Liebe Schwestern und Brüder in Deutschland,

Seit längerer Zeit bin ich diesen Brief schuldig. Hier im Sertao, dem trockenen Hinterland des brasilianischen Nordostens, sind wir geradezu gezwungen keine Eile zu haben. Oft müssen wir lange warten bis es endlich etwas Regen gibt. Oft schon sind uns gut gemeinte, aber undurchführbare Vorschläge gemacht worden, wie man schnell die Hemmungen der Rückständigkeit überwinden kann. Oft erliegen wir selbst der Versuchung,
“den Wagen vor die Ochsen zu spannen”, um schnell zu erreichen, was nur langsam wachsen kann. Oft fehlt uns die Geduld für das Gesetz des Säens und Erntens. Statt einer falschen Eile müssen wir den Rhythmus entdecken, in dem die Dinge entstehen und geschehen. So möge auch meine Verspätung kein Versäumnis sein.

 Ich habe einige Monate hinter mir, in denen ich keine Eile haben durfte. Vor fast einem Jahr ist mir bei einem häuslichen Unfall die Achillessehne des rechten Fußes gerissen. Hier am Ort gibt es keinen Arzt, in
Simplicio-Mendes wurde falsch diagnostiziert, erst nach über zwei Monaten kamen wir in Teresina
(500km entfernt) darauf, was passiert war. Als dann Ende Juni endlich operiert wurde, waren fast vier Monate vergangen. Dann kam die lange Zeit mit Gips, verordneter Ruhe, einem Rest der Wunde, die nicht heilte. Jetzt, nach fast einem Jahr, laufe ich zwar wieder wie gewohnt, aber es fehlt immer noch ein wenig bis zur vollen Normalität.

Der Unfall ereignete sich, als ich zu dem Wasserbehälter meines Hauses hinaufstieg, um Wasser hineinzupumpen. Wir haben ja hier am Ort keine Wasserversorgung, jeder muss selbst sein Wasser holen. Auf dem Kopf, in Schubkarren, mit dem Fahrrad, mit dem Eselsgespann, in großen und kleinen Autos, jeder versorgt sich selbst mit Wasser und verbraucht so wenig wie möglich - man weiß ja, wie mühevoll man es hergebracht hat. Viele Leute, besonders Frauen, haben durch das anstrengende Wassertransportieren körperliche Schäden, besonders am Rückgrat, oder Schäden an inneren Organen durch das Trinken schlechten Wassers. Nun gehöre ich auch in dieser Hinsicht zu ihnen mit meinem verletzten Fuß, der mich so lange stillgelegt hat.

Aber diese aufgezwungene Geduld war auch eine Lektion. Das Warten in einem Prozess, den man selbst nicht beschleunigen kann, kann zu einem Einüben der sogenannten “historischen Geduld” werden. Entwicklung, die Zustände verändert, muss organisch wachsen. Sie darf weder aufgepfropft sein, noch ein hinterherlaufen nach einem schon abgefahrenen Zug sein. Man muss auf etwas hinarbeiten, das dann wiederum nur Etappe ist, die einen neuen Abschnitt einleitet. Etappen zu überspringen, um schneller voranzukommen, ist fast immer fatal. Das Tempo können nur die Menschen in ihren konkreten Umständen bestimmen, je nachdem, was sie selbst wollen und was sie sich zutrauen. Wenn man z.B. Hunger bekämpfen will - das große Thema unserer Regierung - darf man nicht nur einen Schlag Essen auf leere Teller tun, die jeden Tag von neuem leer sind. Aber ebenso wenig genügt es zu fragen, ob die Kinder zur Schule gehen, damit die Familie Hungerhilfe bekommt, wenn man nicht auch fragt, ob die Väter auf ihre Felder gehen.

Bei all unseren Arbeiten stoßen wir immer wieder auf diese Gesetzmäßigkeit. Wir glauben, dass die beste Art Menschen auf den Weg zu bringen, der Zustände verändern kann, das Einbinden dieser Menschen in kleine Gemeinschaften ist. Die beste Motivierung dazu ist unser Glaube, das Volk Gottes zu sein, das gemeinsam unterwegs ist. Hier wird gemeinsam erfahren und eingeübt, was für den einzelnen nur ein Wagnis ist, für das viele nicht den Mut aufbringen. Wir konnten zum Beispiel im vergangenen Jahr, dank einer größeren Zuwendung aus einer Erbschaft, drei voll ausgerüstete Traktoren erwerben. Sie wurden an drei Bauernvereine übergeben, die schon seit geraumer Zeit gut funktionieren. Erst aber wurden für jede Gruppe jeweils fünf Fahrer ausgebildet, unter ihnen immer auch eine Frau. Dazu wurden die Gruppen angeleitet, diese Maschinen auf eigene Kosten ohne Verlust zu verwalten: Wartung, Treibstoff, Ersatzteile. Dabei konnten wir Erfahrungen mit anderen Gruppen weitergeben. Trotzdem läuft alles noch auf Probe und wird noch von uns begleitet.

