Liebe Schwestern und Brüder in Deutschland:

Hier in Brasilien wird in einigen Tagen ein neuer Präsident gewählt. Ein langer Wahlkampf hat, wie immer, das Volk mit Vorschlägen und Versprechen überschüttet, die all seine Probleme schnell lösen sollen. Wie im Krieg ist auch im Wahlkampf die Wahrheit oft das erste Opfer. Besonders unserem armen Nordosten wird verheissen, seine chronische Armut nun endlich abzuschaffen.

Wie es aber mit dieser Wahrheit steht, haben wir in diesen Tagen schmerzlich erfahren.. Vor etwa zwei Jahren wurde uns von der BNDS (die regierungseigene Bank für Entwicklung) ein umfangreiches Programm zur Modernisierung unseres Bienenprojektes angeboten: 19 unserer älteren Imkerzentren sollten erweitert und verbessert werden, ein Labor eingerichtet und die Verwaltung auf den letzten Stand gebracht werden. Sogar eine Internet-Vernetzung aller Imkergruppen war vorgesehen. All das ist tatsächlich äußerst notwendig, um Honig exportieren zu können und den Anforderungen dieses Marktes genügen zu können. Die Bedingungen zu all diesen Verbesserungen wurden  monatelang von uns bearbeitet. Viele Versammlungen mit den Bauern, viele Fahrten in die Hauptstadt, viele kleine Veränderungen wurden von uns durchgeführt, verbunden auch mit den entsprechenden Unkosten. Und immer wurden wir ermutigt: die Sache läuft wie es sein soll – es fehlt nur wenig, bis alles losgehen kann.

Nun wurde uns plötzlich mitgeteilt, dass das Projekt nicht realisiert werden kann: ein kleines bürokratisches Detail war der Vorwand (einige wenige Grundstücksdokumente, die man  nicht auf einen Schlag zusammenbekommt). Es wurde einfach abgesagt. Plötzlich stand kein Geld mehr zur Verfügung.

Die Arbeit  mit über 1000 Kleinbauern ist natürlich aufwendiger als die  mit einem Unternehmen, das Erfahrung und Fachleute hat. Ein Projekt mit unqualifizierten und mittellosen Bauern aus dem Busch, die weder über Strom noch Wasser verfügen, ist ja nicht nur ein Fall von Finanzen. Es geht nicht darum, „Armut zu bekämpfen“, sondern arme Menschen auf den Weg bringen, der sie aus der Armut herausführt. Auf diesem Weg können wir nicht mit unmotivierten Staatsdienern rechnen, denen selbst die Ideologie ihrer eigenen Partei schon fremd geworden ist. Die Armen auf der untersten Stufe der Gesellschaft werden leicht allein gelassen. Man tut etwas für sie, aber man tut nichts mit ihnen.

Hier stellt sich uns die Herausforderung: in einem Leerraum zu arbeiten, wo wir für niemanden Rivalen sind, und selbst keine Rivalen haben. Wir glauben ganz einfach an den Gott, der einen Bund schloss mit seinem Volk und in einem kleinen Dorf in Galiläa Mensch wurde. Wir werden keine Zeit verlieren mit Klagen oder Anklagen. Wir werden es neu entdecken, was wir tun können, wenn uns die Option für die Armen unter die Haut geht. Der berühmte brasilianische Schriftsteller Guimar?es Rosa schreibt in seinem größten literarischen Werk: „Manchmal muss man so tun als hätte man die Wut – aber tatsächlich wütend zu sein, das darf man  niemals zulassen. Denn richtig wütend zu sein über jemanden, das bedeutet dieser Person zuzugestehen, dass sie unsere Ideen und Gefühle beherrscht. Damit geben wir unsere Unabhängigkeit auf, und das ist eine riesige Dummheit. Man darf nicht zulassen, dass andere unsere Geschichte schreiben – das steht uns nur selbst zu.“

„Grande Sert?o – Veredas“, so heißt dieser berühmte Roman – Pfade im großen Sert?o (Sert?o ist das Landesinnere/Hinterland, dünn besiedelt, rückständig, trocken und arm). Hier sind wir  mitten im großen Sert?o des Nordostens. Die Pfade können wir entdecken oder müssen sie frei schlagen. Aber es gibt sie. Umkehren ist unmöglich. Wer die Hand an den Pflug legt, darf nicht zurückschauen, sagt Jesus. So ist dieser Moment für uns eine Gelegenheit zu überdenken, auf welchen Pfaden wir unterwegs sind.

Thema eins ist immer noch das Wasser. Am Sonntag Abend kam ich aus Concei??o vom Gottesdienst zurück. In einer Kurve hatte ich plötzlich eine Eselskarre im Scheinwerfer. Eine Frau war um 10 Uhr abends noch unterwegs mit diesem Gefährt, um Wasser zu holen. Alle Häuser dort haben Zisternen für das Trinkwasser der Bewohner. Aber der stundenlange Wassertransport auf langen Wegen ist notwendig, um das Kleinvieh zu unterhalten, das keine großen Entfernungen bewältigt. Was also läge näher als Zisternen für die Wasserversorgung der Kleintiere zu bauen? Wir haben ausgerechnet, dass man mit einer 15000-Liter-Zisterne 30 Ziegen über 8 Monate mit Wasser versorgen kann. Neulich wollte eine Familie eine Hochzeit verabreden. Sie wollten nicht am Nachmittag heiraten, weil sie dann Wasser für die Tiere beschaffen müssen. Erst wenn diese armen Bauern Wasser vor der Tür für ihre Tiere haben, wird ihr Leben wirklich leichter.

