Liebe Schwestern und Brüder in Deutschland!

Als ich von meiner langen Reise nach Sao Francisco de Assis zurückkam, fand ich im Berg der angesammelten Postsendungen ein großes Plakat mit dem Porträt eines berühmten Priesters unseres Nordostens: Padre José Maria Ibiapina (1806-1883). Dieser „Apostel des Nordostens“, nach einer Karriere als Rechtsanwalt und Politiker zum Priester geweiht, durchzog 30 Jahre lang als Wandermissionar riesige Gebiete des trockenen Hinterlandes von Nordost-Brasilien. Auf dem Plakat steht eines seiner berühmten Worte: „Ins Zentrum der Nächstenliebe stellte ich mein Dasein“.

Hundert Jahre bevor die lateinamerikanische Kirche die Theologie herausforderte zur Befreiung und ihre Option für die Armen erklärte, lebte dieser Priester seine Mission in dem von Dürre und Ungerechtigkeit gegeißelten Nordosten als eine Verpflichtung zur Veränderung: seine Verkündigung des Evangeliums beruft bekehrte Menschen zur Geste des Mit-Leids mit Sündern, Armen und Ausgestoßenen. Überall wo Padre Ibiapina den Menschen des verlassenen und verachteten „Sertao Nordestino“ die Botschaft von Jesus verkündete, genauso verachtet, weil er aus Nazareth kam, baute er mit ihnen die Kapelle, das Kranken- oder Waisenhaus und die Wasserstauanlage. Er war der Mystiker eines menschgewordenen Gottes, der sein väterlich-mütterliches Antlitz offenbart. Er lebte mit seinen Brüdern und Schwestern die Kirche der Hoffnung und Befreiung. Noch heute sind seine Wege durch die fünf großen Nordost-Staaten wahrzunehmen.

Nun kam ich also zurück in meine Pfarrei im brasilianischen Nordosten. Wie in den Zeiten von Padre Ibiapina trägt dieser Nordosten noch immer Züge, die nach einer befreienden Evangelisierung rufen. Hier fallen keine Häuser ein und werden keine Dörfer weggeschwemmt, aber hier hat sich eine permanente Armut eingenistet, die störrisch auf ihren Ursprüngen besteht und sich der Veränderung widersetzt. Das politische System hat sich gewandelt, aber es gibt seine Absicht nicht auf, abhängig gehaltene Menschen für die unausrottbaren Privilegien einer kleinen Gruppe zu benutzen. Die Herzen der Menschen sind genau so korrupt, und die Sonne brennt genau so heiß wie in den Zeiten von Padre Ibiapina.

Wir haben uns bei unserem Bemühen auf Josef von Ägypten berufen, um vorauszusorgen für Dürrejahre. Und doch haben wir nur kleine Schritte geschafft. Die Dürre hat uns wieder voll getroffen. Viele Lichter der Hoffnung sind schwach geworden. Jetzt habe ich mich schnell davon überzeugt, was schon vorauszusehen war: besonders die zwei Monate zu spät eingesetzte Regenperiode konnte nicht ausgeglichen werden durch die folgenden schwachen und unregelmäßigen Regenfälle. Schnell hat sich jetzt das Ergebnis bestätigt: Es gab nur eine kleine Bohnenernte, und die Wasservorräte sind am Austrocknen.

Es gibt Regeln, um einen Notstand offiziell zu dekretieren. Es müssen 70% der Ernte verlorengegangen sein. Bei uns ging die Baumwolle zu 95% verloren, der Mais zu 80%. Aber die Bohnen hatten „nur“ 45% Verlust. Das drückte den statistischen Durchschnitt auf rund 60% Ernteverlust, und das ist kein Grund zum Notstand. So haben wir eine große Zahl hungriger Bauern, die keine Aussicht auf Hilfe haben.

Seit Beginn des Jahres redet man von der Lösung des Wasserproblems hier am Ort, in 120 Tagen sollte alles geschafft sein. Aber wieder hat man an der verkehrten Stelle gebohrt und begräbt die Hoffnung mit der Behauptung, dass alles viel zu teuer sei. In diesem Jahr hat es so wenig geregnet, dass das aufgestaute Wasser nicht bis zum nächsten Regen reicht. Aber unsere Zisternen sind die große Erleichterung – sie geben Trinkwasser für viele Familien, obwohl eine ganze Reihe nicht voll gefüllt waren. Die Wasserstellen für das Vieh sind jedoch fast alle am Ende, sie reichen nicht bis zum nächsten Regen, der erst zum Ende des Jahres erwartet wird. Die wenigen Tiefbrunnen mit ihrem geringen Wasserausstoß laufen auf Hochtouren, unsere Pfarrei trägt mit vier Anlagen dazu bei. Hoffentlich halten die Motoren es aus. Vor einigen Tagen haben drei Tankwagen begonnen, Wasser in die Stadt und an die Hauptorte im Innern zu fahren. Das hat Erleichterung gebracht.

Der Samstag ist Markttag. Am letzten Samstag sah es hier aus wie an jedem Wochentag, es war nichts los. Keiner hat etwas zu verkaufen und keiner hat etwas zum Ausgeben. Man bleibt zu Hause, um wenigstens die Fahrt zu sparen. Ein kleiner Junge kam und bat um 4 Reais (EUR 1.50), um sich die einfachen Gummisandalen zu kaufen – seit Wochen schon läuft er barfuß.

