Liebe Schwestern und Brüder in Deutschland,

Über den Nordosten Brasiliens mit seinen weiten Landgebieten sagt man: Nur einmal in 10 Jahren ist die jährliche Regenperiode ausgeglichen. „Normal“ sind die anderen 9 Jahre, in denen die klimatische Unregelmäßigkeit nicht die erwartete Ernte bringt. Die hohen Verluste erreichen oft 90%. So war es auch in diesem Jahr. In den 46 Tagen vom 1. Januar bis zum 15. Februar fielen hier am Ort 442 mm Regen: Viele Felder versumpften, fast alle Strassen waren unterbrochen, Stauanlagen brachen unter dem Druck der Wassermassen. In den folgenden 86 Tagen regnete es ganze 81 mm, seltene und kleine Regenfälle mit langen Unterbrechungen. Wieder also gibt es das gewohnte Bild: eine ganz geringe Mais- und Bohnenernte für unsere kleinen Bauern, die 90 % der Bevölkerung ausmachen.

Seit langem schon behauptet man: die Bauern des Nordostens müssen lernen „mit der Dürre zu leben“. Wahr daran ist, dass auch in einen Dürregebiet ein natürliches Potenzial besteht – es könnte besser genutzt werden. Falsch aber wäre es, nur eine Anpassung an Vorgegebenes und Unvermeidliches zu predigen. Da tritt man ewig auf der Stelle und behauptet am Ende, dass nichts Neues mehr passieren kann.

Sind wir an diesem Punkt angelangt? Geht es noch vorwärts? Diese Frage drängt sich auf, wenn man immer wieder an Grenzen stößt und ungeduldig wird, weil es zu langsam vorangeht. Dabei handelt es sich sowohl um die Natur – Bauern sind immer von ihr abhängig – als auch um die Menschen: sie haben so viele Gründe, um sich nicht zu ändern.

Wir könnten uns an die Weisen erinnern, die das Jesuskind suchten. Vielleicht lehren sie uns, was auf einer langen Reise wichtig ist. Man kann es eilig haben. Aber die Umstände verlangen langsam zu gehen, denn der Weg ist unbekannt. Man muss planen und vorbereiten, eine lange Reise verlangt

Anstrengung und Ausdauer, Geduld und Klugheit. Auch Weise wissen nicht alles. Man darf weder die Auseinandersetzung noch den Rückzug scheuen. Immer muss man fragen und, wenn nötig, die Richtung ändern.

Vor kurzem noch glaubten viele Leute in Brasilien, die neue Zeit der großen Wandlungen wäre gekommen. Viele von ihnen hatten es zu eilig. Sie glaubten nicht an die vielen Steine auf dem Weg und die offenen Wunden, die nur langsam heilen. Und sie erwarten immer alles von der zentralen Macht – man kann ihr genau sagen, was sie zu tun hat. In der Nachfolge Jesu müssten wir gelernt haben, dass man zuerst  sich selbst ändern muss, um anderen die Veränderung zu empfehlen. Salz und Licht sein, wie Jesus es von uns möchte, kann lange Zeit auf Ansprachen verzichten.

Im Grunde geht es darum, Gott auf seinem Weg der Menschwerdung zu verstehen. Sein Aufbruch auf die Strassen seines Volkes konnte erst nach den 30 Jahren in der galiläischen Verborgenheit geschehen. Auch für Jesus gab es nur den langen Weg, um in das kleine Nazareth der Menschheit zu gelangen. Er war nie ein Revolutionär, sondern zuerst ein behutsamer Gast. Langsam legte er alle Fremdheit ab, bis er nicht mehr zu unterscheiden war von allen Sterblichen dieser Welt. So konnte er wirklich deuten und Auswege weisen, im Namen von allem, was menschlich ist. Was er lehrte, war zuerst erfahren. Er wusste, was möglich ist und wie es wachsen musste. Er bezeugte einen „a-normalen“ Gott, der alle ausweglose Normalität der Menschen durchbrechen konnte.

Ich glaube, dass ich nicht von Arbeiten berichten kann, ohne von ihren Motivierungen zu sprechen. In langen Jahren einen Weg verfolgen, das verlangt diese Begründung. Dass dieser Weg ein geduldiges Miteinander mit den Menschen dieser Gegend sein muss, möchte ich an einem Beispiel zeigen. Es handelt sich um unser Bemühen, den Anbau der Baumwolle neu zu beleben. Wir könnten auch über Bienen, Ziegen und Wasserversorgung sprechen: wir kämen dabei zu ähnlichen Ergebnissen.

