Liebe Schwestern und Brüder in Deutschland:

Diesen Brief schreibe ich in einem kleinen Gemeindezentrum, das wir 8 km entfernt von hier in dem Gebiet errichtet haben, in dem wir Versuche mit Bienen- und Ziegenzucht machen. Dieser Ort der Besinnung liegt auf einem Hügel, von dem aus man kilometerweit ins Land schauen kann.

Ich habe in den letzten Monaten diese weite Buschlandschaft beobachtet: in der Regenperiode von November bis April fallen hier durchschnittlich 620mm Regen, die normalerweise für eine Ernte und zum Auffüllen der Wasservorräte reichen. Ich sah in dieser Zeit den Busch grün werden, mehrere Male welken und im April dann beginnen kahl zu werden. Nur zweimal gab es einen Regen von etwas über 50mm, die meisten Niederschläge waren unter 20 mm, und die Regenfälle waren fast immer von 15 bis 20 trockenen und heißen Tagen unterbrochen.

Im Monat Mai war es klar: wir haben es mit einer der periodisch wiederkehrenden Dürren des Nordostens zu tun. Die letzte große Dürre hatten wir 1993 – nach 14 Jahren konnte man mit einer Neuauflage rechnen. Das bekannte Schauspiel wiederholte sich wie seit vielen Generationen: Zu Anfang reicht der Regen nicht zum Pflügen und Pflanzen; für die jungen Pflanzen reicht die Feuchtigkeit nicht zum Wachsen, und wenn einige Pflanzen zum Reifen kommen, reicht der Regen nicht zum Fruchtansetzen. So stehen wir am Ende vor einem fast totalen Ernteausfall. Der Mais hat völlig ausgesetzt, die meisten Bauern haben nicht einmal das verbrauchte Saatgut zurückerhalten. Viele Bauern verkaufen ihre Hühner billig, weil sie keinen Mais zu  verfüttern haben. Etwas Bohnen hat es für viele gegeben. Vor allem aber haben viele Familien Reste vom Vorjahr eingelagert, die für einige Wochen reichen. Ich bewundere immer die Fähigkeit dieser an Dürre gewöhnten Bauern, ganz begrenzte Vorräte so zu strecken, dass sie damit längere Notzeiten überbrücken können. Dazu haben sie die kleine Unterstützung der Regierung (zwischen 10 und 40 Euro), die Schulspeisung der Kinder und die Renten der Pensionäre, die unter Kindern und Enkeln regelrechte Wunder vollbringen (ein pensionierter Bauer hat eine Rente von ca. 150 Euro; der Zahltag für die Rentner ist der einzige  Tag im Monat, an dem in den kleinen Orten etwas Geld im Umlauf ist).

Was aber nicht aufzuteilen und zu strecken ist, ist das Wasser. Bei dem kargen Regen sind die Staubecken und Zisternen nicht vollgelaufen. Überall geht es jetzt an die Reste. Es bleiben dann einige größere Stauanlagen (mehrere von uns schon vor vielen Jahren gebaut) und einige Tiefbrunnen, die hier in der Gegend alle nur einen geringen Wasserausstoß haben: die meisten weniger als 3000 Liter pro Stunde,  (in der Gegend von Simpl?cio Mendes haben wir Brunnen mit 25000 Liter pro Stunde). Immer mehr Leute müssen jetzt immer längere Wege zu den Wasserstellen zurücklegen, viele Stunden am Tag unterwegs sein, um Wasser für den eigenen Bedarf und das Kleinvieh herbeizuschaffen.

Es braucht immer eine gewisse Zeit, bis sich eine solche Notsituation definiert. Schon am Ostersonntag, als ich nach der Messe durch die Felder fuhr, die entweder gar nicht gepflügt worden waren, oder, wenn sie bepflanzt waren, schon am Verdorren waren, war mir klar, daß wir ein Dürrejahr zu bestehen haben. Man kann da auch nicht im ersten Moment aktiv werden, sondern muß herausfinden, wo sich die Schwerpunkte entwickeln. Vor allem aber möchten wir sinnvolle Hilfe leisten, um auf der Linie weiterzuarbeiten, die den Menschen hilft, immer wieder auftretende Dürren zu bestehen.