Dann kam Manoel, seine Frau ist schon lange schwerkrank. Er bringt sie ständig ins kleine Krankenhaus, fährt mit ihr auf dem Gepäckträger mit dem Fahrrad über 20 km auf holprigen Wegen. Alle Schafe und Ziegen hat er schon verkauft, er kann die Medikamente nicht mehr bezahlen. Dazu hat er ein kleines Kind mit epileptischen Anfällen. Die Medikamente, die es dafür gratis gibt, reichen nur für 20 Tage im Monat. Dann wird es schlimm mit dem Jungen. Kürzlich wäre er beinahe in einem Tümpel ertrunken. Manoel macht alle Arbeiten im Haus: Kochen und Wäschewaschen. Für die Feldarbeit, sagt er, hat er täglich nur zwei Stunden. Was kommt schon dabei heraus? Ich habe ihm versprochen, meine kleine Pension monatlich mit ihm zu teilen. Gerade sitzt ein anderer Bauer hier. Er braucht täglich drei Stunden, um Wasser zu beschaffen, und seine Rinder trinken nur alle zwei Tage wegen der großen Entfernung.

Meine beiden Mitarbeiter Anchieta und Paulo-José kamen beeindruckt von ihrer Arbeit mit den Bauern zurück: der Hunger beginnt zu drücken. Sie bemerken, dass viele Leute sich schämen, vom Hunger zu sprechen. Gott sei Dank gibt es die Schulspeisung für die Kinder, das erleichtert einiges für die Familien.

 Als wir drei diese Situation miteinander besprachen, kamen wir zu dem Schluß: wir müssen uns wieder einmal zu Arbeitseinsätzen mit unseren Bauern entschließen. Es ist unmöglich, Hilfe für so viele Menschen bereitzustellen. Aber es kommt auf die Geste an, die ein wenig Hoffnung weckt. Wir haben Erfahrung aus den vergangenen Jahren: Die Bauern werden zu kleinen Gruppen von 10 Personen zusammengefaßt. Sie arbeiten vier Tage lang zusammen auf ihren eigenen Feldern, zu dem in der Gegend üblichen Tagelohn. Besonders sollen bestehende Baumwollpflanzungen ausgerottet werden, eine unerläßliche Maßnahme, um den Bicudo-Schädling zu bekämpfen. Dazu können ausgetrocknete Wasserstellen gesäubert werden oder Zäune ausgebessert werden. Die Leute brauchen nicht aus ihrer Umgebung heraus und tun etwas Nützliches für ihre kleine Landwirtschaft. 450 Familien haben wir eingeschrieben.

Da wir nicht vorbereitet waren für diese Ausgaben – sie sollen mindestens über 3-4 Monate laufen – müssen wir ein Projekt zurückstellen, das die Einrichtung eines neuen Imkerzentrums vorsah. Auch wird wohl der Ausbau des zentralen Honiglagers noch warten müssen. Aber die unmittelbare Hilfe für hungrige Bauern geht im Moment vor. Es ist uns klar, dass all unser Bemühen darauf ausgerichtet sein muß, das archaische System der Land- und Viehwirtschaft zu verändern, um Notlagen wie die periodische Dürre zu überstehen. Das Trinkwasser der Zisternen ist ein erfreulicher Erfolg. Aber wir stellen immer wieder fest, dass wir im Grunde allein sind mit unserem Bemühen um Veränderung, die sich nicht mit einigen kleinen Bankkrediten herbeizaubern läßt. Wir sind zu sehr Peripherie, wir sind zu klein, wir sind zu sehr letzter Platz, als dass sich etwas bemerken ließe von dem veränderten Brasilien.

Gerade darum brauchen wir Figuren wie den Padre Ibiapina, die uns anregen und bestärken in der Überzeugung, dass unsere Botschaft sich an die Verlassenen richten muss, um ihnen vom Gott des Lebens und der Hoffnung zu sprechen und mit ihnen den schweren Weg der befreienden Veränderung zu gehen.

Vor einigen Tagen schaute ganz Brasilien auf den Bischof von Barras/Bahia, einer Stadt am Ufer des großen Sao Francisco-Flusses. Er hatte sich in das Kapellchen einer kleinen Gemeinde am Flussufer zurückgezogen und ein Protestfasten begonnen, um die geplante Umleitung des Flusses in Frage zu stellen. Erst als nach 9 Tagen die Regierung versprach, das Projekt noch einmal durchzudiskutieren, stellte der Prophet in der Franziskanerkutte sein Fasten ein. Bei dieser Gelegenheit geschah etwas Eigenartiges: Der Apostolische Nuntius zelebrierte mit dem Bischof eine Messe, während die Kollegen in Brasilia erklärten, die Kirche billige nicht einen Hungerstreik, der
das eigene Leben zerstört. Die großen prophetischen Gestalten der lateinamerikanischen Kirche sind selten geworden, sie werden unter Kontrolle gehalten.

Es ist schon wichtig, dass das Plakat vom Padre Ibiapina gut sichtbar aufgehängt wird und das Wort des Apostels der Armen des Nordostens gut hörbar    nachgesprochen wird: „Ins Zentrum der Nächstenliebe stellte ich mein Dasein“. Ich bitte alle Schwestern und Brüder uns weiter zu begleiten auf dem Weg des Padre Ibiapina, den wir heute gehen möchten.

In herzlicher Dankbarkeit grüße ich alle
als Bruder in Christus   Padre Geraldo Gereon