Ein anderes Beispiel dafür, wie langsam es vorangeht, ist die Baumwolle. Sie wurde hier nicht mehr angebaut wegen des zerstörerischen Schädlings. Wir haben ganz neu angefangen und die neuen Erkenntnisse in einer ersten Pflanz- und Ernteperiode eingeübt. Nach der Ernte müssen die Pflanzen ausgerottet werden, sonst kann man die Schädlinge nicht auf eine kontrollierbare Menge reduzieren. Aber in den Köpfen vieler Bauern ist noch die Erinnerung an die Zeit, als man hier eine Sorte anbaute, die 5 - 6 Jahre auf den Feldern stand. Trotz aller Appelle und Anreize, wie neues Saatgut, haben einige nicht mitgemacht. Jetzt warten wir auf die Ergebnisse, hoffentlich überzeugen sie die letzten Zweifler. Denn ein einziges Feld mit einer hohen Schädlingskultur verpestet alle benachbarten Felder.

Nach wie vor ist die Bienenzucht das Projekt, das am meisten Freude und Mut macht. Rund 800 kleine Bauern gehören dazu, die erstklassigen Honig produzieren. In diesem Jahr haben wir wieder drei neue Regionalzentren eingerichtet, es sind jetzt 25. Die zentrale Sammel- und Verarbeitungsstelle wird ständig umgebaut und erweitert. Die letzte Errungenschaft ist eine Anlage zur Reduzierung des Feuchtigkeitsgehaltes des Honigs. Sie wurde uns von der Regierung eingerichtet. Die Produktion wird fast ausschließlich exportiert. Wir arbeiten schon daran, die Anforderungen für die Zulassung des “Grünen Siegels “ zu erfüllen. In diesem Jahr haben wir mit der Zucht von Königinnen begonnen, um die Bienenvölker genetisch aufzubessern. Hier in Sao Francisco haben wir eine Gruppe von rund 20 neuen Bienenzüchtern gebildet, alles Jugendliche, rund 20 Jahre alt, die z.T. noch zur Schule gehen. Mit ihnen machen wir einen neuen Versuch: die Bienen in einem überdachten Stand mit jeweils 25 Bienenkästen zu halten, mit einer angeschlossenen Zisterne und Tränke für die 16000 Ltr. Wasser, die diese Bienen in der Trockenzeit brauchen. Nachdem wir schon über 700 Zisternen an die Häuser der Bauern von Sao Francisco gebaut haben, kommen jetzt also die Bienen dran.

Bei all unseren Arbeiten leitet uns eine Überzeugung: diese Gegend mit ihrer Bevölkerung hat nur Zukunft mit einer gut entwickelten familiären Landwirtschaft. Sie kann ein wenn auch noch so kleines Gegengewicht sein gegen die Agro-Industrie der globalisierten Gesellschaft, die ihren Prinzipien von Rentabilität und Produktions- und Konsummechanismen alle anderen Werte humaner, sozialer- und kultureller Art opfert. In einem bloßen Gewebe von Wirtschaftsbeziehungen kann sich keine Zivilisation entwickeln. Diese braucht auch soziale und ethische Bezüge, sowie den Bezug auf die von Gott für uns geschaffene Welt. Wir glauben, dass wir hier kleine Schritte in diese Richtung tun können.