In den letzten Tagen und Wochen haben wir uns vorbereitet, um verschiedene Hilfsaktionen einzuleiten. Wir haben von einer Familie in S?o Paulo drei Tankanhänger (4000 Liter) geschenkt bekommen für die drei Traktoren unserer Bauernvereine. Sie werden an den kritischen Stellen beginnen Wasser zu transportieren. Das Wasser kommt zum Teil aus Tiefbrunnen, die von der politischen Gemeinde unterhalten werden. An einer Stelle haben wir eine Pumpanlage in den großen Stausee gebaut, der das Wasser des Flusses Canindé aufstaut und der weit in unsere Gemeinde hineinreicht.

Schon in den achtziger Jahren haben wir in dieser extrem trockenen Gegend an 12 Stellen  Gemeinschaftszisternen gebaut, die jeweils 60.000 Liter fassen. Die Traktoren werden diese großen Zisternen, die nur noch einen Rest Wasser haben, auffüllen. Die Familien der Umgebung können sich dort versorgen. Wir müssen dann die Traktoren mit ihren Fahrern unterhalten, bis zu der neuen Regenperiode am Ende des Jahres.

Die andere, schon oft erprobte Hilfsaktion ist die Erfassung der Bauern in Arbeitseinsätzen. Über 500 Familien haben wir in den letzten Tagen eingeschrieben. Sie werden pro Monat eine Woche lang arbeiten und bekommen den entsprechenden Tagelohn bezahlt. Die Arbeit wird drei Bereiche erfassen: Ausbesserung und Begradigung von Straßen, Neuanlage von größeren Feldern für Bewirtschaftung in Gemeinschaftsarbeit, und Erweiterung der bestehenden Felder zu größerer Futtererzeugung besonders für Ziegen und andere Kleintiere.

Die Feldarbeiten sind das Sinnvollste in dieser Notlage der kleinen Bauern, denn sie schaffen bessere Bedingungen für das Leben in dieser Trockenzone. In den letzten Wochen haben wir schon mehrere Kilometer neue Straßen durch den Busch geschlagen. Das erleichtert den Verkehr mit alten Autos und Motorrädern. Aber die Feldarbeit ist die große Gelegenheit, aus einer Dürreperiode mit besseren Grundlagen herauszukommen

In den letzten drei Monaten haben wir soviel wie möglich gespart, um jetzt in diese Hilfsaktionen einzusteigen. Wir möchten sie in den nächsten Monaten durchhalten, bis hinein in die nächste Regenperiode. Dafür brauchen wir weiterhin die großzügige Hilfe unserer Brüder und Schwestern, die uns schon so lange helfen, aus dem Teufelskreis der Dürre herauszukommen. Wir setzen unser ganzes Vertrauen auf den Vater im Himmel, der überall da, wo geschwisterlich geteilt wird, das Wunder des überwundenen Hungers geschehen läßt .

In diesen Tagen kam einer der armen Bauern zu mir und brachte mir 6 kg Bohnen: das sei der „Zehnte“ von seiner Ernte, den er voll Freude Gott zurückgeben wollte. Seine ganze Ernte waren 60 kg Bohnen (viele haben nicht einmal die Hälfte davon geerntet). Davon füllte er drei Zwei-Liter-Flaschen und brachte sie zur Kirche – es war seine größte Freude bei der ganzen kleinen Ernte.

Wenn wir alle verstehen, daß wir gemeinsam um den Tisch versammelt sind, an dem geteilt wird, können wir voll Vertrauen diese schwere Zeit überstehen.

Mit herzlichen dankbaren Grüßen aus der Dürre des Nordostens
bin ich Euer Bruder in Christus Padre Geraldo Gereon