Liebe Schwestern und Brüder in Deutschland:

Auf dem Deutschen Katholikentag in Osnabrück im Mai dieses Jahres hatte ich die Aufgabe, ein „Mittagsgebet“ in der Johanniskirche zu gestalten. Von Jesus „ins Weite geführt“ zu werden sollte in diesem Moment zu der Entdeckung werden, dass die Armen im brasilianischen Nordosten mit uns auf diesem Weg unterwegs sind. Ich lud ein zu einem Blick in die leidentstellten Gesichter einiger dieser Armen. Sie sind ja identisch mit dem leidenden Antlitz Jesu, der auch in der eucharistischen Speise unter uns ist - „Gott im Brot und im Bruder“. Der Ablauf dieser Gebetszeit endete nicht mit einem Schluss-Segen und einem Orgelnachspiel, sondern  mit dem Aufbrechen auf den Weg heraus aus der Kirche, auf die Straße zu den Armen. Dort können wir uns von Jesus sagen lassen: nicht wer vielleicht unser Nächster ist, sondern für wen wir ständig zum Nächsten werden.

Da standen wir nun auf der Straße, um loszugehen, um die Ecke zu biegen, wieder zurück in der Spur unseres eigenen Alltags. Aber im Herzen trugen wir die Bitte Jesu mit uns, seine „Option für die Armen“ mitzuvollziehen. Da  muss nun jeder seine eigenen Schritte zusammen mit Jesus tun. Ich selbst bin wieder unterwegs auf den staubigen Wegen des trockenen Nordostens. Ich habe das Privileg zu der lateinamerikanischen Kirche zu gehören. Sie hat mich gelehrt: „Alles, was Bezug zu Jesus hat, hat Bezug zu den Armen ... ihnen wollen wir Zeit widmen, liebevolle Beachtung schenken, sie mit Interesse anhören, mit ihnen Stunden, Wochen, Jahre unseres Lebens teilen, um mit ihnen zusammen ihre Situation zu verändern.“ Diese Kirche verlangt von sich selbst, „dass all ihre seelsorglichen Strukturen von dieser Option durchdrungen sein müssen”.

Da darf man wohl fragen, wie das nach mehr als einem Jahr seit der großen Bischofsversammlung in Aparecida in das kirchliche Leben eingedrungen ist. Vor mir liegt ein Faltblatt der Beschlüsse der 8 Diözesen unseres Bundesstaates Piau? über die Wege ihrer Seelsorge. Es sind sehr gute Vorschläge. Aber ich suche nach diesen Schlüsselbegriffen der Aparecida-Versammlung: “Option für die Armen“, „Befreiung“, „Begegnung mit Jesus in den Armen“ – diese Begriffe sind nicht erwähnt, obwohl sie uns noch in den Ohren klingen. Ich erinnere mich an den jungen Mitbruder in der Nachbardiözese, der gern zum Studium der Soziallehre der Kirche freigestellt werden wollte, um in der Ausrichtung seiner Diözese bei diesem Thema mitwirken zu können. Aber er musste nach Rom zum Studium der Philosophie. Eine leise Sorge beschleicht mich: das Aparecida-Dokument wird langsam in den Regalen verschwinden. Eine Option kann man ja nicht organisieren, jeder muss sich selbst dazu bekennen oder bekehren. Die „Stunden, Wochen und Jahre“, geteilt mit den Armen, gehören zu meinem eigenen Leben, ich kann sie  nicht den anderen vorrechnen. Ich kann nur erzählen, wie ich es selbst versuche.

Mein Freund Manoel hat noch immer seine kranke Frau und sein behindertes Kind zu versorgen – außer der Feldarbeit muss er auch kochen und waschen. Ich teile weiter mit ihm meine kleine Pension. – In meinem Alter sind lange Motorradfahrten auf sandigen Wegen sehr anstrengend. So habe ich mein Motorrad verkauft und davon ein kleineres gekauft, das ich für einen jungen Mann zu einem Dreirad umbauen lasse. Er kann  nur seine Arme bewegen und quält sich ab auf einem Rollstuhl mit einer Handkurbel. – Unsere Diözese wurde geteilt: Floriano behielt die ganze Verwaltungseinrichtung, wir in Oeiras mussten ganz neu anfangen. An das Haus des neuen Bischofs war ein kleines Gebäude gebaut worden für die Diözesanverwaltung. Aber es gab nichts an Einrichtung, kein Schreibtisch, kein Bürostuhl. Ich habe mein relativ neues und großes Auto verkauft und ein kleines und älteres Modell gekauft. Von dem Erlös habe ich für den Bischof die wichtigsten Möbel und eine Kopiermaschine kaufen können.

Das oben zitierte Wort vom Teilen der Zeit mit den Armen ist eine gelungene Auslegung der Option für die Armen. Aber seien es „Stunden, Wochen oder Jahre“, die Zeit ist nur der Rahmen für all das, was wir teilen können: Dinge, die wir besitzen; Kenntnisse, die wir erwerben konnten; Begabungen, die uns geschenkt sind; Einfluss, der uns zur Verfügung steht. Immer geht es um das Teilen: sich mit weniger zufrieden geben und dabei zufriedener als vorher zu sein, weil jemand mit uns besser vorankommt auf seinem Weg. Der Satz vom Teilen der Zeit  mit all ihren Inhalten fügt aber auch hinzu, wie lange und bis wohin die Armen unsere Begleitung benötigen. Wir teilen, „um mit ihnen zusammen ihre Situation zu verändern“.