Vorerst sind nur wir es, die darüber nachdenken. In einem 580 Hektar großen herrenlosen Land, das wir „besetzt“ und eingezäunt haben (keiner kann oder will dort leben, weil keine Wasserstellen zu schaffen sind), sind zwei Versuchsprojekte im Gang, die guten Erfolg haben: 8 größere Unterstände für jeweils 25 Bienenstöcke haben eine Zisterne, die Wasser speichert für die Bienen, mit einer automatischen Tränke. Im gleichen Gebiet haben wir einen Stall für über 30 Ziegen und entsprechende Futterflächen angelegt. Zwei 30.000-Liter-Zisternen sind an den Stall angeschlossen. Die Ziegen gedeihen gut, und keiner braucht Wasser zu holen für sie. So wenig es auch regnen mag, man kann das Regenwasser in ausreichender  Menge auffangen. Nachdem wir in den letzten Jahren an die 1000 Zisternen für menschlichen Bedarf gebaut haben, kommt nun die Phase der Zisternen für Bienen und Ziegen.

Die Grundbedingung für die Zisterne ist die Auffangfläche für das Regenwasser. Da gibt es genaue Daten für die Größe dieser Fläche in Bezug auf die Regenmenge. Bei den Hauszisternen ist das Dach des Hauses ausreichend. Bei den Ziegen müsste es der Stall sein. Die meisten Ziegenhalter aber haben keinen Stall. Seit Jahren schon versuchen wir die Bauern von der Notwendigkeit der Ställe zu überzeugen. Aber sie kosten Geld. Ein von uns entwickeltes Modell kostet umgerechnet  € 550,00. Wir haben in unserem Gebiet in den letzten Jahren 260 solcher Ställe eingerichtet, 63 davon hier in S?o Francisco. Jetzt könnten wir Zisternen bauen für die Ziegen. Eine Zisterne wiederum kostet  € 500,00.

Und wenn kein Stall oder Unterstand für Bienen zur Verfügung steht? Wir haben einen Versuch im Gang mit einer Anlage, die auf- und abgebaut werden kann. Auf einem zusammengeschraubten Metallgestänge werden Eternitplatten befestigt, die rund 30m²  Fläche ergeben. Das reicht, um eine Zisterne zu füllen. Diese Anlage würde € 280,00 kosten, die Hälfte eines Stalles.

Nun geht es um die Anlage von Feldern für Futteranbau, eine Neuigkeit für die Bauern, die ihre Ziegen  nur im Busch futtern ließen. Ein Futter-Kaktus, genannt „palma“, ist ein wertvolles Futter – er gedeiht bei wenig Regen und produziert tonnenweise Futter. Mit 127 Familien, die unter den Folgen der letzten Dürre leiden, haben wir einen Arbeitseinsatz laufen, der die Anlage von Palma-Feldern zum Ziel hat. Ein 3000m² großes Feld wird gerodet und eingezäunt. Zum Pflanzen der Palma muss man 20 cm tiefe und breite Gräben ausheben und  mit organischem Dünger vorbereiten, um sie dann mit den Palma-Blättern zu bepflanzen. Dieser ganze Vorgang wird von uns geplant und begleitet und in den Anfängen finanziert. Wichtig ist, dass die erste Erfahrung mit den neuen Methoden positiv ist. Dann breiten sie sich schnell aus. Ebenso verbreiten wir Saatgut der Guandu-Bohnen, eine fast immergrüne  1 m hohe Pflanze, ein vorzügliches Futter. Dazu kommt dann die bekannte Maniokpflanze. Ihre Wurzeln wurden immer in einem aufwendigen Prozess für menschlichen Verbrauch verarbeitet. Man brauchte z.B. eine Menge Wasser dafür. Der Anbau ist in den letzten Jahren stark zurückgegangen. Wir versuchen  ihn neu zu beleben. Als Viehfutter ist die Verarbeitung längst nicht so aufwendig und braucht überhaupt kein Wasser. Die Wurzel wird gehäckselt, getrocknet und gemahlen: ein vorzügliches Futter für Groß- und Kleinvieh.

Diese Umstellung auf eine ertragreichere Tierhaltung, mit gespeichertem Regenwasser, ist eine aussichtsreiche Alternative. Fast alle sind schnell davon überzeugt, wissen aber auch, dass ihnen die Mittel dazu fehlen. Wer jede Woche von neuem überlegen muss, ob er sich Kaffee und Zucker leisten kann, wird nicht an den Bau einer Zisterne oder eines Ziegenstalles denken können.