Es ist uns klar, wie wichtig dabei die Begleitung durch unsere deutschen Schwestern und Brüder ist. Deshalb möchte ich ein Thema anschließen, das in diese Ausführungen hinein gehört. Vor einigen Tagen wurde mir vom deutschen Konsul in Recife mitgeteilt, dass ich mich dort einfinden möchte, um das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland zu empfangen. Es erschrak und überraschte mich einigermaßen. Ich lebe ja schon seit   fast 39 Jahren hier in Piaui. Aber wahr ist natürlich auch, dass in dieser langen Zeit viele gute Freunde sich  geschwisterlich mit mir zusammen der Sache unserer armen Bauern angenommen haben. Jahrelang haben sie uns die Treue gehalten. In aller Bescheidenheit dürfen wir deshalb sagen, dass es diese unsere gemeinsame Anstrengung ist, die gewürdigt wird. Ich bin also am 17. Februar in Recife gewesen. Bei der kleinen Feierlichkeit habe ich ein paar Gedanken zum Ausdruck gebracht, die ich hier wiedergeben möchte. Obwohl dann dieser Rund-Brief etwas lang wird, hoffe ich doch auf das Verständnis aller dafür, dieser seltenen Gelegenheit ihren rechten Sinn zu geben:

 

Padre Geraldo Gereon

Sao Francisco de Assis do Piaui - Piaui /Brasil

JEDESMAL wenn, wie  heute, meine Tätigkeit als Priester beurteilt wird, kommt mir das Wort Jesu in den Sinn: “ Wenn ihr alles getan habt, was euch aufgetragen wurde, sollt ihr sagen: wir sind unnütze Knechte, wir haben nur unsere Schuldigkeit getan“.

Jesus sagt: die Jünger sollen tun, “was ihnen aufgetragen wurde”, das heißt: sie handeln in seinem Auftrag. Irgendeine Ehre kann nur ihm, dem Auftraggeber gelten. In der Bergpredigt empfiehlt er gute Werke zu tun, “damit die Menschen euren Vater im Himmel preisen”. Also wollen wir hier nichts anderes tun, als den Vater preisen für seinen Sohn, der uns sendet und empfiehlt auf den guten Ausgang dieser Sendung zu vertrauen.

Als unnützer Knecht aus Überzeugung will ich nur von diesem Auftrag sprechen, der mich vor 39 Jahren in das trockene Hinterland des brasilianischen Nordostens geführt hat. Es ist der Auftrag, den menschgewordenen Gott zu verkünden. Er will erfahren werden als menschenfreundlicher Gott, von all den Kleinen und Armen, die fast immer auch entrechtet und entwürdigt sind. Ich bin ausgesandt im Namen der deutschen Kirche. Das ist keine bloße Amtshandlung. Vielmehr ist es die Übernahme einer Stellvertretung: Meine Landsleute sorgen sich um die Geschwister, die zurückgeblieben sind auf den trockenen Wegen des Nordostens. Diese Sorge vertrauen sie mir an: sie soll sich in kleine befreiende Schritte umsetzen, die dem Weg eine andere Richtung geben können. Wenn wir uns zusammen auf diesen Weg aufmachen, verstummt das Gerede einer bloß rhetorischen Hoffnung angesichts der Erfahrung geänderter Zustände.

Das Bewusstsein dieses Auftrags gibt mir eine ständige und sichere Motivierung. Dennoch habe ich erfahren, wie notwendig ihre Vertiefung, Anpassung und sogar Korrektur ist. Denn ich muss von den mitgebrachten Vorstellungen bis zu einer demütig erarbeiteten Übereinstimmung wachsen.

Ich möchte das hier mit einem Bekenntnis belegen. Es ist ein Ausdruck meiner Überzeugung, dass ich auch heute noch mein deutsches Volk vertrete, selbst nachdem ich seit 1966 auch zu diesem Volk des Nordostens, dem Armenhaus Brasiliens, gehöre.

Vor 13 Jahren hatten wir eine Kommunalwahl. Es war eines der furchtbaren Dürre- und Hungerjahre. Wir unterhielten über viele Monate hinweg ein Hilfsprogramm für rund 6000 Familien, getragen von zahllosen deutschen Spendern. Bei der Wahl verlor die seit Jahren regierende Gruppe die Macht. Auf der Suche nach dem Schuldigen stießen die Verlierer auf den Pfarrer: sein großes Hilfsprogramm, das auch nach der Wahl noch viele Monate weiterlief, hatte nach ihrer Meinung diese Wahl beeinflusst. Unsere ständigen Erklärungen vor der Wahl konnten sie nicht von unserer Neutralität überzeugen. Für mich ging es immer nur um hungrige Menschen. Jeder Versuch Einfluss auf sie auszuüben, hätte die Intention der vielen Helfer entstellt und das Zeugnis des brüderlichen Dienens zerstört.