Noch vor 20 Jahren wurde hier viel Baumwolle angepflanzt. Man nannte sie „das weiße Gold“. Für viele kleine Bauern war die Zeit der Baumwollernte (Juni/Juli) die Gelegenheit, Schulden zu bezahlen und kleine Anschaffungen zu machen. Gepflanzt wurde die große, buschartige Sorte, die 5-6 Jahre auf den Feldern stand und jährlich geerntet wurde, ohne viel Pflege zu verlangen.

Der Bruch entstand durch den bisher unbekannten „bicudo“, ein kleiner Käfer, der die Knospe befällt, so dass sie nicht zur Blüte kommt und abfällt. Alle Versuche ihm zu entgehen schlugen fehl. Die Anwendung großer Mengen von Pflanzengift war so teuer dass es bei dem damals sehr niedrigen Verkaufspreis völlig unrentabel wurde, auf der Baumwolle zu bestehen. Sie verschwand von den Feldern und mit ihr das kleine Einkommen der armen Bauern.

Einige glaubten, nur ein paar Jahre warten zu müssen, dann würde alles wieder normal werden. Sie täuschten sich: der „bicudo“ kam, um zu bleiben. Das machte der Baumwolle endgültig den Garaus. Aber die Forscher der EMBRAPA (Gesellschaft für landwirtschaftliche Forschungen) machten sich an die Arbeit, um neue Wege für den Baumwollanbau zu erkunden. Denn Brasilien musste mittlerweile Baumwolle schlechter Qualität aus Griechenland und der Türkei importieren.

Die Ergebnisse kamen langsam zum Vorschein. Schließlich konnte man Regeln aufstellen und Techniken vorschlagen: alles lief darauf hinaus, mit möglichst wenig Chemie den bicudo-Bestand so niedrig zu halten, dass ein begrenzter Schaden zu verkraften war. In den großen Agrar-Betrieben von Mato Grosso begann man sich darauf einzurichten. Aber die Kleinbauern des Nordostens, die früher die gute Baumwolle der Trockenzone produzierten, waren schwer zu überzeugen. Sie mussten Gewohntes augeben und Regeln beachten, deren Sinn sie nicht verstanden. Vor acht Jahren machten wir einen Versuch, das Neue einzuüben – er schlug fehl.

Im vergangenen Jahr sprach mir ein befreundeter Agronom von einer wichtigen Regel: auf allen Feldern  muss zur gleichen Zeit gepflanzt werden, so früh wie möglich. Dann bekommt man einen gleichmäßigen Vorsprung vor dem bicudo: wenn er soweit entwickelt ist, dass er zuschlagen kann,  ist die Pflanze schon am Blühen, seine Gegenwart unterbricht mehr den Reifeprozess. Wenn aber ein benachbartes Feld später bepflanzt wurde, wechselt er über in die jüngeren Pflanzen: das gibt dann Totalschaden.

Die Regel ist also: alle pflanzen gleichzeitig. Tun sie das aber auch? Dafür müssten alle so arbeiten, dass z.B. am 31.Oktober (vor dem ersten Regen) die für den Baumwollanbau vorgesehenen Flächen fertig hergerichtet wären. In der Praxis ist das schwer: 500 kleine Bauern arbeiten nicht gleichmäßig und aufeinander abgestimmt. Die Familien mit ihren Arbeitskräften sind unterschiedlich groß. Die Wege zu den Wasserstellen sind unterschiedlich lang: es bleibt mehr oder weniger Zeit für die Feldarbeit. Viele müssen ihre Familien mit dem kleinen Verdienst eines Tagelohns unterhalten. Da kommt das eigene Feld erst am Schluss dran. Wie soll man zu einem einheitlichen Verhalten kommen? Es reicht nicht, die Sache nur gut zu erklären – da stimmen alle zu , aber tun es nicht. Und das nicht, weil sie beschränkt oder träge wären: sie haben alle ihre „guten“ Gründe. Sie müssten eine attraktive Erfahrung machen – dann fiele der Groschen. An diesem Punkt muss die Hilfe ansetzen. Wir haben es folgendermaßen versucht.

Im letzten Jahr gingen rund 90 % der Ernte verloren. Ab Juli organisierten wir Arbeitseinsätze für unsere Bauern. Sie arbeiteten an neuen Strassen – 400 Bauern erstellten rund 15 km neue Wege durch den Busch. Dann stiegen wir auf das Baumwollthema um. Wir teilten die Leute in Gruppen von 10-12 Mann, die nun  auf ihren eigenen Feldern arbeiteten. Jeder konnte mit Hilfe seiner Gruppe eine 1-Hektar große Fläche zum Baumwollanbau herrichten. Ende Oktober hatten wir alles bereit. Beim, ersten Regen konnten nun die Felder gleichzeitig bepflanzt werden.

