Liebe Brüder und Schwestern in Deutschland!

 Vor einigen Tagen stieg ich hinauf zu einem Kreuz, das auf einer Bergkette steht, ganz nah an unserem Städtchen, etwa 130m höher als der Ort. Über 500m hoch über dem Meeresspiegel, hat man hier eine beeindruckende Aussicht: die endlos weite Hochebene der Buschlandschaft des Nordostens, von einigen wenigen Tafelbergen durchzogen. In Richtung Nordwesten erkenne ich deutlich einen dieser Berge in der Nähe von Simpl?cio Mendes, etwa 60 km von hier entfernt. Ein guter Teil dieser riesigen Gemeinde, in der ich seit Jahrzehnten lebe, liegt hier vor mir. Ich kenne fast alle Wege, die zu den kleinen und größeren Orten führen, in denen die Menschen leben. Sie sind das Volk Gottes, mit dem ich gemeinsam unterwegs bin. Viele Einzelheiten ihres Lebens sind mir vertraut. Dennoch weiß ich, wie notwendig es ist hinunterzusteigen und genauer zuzusehen, um wirklich zu verstehen, was nur scheinbar auf einen Blick zu erfassen ist, aber immer einen vielschichtigen Hintergrund verbirgt.

Mir kommt in den Sinn, dass es am 29. Juni genau 40 Jahre her sind, dass ich in Brasilien ankam. Die Diözese Osnabrück schickte mich in die Diözese Oeiras: brasilianischer Nordosten, das Armenhaus des riesigen Landes, politisch geknebelt von der Militärdiktatur, mit einer Kirche, die mutig die Thesen der Befreiungstheologie verkündete. Die priesterliche Gemeindearbeit musste ganz neu erlernt werden. Und schnell wurden Notsituationen der Menschen zur Herausforderung, das Verkündete mit diesen Menschen zu praktizieren: 1969 die große Überschwemmung in Picos mit hunderten obdachlosen Menschen; 1970 die große Dürre mit unvorstellbarem Hunger. Seitdem geht es immer wieder darum, Wege aus der Not zu finden mit Menschen, die Opfer sind: eines gnadenlosen Klimas, einer ebenso gnadenlos ungerechten Gesellschaft, einer unverschuldeten Rückständigkeit. Oberflächliche Vorurteile machen diese Menschen bedeutungslos, uninteressant als Produzenten wie als Konsumenten. Ich versuche von meinem hohen Aussichtspunkt aus den Ruf zu hören hinabzusteigen, genauer hinzusehen und vorzudringen zu der lautlosen Not, an die sich alle schon gewöhnt haben.

Wie können diese Menschen es fertig bringen, mit einem Ernteausfall von rund 70% zu leben, der sich fast jedes Jahr wiederholt? Die letzte Regenperiode verspätete sich um drei Monate. Das bedeutete zunächst immer weniger Wasser, weniger Futter, kahle, ungepflügte Felder. Vereinzelte Versuche etwas zu pflanzen wurden von den Schädlingen vereitelt, die alles wegfraßen. Als es dann Anfang März etwas Regen gab, blieben nur noch zwei Monate bis zum Ende der Regenperiode. Diese kurze Zeit reichte nur dafür, die Bohnen reifen zu lassen, der Mais ging wieder fast ganz verloren, Baumwolle fiel vollständig aus. Nur die Weideflächen füllten sich ganz gut wieder auf. Wasser für Mensch und Tier gab es wieder an vielen Stellen. Aber zahlreiche Zisternen liefen nicht voll. Da es sehr spät zu blühen begann, hielten viele Bienenvölker die lange Zeit ohne Nahrung nicht aus. Die Honigernte ging auf die Hälfte zurück. Zum Ende des Jahres wird es wieder die immer längeren Wege zu den wenigen Wasserstellen geben. Aber einige von uns angelegte Stauanlagen haben trotzdem größere Vorräte als im letzten Jahr.