Es ist sehr wichtig, dieses Ziel zu beachten. Sonst bleibt es nur bei einem momentanen Mitleid. Das beste Beispiel dafür ist die Dürre des vergangenen Jahres. Es fehlten Wasser und Lebensmittel für die völlig mittellosen Bauern. Wir konnten viel Not lindern, weil unseren deutschen Brüder und Schwestern diese Not zu Herzen ging und sie freudig mit uns teilten. Dann kam plötzlich eine kurze Periode reicher Regenfälle und veränderte schlagartig die Lage: viel aufgespeichertes Wasser und eine wenn auch begrenzte kleine Ernte. Die Hungersnot war vorüber.

Aber wir messen den Sinn unserer Arbeit immer an Josef von Ägypten: der Mann, der als Sklave aus der Zisterne zu einem leitenden Verwalter der Ägypter wurde. Er hatte ja vorgesorgt für die Hungerjahre und ausreichend große Lager für den Unterhalt des Volkes angelegt. Josef sagt uns, dass nach der Dürre die Arbeit erst richtig losgeht. Denn irgendwann kommt die nächste Trockenheit wie schon seit Jahrhunderten, und die soll uns nicht erschrecken.

So gehen wir von neuem unsere alten Probleme an. Zunächst das Wasser. Wir bevorzugen nach wie vor die Zisternen. Aber es gibt Einzelheiten zu beachten. Im Dürrejahr brauchen wir mehr Auffangfläche für die karge Regenmenge, sonst bleibt die Zisterne halbleer. An viele Häuser müssen wir eine weitere Dachrinne anbauen für diese Situation. Zisternenwasser soll auch für die Kleintiere zur Verfügung stehen. So haben wir in den letzten Wochen die ersten 40 Zisternen an Ziegenställe angelegt. Wasser für die Tiere ganz in der Nähe: eine große Erleichterung für die Bauern.

Gerade haben wir eine Erhebung abgeschlossen über den Bedarf an Zisternen auf dem Gebiet von S?o Francisco. Wir wollen ja, dass jede Familie eine Zisterne an ihrem Haus hat. In den vergangenen Jahren haben wir so viele Zisternen bauen können, dass wir uns diesem Ziel schon nahe glaubten. Jetzt haben wir erstaunt festgestellt, dass noch rund 130 Zisternen fehlen. Grund dafür ist auch die Tatsache, dass neue Häuser entstanden, von Familien, die sich aufteilen oder zuziehen. Also werden wir langsam weiterarbeiten, um unser Ziel zu erreichen.

Nach wie vor sind wir überzeugt von der Bedeutung der Ziegenzucht, die wir mit vielen kleinen Aktionen fördern. Zwei Einzelheiten möchte ich erwähnen, die uns sehr gefreut haben. Eine Gruppe von Fachleuten aus dem Ministerium bot uns an, an einigen Stellen der Pfarrei mit kleinen Gruppen von Bauern eine grundlegende Arbeit zur Förderung einer modernen Ziegenzucht zu beginnen. Auf der Suche nach entsprechenden Stellen kamen wir an eine Gemeinschaft, die schon seit längerem von uns betreut wird. Die Techniker stellten fest, dass alles, was sie als Programm mit den Bauern vorhatten, dort schon praktiziert wird. Sie haben uns das lobend bestätigt. Also konnten wir eine andere Gemeinschaft aussuchen, wo alles noch nach altem Muster praktiziert wird. Die Techniker übernehmen die Ausbildung, aber wir müssen mit Einrichtungen beitragen, zum Beispiel unseren Ziegenställen. Auch das von uns entwickelte Stall-Modell fand die Anerkennung der Fachleute.

Die zweite gute Nachricht ist die Zusicherung  des Gouverneurs von Piau?, einen kleinen Schlachthof für Ziegen zu bauen. In S?o Francisco geht das nicht, weil viel Wasser gebraucht wird, um die Anlage sauber zu halten. Dieses Wasser haben wir hier nicht. Also wird sie in Simpl?cio Mendes errichtet. Wenn man größere Mengen Ziegen produziert, wird das Fleisch nicht mehr nur für den Eigenbedarf verbraucht. Die größeren Märkte sind immer in den großen Städten, nach dort muss das Fleisch fertig geliefert werden. Der Schlachthof wird unser Gebiet einen großen Schritt voranbringen.

Alle Versuche zur Förderung der Landwirtschaft bei unseren Bauern kommen früher oder später an den Punkt, wo es um den Verkauf der Produkte geht. Wir stehen an dieser Schwelle, den Schritt aus der Landwirtschaft zur Selbstversorgung in Richtung der Versorgung der Mehrheit der Bevölkerung in den Städten zu tun. Diese bildet den Markt, der uns die Bedingungen und Regeln vorschreibt. Bei unserer ständig wachsenden Honigproduktion spüren wir diesen Druck sehr stark. An dieser Stelle anzuhalten würde bedeuten wieder zurückzufallen auf primitive Stufen ohne Chancen für die kleinen Bauern.