Da bekam ich einen geharnischten Brief, mit schweren Anschuldigungen. Der hasserfüllte Schreiber verstieg sich zu dem Ausdruck: “Sie sind noch schlimmer als Hitler”. Natürlich war der Mann blind vor Zorn, und schon gar nicht kannte er die komplizierte Geschichte des Naziregimes. Aber Tatsache war, dass er mich hier mit meinem Volk und seiner Geschichte identifizierte.

Ich hätte mich nun empören können, hätte mich verwahren können gegen solche Beleidigung. Aber ich spürte etwas anderes. Es wurde ganz still in mir. Es wog gar nicht mehr die ungeheuerliche Behauptung des zornigen Wahlverlierers. Ich empfand in diesem Moment, dass ich zu diesem Volk gehöre, das eine gewaltige historische Schuld auf sich geladen hatte. Ich wollte nichts erklären, mich nicht ausnehmen oder freisprechen, obwohl mir das zustand. Ich ließ die Behauptung da stehen, wo sie stand, wollte es nur ertragen, ohne Trauma und Komplexe. Ich verstand, dass man unter diese Geschichte, verbunden mit dem Namen Hitler, nicht einen Schlussstrich ziehen kann, um dann zu sagen: Jetzt reden wir nicht mehr davon. In den Nachrichten der letzten Tage hörte ich gerade von der Rede des Bundespräsidenten in Israel: seine Stimme sei ins Stocken gekommen, als er das Thema der deutschen Schuld ansprach. So ging es mir auch in dieser kleinen Episode im Hinterland Brasiliens.

Aber ich glaube nicht, dass man bei einer tiefen und ehrlichen Emotion stehen bleiben kann. Es muss die Frage bohren: wie ist das alles zu überwinden? Ich glaube, die Richtung für eine Antwort zu sehen. Unser Glaube ist eine einzige Geschichte von Schuld, die überwunden wird. Es ist eine Geschichte von Personen: ein erster Adam, der schuldig wurde und seine Schuld dem Kain mit seinen Nachfolgern auf allen Blutäckern der Welt hinterließ. Und es kam ein zweiter Adam, der, selbst unschuldig, diese Schuld auf sich lud. Er ersetzte die Geschichte der zerstörten Liebe durch eine neue Geschichte der wiederhergestellten Liebe. Seitdem werden beide Geschichten gleichzeitig erzählt. Denn sie ereignen sich immer von neuem.

Das wurde der Auftrag, den Jesus an uns weitergab. Er heißt für uns: das alte Bild nicht beiseite stellen oder zerstören, sondern ein neues aufbauen. Dazu haben wir hier eine Chance, meine deutschen Landsleute und ich. Als Pfarrer und Deutscher kann man leicht überheblich werden inmitten von Menschen, denen nicht nur das tägliche Brot fehlt. Schließlich weiß man vieles besser und kann Mittel einsetzen, die diese Armen niemals haben. Aber es gibt nur einen Weg: demütig mit diesen Menschen zusammenleben, weder Macht über sie ausüben noch Abhängigkeit schaffen, ihre Begrenztheit auf sich laden, an ihrer Seite stehen, selbst wenn es der letzte Platz ist, auf dem es kaum vorwärts geht, weder Leistungen ins Feld führen noch Dank erwarten - und sie wachsen lassen auf den neuen Wegen, ohne die Geschwindigkeit zu bestimmen. Wenn wir auf diese Art Geschichte schreiben, wird man sie sicherlich auch eines Tages von uns Deutschen erzählen und “den Vater im Himmel preisen”. So möchte ich im Kreis meiner Landsleute und zusammen mit ihnen wiederholen: “Wir sind unnütze Knechte, wir haben nur unsere Schuldigkeit getan”.

 RECIFE - PERNAMBUCO / BRASIL - 17.02.2005

Übergabe Bundesverdienstorden  

DAS VERDIENSTKREUZ 1. KLASSE

DES VERDIENSTORDENS DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND WURDE VERLIEHEN AM 19. NOVEMBER 2004 UND ÜBERREICHT 17. FEBRUAR 2005 DURCH HERRN GENERALKONSUL WEINBERGER IN RECIFE / BRASILIEN AN:
Henrique Geraldo Martinho Gereon

 

Mit herzlichen dankbaren Grüssen bin ich
Ihr Bruder in Christus
Padre Geraldo Gereon