Der zweite Schritt war die Beschaffung von Saatgut. In ganz Piau? war kein einziges Kilo von der speziell empfohlenen Sorte „8-H“ aufzutreiben. Wir fanden es 1000 km von hier entfernt und erwarben 5000 kg des hochwertigen Saatgutes.

Der dritte Schritt: ein Kontakt mit dem Forschungszentrum für Baumwolle im Campina Grande (850 km entfernt). Die Techniker stellten sich zur Verfügung, unsere Bauern in die neuen Methoden einzuweisen. Dazu wollte sie zwei Experimentierfelder einrichten von jeweils einem Hektar, um vorzuführen und einzuüben, wie man es machen muss. Als sie unsere Arbeit aus der Nähe kennen lernten, schufen sie 10 solcher Experimentierfelder. In sechs Monaten kamen sie 5 mal hierher gereist. Die Bedingung: wir mussten die Sprit- und Verpflegungskosten übernehmen. Der letzte Besuch von vier Spezialisten war in dieser Woche: eine Großveranstaltung auf einem der besten Versuchsfelder. Vier Zelte waren aufgebaut auf dem Feld. In sieben Gruppen aufgeteilt, wurden über 300 Bauern durch diese Stationen geschleust. Alle Unterweisungen wurden zusammengefasst noch einmal an sie vermittelt, diesmal durch die Erfahrung bestätigt. Die schönste Erfahrung: So wie das Versuchsfeld, sind auch die eigenen Felder der Bauern weis von Baumwolle, reif für die Ernte.

Es müssten noch mehr Einzelheiten berichtet werden, für die wir hier nicht Raum genug haben. Aber wir müssen noch von einer Herausforderung berichten, die uns bis zum Jahresende bevorsteht: es ist absolut notwendig, die abgeernteten Pflanzen auszurotten und zu verbrennen. Sonst erhält sich der „bicudo“ bis zur nächsten Pflanzperiode. Da geht es wieder darum, eine alte Praxis zu ersetzen; früher stand die Baumwolle 6 Jahre lang auf dem Feld – jetzt muss jedes Jahr neu gepflanzt werden. Wenn man die Staude stehen ließe, gäbe es noch einmal eine ganz kleine Ernte. Aber es muss allen klar sein: eine neue Pflanzung vermindert den bicudo-Bestand und bringt beträchtlich mehr Gewinn. Werden die Leute nicht doch Sehnsucht nach den alten Zeiten haben? Damals produzierten die Büsche erst richtig im 2. und 3. Jahr. Wir werden uns etwas einfallen lassen, um unseren Bauern einen neuen Anreiz zu geben, ihre Felder rechtzeitig zu säubern.

Hier haben wir also das Beispiel dafür, dass Veränderung möglich ist. Sie geschieht in vielen kleinen Schritten – keiner von ihnen darf übersprungen werden. Sie ist nicht möglich, wenn man die Menschen bearbeitet, damit sie etwas Neues verstehen – zuerst muss man sie selbst verstehen. Und meistens können sie selbst nicht die Ursachen und Gründe ihres Verhaltens erkennen und ausdrücken. Dann wird sie der Veränderung auch nicht befreien. Immer bleiben sie misstrauisch: jemand will etwas von ihnen, statt etwas für sie zu wollen. Wenn aber unser Weg zu den Menschen über Nazareth führt, wo Jesus fast sein ganzes Leben verbrachte, können wir lernen menschlich und solidarisch zu sein. Unsere Aktionen werden nicht Strohfeuer oder Austeilen von Befehlen
sein, weil wir uns zuerst in der Nachbarschaft des kleinen Tischlers von  Nazareth angesiedelt haben.

Unser Weg mit den Baumwollpflanzern hat erst begonnen. Aber wir ermutigen uns, wenn wir auf den schon viel längeren Weg mit den Bienenzüchtern sehen: in diesem Monat haben wir 80 Tonnen Honig nach Italien und den USA exportiert. Bei den Ziegenzüchtern haben wir in 6 Monaten zweimal 12000 Tiere gegen Parasiten behandelt. Wir wünschen uns, dass die Baumwolle einen ähnlichen Weg findet. Im letzten Jahr kalkulierte ein Händler die gesamte Ernte im Bezirk von S?o Francisco auf 26 Tonnen. In diesem Jahr erwarten 350 Tonnen.

In Dankbarkeit erkennen wir an, dass unsere lieben Schwestern und Brüder in Deutschland uns diese gute Strecke des Weges ermöglicht haben. Wir bitten für uns alle um den Geist Gottes: er erleuchte und belebe uns weiterhin.

Mit herzlichen Grüßen bin ich Ihr Bruder in Christus
Padre Geraldo Gereon