Sind wir also noch knapp am Schlimmsten vorbeigekommen? Es sieht so aus, als hätte die zu kurze Regenperiode „nur“ zu den üblichen Einbußen geführt. Also wird man sich damit abfinden müssen – wie immer ist das ja die letzte Antwort. Aber ich wollte doch etwas genauer zuschauen und auch hinhören auf das, was zwischen den Zeilen steht.

Da kommt ein Bauer und erzählt, dass in seinem Ort die Zisternen fast alle leer sind. Sie haben dort einen Tiefbrunnen mit einem niedrigen Ausstoß sehr schlechten Wassers, das aber für das Notwendigste brauchbar ist. Seit sechs Monaten ist die Pumpanlage kaputt. Die zuständige Ortsverwaltung unternimmt nichts. So mussten die Leute an die Vorräte in den Zisternen gehen, die eigentlich für die Trockenmonate gedacht sind. Der Bauer ist voller Wut und weiß außerdem, dass über 20 dieser Wasserstellen in der Gegend stillstehen, weil sie nicht repariert werden oder keinen Treibstoff haben, um die Motoren laufen zu lassen. So sind sie wieder stundenlang unterwegs mit ihren Eselskarren, um sich ihr tägliches Wasser zu besorgen – 4 km entfernt ist die nächste Wasserstelle. Diese Armut hat nichts mit Dürre zu tun.

Ich erinnere mich: vor einigen Monaten erzählte  mir die Katechetin dieses kleinen Ortes von den Schwierigkeiten bei der Erstkommunion: das einfache T-Shirt, das die Kinder bei dieser Gelegenheit benutzen – Preis EUR 3,50 – konnten nicht alle bezahlen, acht von ihnen meldeten sich ab. Wir alle haben dann zusammengelegt, und dann waren sie doch dabei an ihrem Festtag. Die junge Frau erzählte mir damals, dass sie selbst zum ersten Mal in ihrem Leben ein neues Kleid bekam, als sie schon 16 Jahre alt war – bis dahin hatte sie immer nur gebrauchte Kleidung getragen. Da fiel mir dann auch ein, dass diese Frau seit vielen Monaten immer dasselbe anhat bei der hl. Messe. Das ist die Form der Armut, über die die Menschen fast nie sprechen. Sie erklären nicht mit wie wenig Geld sie sich durchschlagen, wie viele Tage vergehen, ohne dass sie etwas verdienen oder ausgeben, wie viele kleine Schulden sie machen, die wochenlang angeschrieben bleiben.

Schon seit mehreren Jahren mache ich zum Ende der Regenperiode eine kleine Arbeit an der Straße, auf der wir alle fahren: ein paar Männer und Frauen dieses kleinen Ortes, von dem ich hier erzähle, schütten einige Eselskarren Schotter in die tiefsten Löcher und schlagen in den Kurven den hochgewachsenen Busch ab, damit Autos und Motorräder eine bessere Sicht haben. Eine Frau, die auch beim Schaufeln half, sagte mir, dass diese paar Tagelöhne das erste Geld waren, das sie in diesem Jahr verdient haben – und wir waren schon im Monat Mai

So konnte ich auch die scheinbar malerische Szene verstehen, die ich mit den Leuten erlebte, die aus demselben kleinen Ort, 13 km entfernt von S?o Francisco, in die Pfarrkirche zur Taufe eines Kindes kamen. Sie haben dort ein altes Auto, das mit Küchengas läuft. Ein Gasbehälter kostet etwa 12 Euro. Aber das Geld hatten sie nicht, auch wenn sie alle, Eltern, Paten und Verwandte zusammengeworfen hätten. So machte sich die Karawane von rund 20 Leuten zu Fuß auf, die Frauen mit den kleinen Kindern auf zwei Eselskarren. Wie gesagt: eine malerische Szene, die an die Umsiedler der alten Zeiten erinnerte, als man vor der Dürre fliehen musste. Aber sind die alten Zeiten nicht längst vorbei? Es ist doch soviel verändert, und doch haben diese Leute immer noch keinen Strom, kein Wasser, kein Telefon, kein Fernsehen.

