. Es ist noch nicht allzu lange her, dass die Regierung in diesen Fällen Arbeitseinsätze organisierte. Das gibt es heute nicht mehr. Der Grund liegt in dem Langzeitprogramm zur Reduzierung des Hungers auf Null („Fome Zero“). Die meisten der armen Bauern hier sind darin erfasst und bekommen kleine monatliche Beträge ausgezahlt. Auch die Schulspeisung der Kinder ist ein guter Beitrag dazu, das Ärgste zu vermeiden. Aber es bleibt bei diesem unzureichenden Minimum, das keine Aufstockung zulässt.

Daher planen wir für die kritischen Monate ab September einige unserer erprobten Arbeitseinsätze zu wiederholen. Es geht dabei um Gemeinschaftsarbeiten auf den eigenen Feldern, die die Anbaufläche vergrößern oder neue Weiden anlegen, Wasserstellen ausbessern und stark beschädigte Straßen herrichten. Damit hinterlässt die Dürre Verbesserungen, trotz allem Schaden. Vor allem aber wird den Schwächsten aller Betroffenen die Last der langen Monate extremer Not erleichtert.

Die Dürre in unserem Bundesstaat Piaui gehört zur Normalität des brasilianischen Nordostens. Ihr periodisches Auftreten ist keine unvorhersehbare Naturkatastrophe. Seit Jahren wird behauptet und gefordert: „Man kann mit der Dürre leben,“ oder: „man muss lernen mit der Dürre zu leben.“ Das ist aber kein bloßer Willensakt. Vielmehr müssen Voraussetzungen geschaffen werden, um eine Dürre zu bestehen und zu überleben. Dazu gehört vor allem eine angepasste Infrastruktur. Ebenso wenig dürfen eine umfassende Vorratswirtschaft und eine krisenfeste Wasserversorgung fehlen. Das alles konkret zu verwirklichen – das ist das Problem. Während dieses Konzept als Neuentdeckung gefeiert wird, praktizieren es die kleinen Bauern schon lange: sie haben immer ihre kleinen Vorräte für die nächste Dürre.

Nehmen wir nun das Thema Wasser. Unser kleines Städtchen Sao Francisco de Assis hat keine geregelte Wasserversorgung. Nur eine Drittel der Häuser werden durch das öffentliche Wassernetz versorgt. Dieses hat täglich von 17 bis 18 Uhr Wasser in den Rohren, mit Ausnahme von Samstag und Sonntag. Zum Straßenbild hier gehören die Wassertransporte der Bevölkerung in Autos, Schubkarren, Fahrrädern, Eimern auf dem Kopf und in der Hand.

Seit Jahren schon reden wir immer dasselbe und hören immer dieselbe Ankündigung: „Jetzt“ geht es nun endlich los. Vor allem warten wir auf das Wasser aus der großen Stauanlage mit 216 Millionen Kubikmetern Fassungsvermögen. Sie liegt in unserer Gemeinde, erreichbar in einer Entfernung von 32 km, im Fluss Canindé. Im vorigen Jahr haben wir im Internet unsere Empörung veröffentlicht. Das gab beträchtliches Aufsehen in der Hauptstadt Teresina. Da kam wieder schnell dieselbe Ankündigung, dass es „jetzt“ losgehe, die Finanzierung sei gesichert und das Geld in der Kasse. Es kamen ein paar Techniker zu topografischen Erhebungen, schlugen einige Markierungen in den Boden und verschwanden wieder. Weiter passierte gar nichts. Wieder verging ein Jahr, und die Dürre hat uns wieder im Griff. Die Barriere auf dem Weg, den Zyklus der Armut zu durchbrechen und mit der Dürre zu leben, ist anscheinend nicht zu überwinden.

Ein anderes Thema macht uns schwer zu schaffen im Moment. Es ist ebenso ein Beispiel für groß angekündigten Fortschritt, der das Überleben der Kleinbauern unmöglich macht. Es handelt sich um den Bau der Eisenbahnlinie „Transnordestina“. Im Süden von Piaui, mit einem anderen Klima und anderen Böden als bei uns, dazu mit einer extrem dünnen Besiedlung und riesigem Großgrundbesitz, entstand in den letzten Jahrzehnten ein enormes Anbaugebiet für Soja, Mais, Reis und Baumwolle. Agrar-Großunternehmen produzieren unvorstellbare Mengen dieser Produkte. Ein großer Teil ist für den Export bestimmt und muss zu den Häfen Recife und Fortaleza transportiert werden.