Das abgesagte Projekt der Regierungsbank sollte unsere Bienenzüchter fördern. Nun müssen wir selbst in kleinen Schritten das Notwendige tun. Für dieses Jahr haben wir uns noch vorgenommen eine neue Gruppe von 40 Leuten zu bilden und sie mit den für den Anfang notwendigen Einrichtungen auszustatten: der Bau des Imkerzentrums mit den Anlagen zur Ernte und Lagerung des Honigs, die Arbeitskleidung, 300 neue Bienenstöcke. Einen Teil dieser Ausstattung haben wir schon beisammen. In den nächsten zehn Tagen wird wohl der Bau des Gebäudes beginnen können. Das ist der aufwendigste Teil (€ 15.000,00 brauchen wir dafür). Ein Bienenstock kostet  € 28,00, alle INOX -Behälter (Zentrifuge, Klärbottiche, Arbeitsbänke usw.) kosten rund  € 4.000,00; die Wachswaben für 300 Bienenstöcke kosten  € 2.800,00. Die Imkerkleidung für die Gruppe kostet  € 1.300,00. Wenn wir das alles zusammenhaben, können wir zum Jahresende beginnen die Bienenschwärme einzufangen.

Für die entferntere Zukunft müssen wir uns dann die Erweiterung und Neuausstattung der Imkerzentren („Casa do Mel“) aus den Anfangszeiten vornehmen. Nach unseren Berechnungen braucht man jeweils  € 7.500,00. Nur wenn wir diese Anpassungen machen, können wir auf Dauer die Erlaubnis zum Export bekommen. Die Regierung arbeitet daran, die Hindernisse für den Export in die EU auszuräumen. Durch Los werden von den Honigherstellern unseres Bundesstaates Proben ihres Honigs entnommen und zur Untersuchung an ein Labor in Deutschland geschickt. Uns hat es schon zweimal getroffen. Die Ergebnisse sind immer positiv. Wir wissen also, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Mit zwei Anmerkungen möchte ich schließen. Es wird wohl aufgefallen sein, dass ich immer im Plural spreche: „wir“. Damit meine ich meine drei Mitarbeiter, die mit mir zusammen in dem großen Gebiet der alten Pfarrei Simpl?cio Mendes unsere Arbeiten mit den Bauern durchführen. Sie sind ständig auf ihren Motorrädern unterwegs und begleiten die zahlreichen Gruppen und Vereine der Bauern in den von uns betriebenen Projekten. Zwei von ihnen wohnen in Simpl?cio Mendes, einer hier in S?o Fancisco. Sie werden immer mehr zu Spezialisten in der Landwirtschaft unseres Sert?o. Gleichzeitig sind sie Pädagogen, die ständig die Leute versammeln, unterrichten, organisieren und ermutigen. Ebenso sind sie Propheten, die sich mit Gottes Wort an die Herzen der Menschen richten. Diese große Gemeinschaft aller Beteiligten, das sind „wir“.

Aber ich möchte auch alle in das „wir“ einschließen, die diesen Brief lesen, unsere Sorgen teilen, etwas ändern möchten zugunsten unserer Armen. Das Nachdenken und Planen geht von uns aus. Aber die Durchführung ist das Werk aller, die mit uns zusammen auf dem Weg sind. Damit komme ich zu der zweiten Anmerkung. Ich habe  mit Absicht genaue Angaben über die Kosten unserer Aktionen gemacht. Aber wir können fast nie diese unsere Programme auf einen Schlag durchführen. Wir tragen zusammen, was unsere Brüder und Schwestern in Brasilien und Deutschland uns anvertrauen. Schritt für Schritt verwirklichen wir unsere Absicht, zusammen mit unseren Armen den Weg aus der Armut zu finden. Nicht das Volumen ist das Wichtigste, sondern die Zeichen, das Saatkorn, das Licht, die Hoffnung.

Wir kennen die Pfade des großen Sert?o. Sie sind oft verschlungen und endlos weit. Aber sie führen an ein Ziel, weil sie von Gott vorgezeichnet sind. Einer der rauen Gesellen aus dem Roman vom „Großen Sert?o“ überlegt sich: „Wenn es Gott nicht gibt, ist das Leben völlig beschränkt. Mit Gott ist es weniger gefährlich, etwas daneben zutreten – denn am Ende geht es dann doch. Aber wenn es Gott nicht gibt, dann darf man sich überhaupt nichts erlauben ... ich finde heutzutage, dass Gott Freude ist, und Mut, -wie soll ich sagen – oder mehr  noch: Güte.“

Man könnte es auch  mit dem unvergessenen Dom Helder C?mara sagen: „Ich muss den Menschen den Ölzweig bringen, den Gott mir anvertraut hat. Vorläufig gibt es keinen Platz zum Landen. Die großen Wasser breiten sich aus, so weit das Auge reicht. Ich fliege um jeden Preis ... solange ich nicht vor Müdigkeit herunterfalle, werde ich fliegen, fliegen, fliegen. Gott, der Herr, der mir diese göttliche Aufgabe anvertraut hat – er wird mich beschützen.“

Allen Schwestern und Brüdern herzliche dankbare Grüße
Ihr Bruder in Christus   Padre Geraldo Gereon.