Manchmal sieht es so aus als widersetzten sich die Leute den angebotenen Veränderungen, die die Armut überwinden wollen. Sicher spielt die Mentalität, die Kultur, die Geschichte und soviel anderes mehr eine Rolle. Aber Entwicklung ist fast nie ein Sprung, sondern ein Weg, auf dem es Schwellen gibt, die zu überschreiten sind ohne zu verunsichern. Und bei geplanter Veränderung kann man leicht übersehen, dass immer ein ganzes Bündel von Hindernissen im Weg steht, die man nicht wegzaubern kann. Immer kommt man dann an die Stelle, wo es heißt: habe ich die Mittel oder nicht, um voranzukommen? Kann ich riskieren, das wenige auszugeben, das ich habe? Kann ich nach den ersten Schritten auch das bezahlen, was an Nachfolge- oder Unterhaltskosten auf mich zukommt? Armut ist ein  Kreislauf – wer da gar nicht drinsteht, hat immer Vorschläge und Lösungen zur Hand, die oft zu einfach sind und nicht an der richtigen Stelle beginnen.

Ein kleines Beispiel dazu: Im letzten Jahr haben wir mit einer recht großen Zahl armer Bauern mehrere Treffen und Kurse gemacht, die die Grundlagen der „agricultura org?nica“ vermitteln wollten. Ein ausgezeichneter Fachmann übte mit den Bauern einfache, natürliche Methoden ein, um die Böden zu erhalten und zu verbessern, um Schädlinge zu bekämpfen ohne chemische Gifte usw. Die Leute hier haben große Angst vor Pflanzengiften, auch weil sie sie nie richtig anwenden. Darum waren sie begeistert von der Aussicht der Schädlingsplage Herr zu werden, die ihnen jedes Jahr, wenn der Regen kommt, zu schaffen macht. Die Wirksamkeit der selbst zubereiteten Mixturen stand außer Zweifel. Aber bei vielen scheiterte es daran, dass sie keinen ausreichend großen Behälter zur Aufbereitung der Natur-Konzentrate und keinen Apparat zum Versprühen hatten. Ein 200-Liter-Behälter kostet 18 Euros, ein 20-Liter-Versprüher kostet 45 Euros. Die meisten armen Bauern können das nicht aufbringen. Und so kann ein ausgezeichnetes Projekt ganz einfach im Sande verlaufen. Wir haben für September eine neue Runde zum Einüben und Vertiefen dieser ökologisch korrekten Methoden geplant. In unserem Lager stehen schon eine gute Anzahl großer Fässer und Versprühgeräte bereit. So wollen wir einen neuen Schritt wagen – denn wir bestehen darauf, dass Veränderung möglich und Armut überwindbar ist.

Wenn die Dürre keine Ernte brachte, wenn Wasserstellen austrocknen und Hunger sich ausbreitet, braucht man „Hilfsmaßnahmen“. Sie sind relativ einfach auszurichten, wenn man Mittel zur Verfügung hat. Aber wir wollen ja nicht jedes Mal, wenn die Dürre uns trifft, wieder dieselben Hilfsmaßnahmen anwenden, die einfach Hunger bekämpfen. Wir wollen lernen, die Dürre zu bestehen, ohne am Hungertuch zu nagen, der Dürre zu trotzen und nicht immer ihr Opfer zu sein.

Wir glauben, dass dafür folgende Wege möglich sind:

Die kleinen Bauern können besser überleben, wenn sie sich noch mehr auf Kleintierhaltung einrichten. Dazu brauchen sie mehr angelegte Weideflächen und Futtervorrat. Es gibt genügend an das hiesige Klima angepasste Pflanzen, die dafür genutzt werden können. Die Leute brauchen Hilfe, um mehr Land zu kultivieren und etwas Technik einzusetzen. Dabei wollen wir ihnen weiterhin helfen.