Dafür soll eine Eisenbahnlinie von über 1000 km in West-Ost-Richtung gebaut werden: die „Transnordestina“. Auf ihr sollen Großtransporte mit über 10.000 Tonnen aus den Anbaugebieten zu den Exporthäfen rollen. Brasilien hat keine Eisenbahntradition. Ein nationales Schienennetz besteht praktisch nicht. Es existieren einige begrenzte Regional- Bahnen, alle privatisiert und mit drei verschiedenen Spurweiten. Nun werden hier in Piaui die ersten 480 km der Eisenbahnanlage aus dem Boden gestampft. Die Strecke führt durch eine besiedelte Landschaft mit vielen kleinen Landbesitzern. Auf dem Gebiet meiner Gemeinde sind es etwa 40 km mit 35 Kleinbauern. Die Bahntrasse ist ein 80 m breiter eingezäunter Streifen mit Übergängen alle 1500 m. Die Bahn trennt Haus, Äcker, Weiden, Wasserstellen und ebnet Häuser, Ställe und Zäune ein. Auf vielen der kleinen Anwesen ist Landwirtschaft nicht mehr möglich.

Also muss enteignet und entschädigt werden. Da liegt der Haken. Es wird nicht ein kleines Anwesen als Existenzgrundlage eines armen Bauern an eine andere Stelle versetzt, so dass der Schaden kompensiert würde. Vielmehr werden Tabellen zur Schätzung gebrauchter Werte angewandt. Sie können in keiner Weise einen Ersatz schaffen für den enteigneten Besitz. Einige Bauern bekommen weniger als 500 Euro dafür, dass ihr Betrieb nicht mehr funktioniert. Man kann sich die verzweifelten Klagen dieser Menschen vorstellen.



Nach dem Gesetz müssen solche Großprojekte der Öffentlichkeit zur Kenntnis gebracht werden. Es muss Spielraum geben für Bewertungen und etwaige Korrekturen. In unserem Fall haben die Führer der Nation das unterlassen. Die Betroffenen hier in der Gegend haben ihrerseits eine große Veranstaltung organisiert, um ihrer Empörung Ausdruck zu geben. Die gute Stimmung einer solchen Veranstaltung bewirkt aber wenig, wenn das alles nicht vom großen Publikum wahrgenommen wird. Dafür habe ich mich dann engagiert. Ich habe das Ereignis in seinem großen Zusammenhang kommentiert, besonders mit den Einzelheiten der menschlichen Tragödie kleiner Landwirte. Das haben wir in alle Kanäle des Internet gebracht. Die breite Öffentlichkeit bekam Kenntnis von der Problematik und ließ sich rühren von dem Schicksal der Betroffenen. Da wurde dann schnell eine öffentliche Anhörung hier in Sao Francisco angesagt. Der Saal war brechend voll. Die Hauptverantwortlichen waren präsent. Sie ließen alle ihre Meinungen äußern. Dann kamen sie selbst zu Wort. Wie nicht anders zu erwarten, gab es nur Erklärungen, die das bisherige Vorgehen verteidigten und rechtfertigten. Und es wurde zur Eile gemahnt, da die Baufirmen schon mehrere Abschnitte im Bau haben und nicht unterbrochen werden wollen. Zum Schluss forderte der Verantwortliche für die Enteignungsverfahren die Bauern auf, „ihre Herzen zu entwaffnen“ und in Ruhe zu verhandeln. Nur sagte er nicht, wie er sein eigenes Herz sensibel machen würde für den Schmerz seiner Mitbürger.

Tatsache ist, dass kaum eine substanzielle Änderung zu erwarten ist. Man besteht auf scheinbar legalen Grundlagen. Vor allem aber besteht man auf dem Dogma der nationalen Notwendigkeit der Eisenbahn. Dabei versucht man naive Gemüter mit einem Angebot an Fortschritt zu begeistern, das keine Einwände zulässt. Man verspricht uns eine Nebenstrecke mit einem Bahnhof, auf dem wir Mais und Bohnen und Ziegenfleisch zum Export verladen können. Das nennt man hier „den Ochsen in Schlaf wiegen“ oder „den Leuten die Nase mit trockenem Laub voll stopfen“. Weder hier noch in Simplicio Mendes ist ein Bahnhof vorgesehen. Womit sollen wir auch solche Riesenzüge beladen. Und Personenverkehr ist überhaupt nicht vorgesehen.