Deshalb sind wir augenblicklich in einen umfangreichen Prozess zur Erlangung von Zertifikaten verwickelt, die unseren Honig als „organischen“ Honig ausweisen, das heißt Honig ohne Residuen von chemischen Agrarprodukten (z.B. zur Schädlingsbekämpfung). Dieser Honig hat eine starke Nachfrage und wird besser bezahlt. Da geht es einerseits um viele bürokratische Einzelheiten und andererseits um das Einüben entsprechender Verhaltensmuster, die den Bauern noch fast unbekannt sind. Eine Genossenschaft von über 1000 Mitgliedern macht da eine gewaltige Arbeit. Wir bemühen uns gleichzeitig um das sogenannte „öko-soziale“ Zertifikat, das große Abnehmer z.B. in Europa bevorzugen und mit guten Preisen belohnen. Da geht es um den großen Zusammenhang ökologisch und sozial korrekten Verhaltens selbst von Kleinbauern, die noch immer mit einem Bein in archaischen Urzeiten stehen. Da  muss dann auch schnell ein Computerprogramm her, und das hier bei uns, wo 75 Prozent der Bevölkerung keinen elektrischen Strom hat. Meine Mitarbeiter arbeiten auf Hochtouren. Sie glauben an unsere Sache, weil sie erkennen, dass hier eine wirkliche Hilfe für unsere Armen zustande kommt.

Auf derselben Linie liegt unser Bemühen, unsere Bauern zum Anbau von Sesam zu bewegen. Diese Pflanze ist bekannt hier, aber nur ganz geringe Mengen werden gepflanzt, da Sesam kein Grundnahrungsmittel ist. Unser Klima und unsere Böden sind günstig für dieses edle Gewächs. Die Bauern könnten damit gutes Geld verdienen. Zum Vergleich: ein 60kg-Sack Mais bringt rund vierzig Reais, während ein 60kg-Sack Sesam 240  Reais einbringt. Nun ist eine Veränderung landwirtschaftlicher Methoden immer auch ein kultureller Prozess mit vielen Widerständen. Immerhin haben wir, trotz des unregelmäßigen Regens, 7 Tonnen Sesam geerntet und gut verkauft. Das wird für die zweite Runde ein guter Anreiz sein.

Ich darf hier an unser Bemühen erinnern, der Baumwolle zu einem neuen Aufschwung zu verhelfen. Das Problem ist der Bicudo-Schädling. Trotz aller Maßnahmen sich gegen ihn zu verteidigen, kommt man doch immer zu dem Punkt, an dem die Anwendung chemischer Bekämpfungsmittel unvermeidbar ist. Da haben unsere Bauern nicht mitgemacht. Sie haben Angst vor Pflanzengiften und kein Geld sie zu kaufen. Dagegen haben wir  mit einigen hundert Bauern die Herstellung und Anwendung natürlicher Abwehrsubstanzen eingeübt, die sie selbst herstellen. Das funktioniert gut in allen Fällen der hier angebauten Kulturen. Nur bei Baumwoll-Schädlingen haben wir das natürliche Abwehrmittel noch nicht entdecken können. Bei all diesen Versuchen müssen wir immer an unsere Bienen denken. Ihre Weidefläche, die weite blütenreiche Buschlandschaft, darf nicht durch Pestizide verseucht werden.

Die Dürre ist vorbei. Aber unsere Arbeit ist anscheinend intensiver geworden. Motiviert sind wir durch die Sätze des Aparecida-Dokuments: „Alles, was Bezug zu Jesus hat, hat Bezug zu den Armen – und alles, was mit den Armen zu tun hat, ruft nach Jesus.“ Wir versuchen unser Leben mit den Armen zu teilen, ohne zu fragen wie lange das dauert: „Stunden, Wochen oder Jahre unseres Lebens“. Die verschiedenen Beispiele, von denen ich hier berichtet habe, lassen ahnen, wie lange es noch dauern kann, bis es gelungen sein wird,  „mit den Armen zusammen ihre Situation zu verändern“. Ich möchte alle Schwestern und Brüder erneut einladen, weiter mit uns zu teilen und mit uns daran zu glauben, dass es gelingt, die ersehnte Veränderung mit den Armen zusammen zu erreichen. Unser Gebet darum könnte Ähnliches ausdrücken wie das Gebet des französischen Soziologen Frédéric de Conink: „Herr, ... lehre uns das Wesentliche vom Nebensächlichen zu unterscheiden. Bring uns dahin, dass wir Tag für Tag  in unserem Reichtum einen Teil für die reservieren, die nichts haben. Gib uns ein Herz, das mitfühlend ist – so ähnlich wie deines. Und lass uns beten, Tag für Tag, in Gerechtigkeit und in Wahrheit. Amen.“

Mit herzlichen dankbaren Grüßen von uns allen hier
Ihr Bruder in Christus
Padre Geraldo Gereon