Die Bienenzucht ist ebenfalls eine Erwerbsquelle, die nicht mehr wegzudenken ist. Es geht nach den guten Anfängen nun darum, das immer noch kleine Potential zu vergrößern. Ein Fachmann sagte uns: ob ein Imker 5 oder 50 Bienenstöcke betreut, ist fast dieselbe Arbeit. Wir stehen an dem Punkt, wo diese Erweiterung notwendig ist, was Qualität und Quantität angeht, mit der unvermeidlichen Anpassung an den Markt (die EU lässt im Moment keinen Import brasilianischen Honigs zu, weil er z.B. nicht genügend Labor-Überprüfung hat). Wir setzen also mit unseren Bauern diese gute Arbeit fort, damit nicht einige wenige Große das Feld beherrschen. Die Kleinen sind immer noch zu klein, um diese Erweiterung und Verbesserung tragen zu können. Hier haben wir ein gutes Beispiel dafür, dass wir eine Schwelle überschreiten können zu einer nicht allein vom Klima abhängigen Landwirtschaft.

Es gibt zwei Gründe für das Übel der Armut. Das Fehlen von Mitteln zum Leben und Überleben und das Fehlen von Menschen, die demütig, geduldig und einfühlungsfähig den Weg der Armen begleiten. Demnach gibt es auch zwei Arten zu helfen: die materielle Hilfe und das  treue Bemühen sich mit den Armen zu identifizieren. Beides ist nur möglich mit der Motivierung, die das Evangelium Jesu vermittelt.

Ich habe darüber nachgedacht bei meinem Ausblick auf das weite Land und dem Rückblick auf meine 40 Jahre hier: eine lange Zeit mit vielen Menschen, über endlos lange Wege, manchmal Wege wie durch eine Wüste und eine Nacht ohne Sterne. Aber ich weiß, dass ich immer gute Begleitung hatte: alle, die diesen Brief lesen, sind immer dabeigewesen. Als mir jemand zu Beginn dieses Jahres, angesichts der drohenden Dürre, sagte: “Mach dir keine Sorgen, wir schaffen das schon“, hatte ich wieder das Vertrauen, dass dieser Weg richtig und möglich ist. Vor allem weiß ich ja, wer mich auf diesen Weg geschickt hat, wohin er führt und dass Er selbst der Weg ist.

Die lateinamerikanische Kirche sagt in ihrem Puebla- Dokument (1979): „Was man vom Diener des Evangeliums erwartet, ist, daß er treu ist – diese Treue schafft eine Gemeinsamkeit, von der eine große apostolische Kraft ausgeht.“ Ich glaube an die Bedeutung dieses Wortes, auch weil ich selbst diese Treue erfahre. Seit der Zeit von Medellin und Puebla ist die Stimme der Befreiungstheologie leiser geworden. Als man einen ihrer großen Verkünder hier in Brasilien, den Bischof Dom Pedro Casald?liga, fragte, was übriggeblieben sei von der Befreiungstheologie, sagte er: „Geblieben sind zwei Worte: ‚Gott’ und ‚der Arme’.“

Mit derselben Überzeugung fuhr ich am 29. Juni abends zu den Leuten, die seit sechs Monaten nicht mehr mit Wasser versorgt werden. Ich brachte ihnen einen Tankwagen  mit 3000 Liter Wasser mit, Wasser aus einem Tiefbrunnen, den die Pfarrei hier am Ort seit drei Jahren unterhält, um den Armen die Wege zu den spärlichen Wasserquellen zu verkürzen. Wir feierten dann eine besinnliche Dankesmesse. Danach gab es ein paar Stücke Brot und schwarzen Kaffee.

An diesem Tag konnte ich beten wie der selige Bischof Niels Stensen, der im 17. Jahrhundert die mecklenburgische Diaspora durchzog: „Gott, du hast mich auf unbekannten Wegen geführt. Leite mich auch weiterhin in deiner Gnade – ob sehend oder blind.“

Mit herzlichen dankbaren Grüßen bin ich
Euer Bruder in Christus  Pastor Geraldo Gereon