Was aber bleibt uns? Zunächst kann man noch juristische Schritte versuchen. Wir haben für alle Betroffenen Gutachten erstellen lassen, in dem die Enteignungsmasse genau definiert wird und innerhalb der legalen Grenzen bewertet wird. Die Betroffenen gehen damit vor Gericht, wo diese Gutachten den Richtern bei der endgültigen Entscheidung helfen können.

Außerdem müssen wir unsere Wachsamkeit und unsere Verantwortung für wehrlose Kleinbauern erhalten. Unsere Stimme wird nicht verstummen, selbst wenn es nur ein schweigender Protest wird.

Hier sind wir, meine hauptamtlichen Mitarbeiter und ich, und gleichzeitig die ganze Pfarrgemeinschaft, an dem Punkt angelangt, an dem wir unsere Rolle verstehen, weil sie uns von Gott anvertraut ist: vom „Gott unserer Väter“ (Ap 3,13), vom Gott Jesu Christi, von Gott, der uns zu seinen „Hausgenossen“ gemacht hat (Eph 2,19), von Gott, der „sich selbst entäußerte...und den Menschen gleich wurde“ (Phil 2,7), von Gott, der uns „eine neue Erde verheißt, in der Gerechtigkeit wohnt“ (2Petr 3,13).

In dieser Rolle sind wir die Stimme derer, deren Stimme nicht gehört wird: sie stehen immer am Rande, keiner stellt sie in die Mitte; sie sind schüchtern und eingeschüchtert; sie glauben nicht an sich selbst, weil noch nie jemand an sie geglaubt hat; sie werden immer nur abgefertigt, und müssen in endlosen Schlangen darauf warten; sie dürfen wählen, aber müssen ihre Wohltäter fragen, wen sie wählen sollen; sie stehen in der Schuld dieses Wohltäters, weil er einmal die Mutter mit dem kranken Kind zum Krankenhaus gefahren hat; sie sollen „ihr Herz entwaffnen“, damit der Zug über ihre Felder fahren kann.

Unser Kampf ist genauso aussichtslos wie der Kampf von Bischof Luis Cappio, der den Sao Francisco-Fluss mit seinen Anwohnern verteidigte. Aber für uns bedeutet „Erfolg“ nicht, den Fortschritts-Koloss zu stoppen. Unser Ziel ist es, den Gott des Lebens zu verkünden und den Armen die Hoffnung zurückzugeben. Wenn man uns nicht hilft „mit der Dürre zu leben“; wenn das endlose Warten auf Wasser uns entkräftet; wenn wir vor dem heran rollenden Zug zur Seite springen müssen: unsere Hoffnung erlischt nicht. Sie ist begründet im Glauben an Jesus, der als armer Nazarener am Kreuz vernichtet wurde. Er bittet uns, diesen Glauben zu bezeugen, damit er zu einem Licht der Hoffnung wird.

Der gute Papst Paul VI sagte vor 40 Jahren in seiner Sorge um die Kirche: „Man hört mehr auf die Zeugen als auf die Lehrer, und auf die Lehrer hört man, wenn sie Zeugen sind.“ Bewegt von derselben Sorge wollen wir versuchen zu leben, was ein nichtchristlicher Gottesmann empfohlen hat: „Sprich nicht über Gott, aber lebe so, dass man dich nach ihm fragt“

Heute habe ich mit einer großen Gruppe von Bienenzüchtern eine Messe gefeiert in einer Kirche, die in der großen Dürre des Jahres 1970 in einem Arbeitseinsatz gebaut wurde. So lange sind wir schon unterwegs. So viele Dürren haben uns dabei begleitet. So viele Gründe hätten unsere Hoffnung begraben können. Aber sie ist wach geblieben, weil die stärkeren Gründe von all denen kamen, die uns mit ihrer treuen Hilfe daran glauben lassen, dass man „mit der Dürre leben kann“.

Herzlich danken wir dafür und bitten um Gottes Segen für Sie alle.

In brüderlicher Verbundenheit
Ihr Padre Geraldo Gereon