Liebe Schwestern und Brüder in Europa!

Heute Abend waren wir im Bibelkreis zusammen: die Brotvermehrung – von Markus erzählt – war unser Thema. Jesus besteht darauf, dass die Jünger dem Volk zu essen geben: nicht die Leute fortschicken, damit jeder irgendwo sich selbst versorgt, sondern zusehen, was da ist, an Ort und Stelle sich aufteilen in Gruppen, teilen und verteilen. Unsere armen Bauern, die niemals mehr als „5 Brote und 2 Fische“ haben, verstehen das gut. Sie selbst machen diese „wunder“-bare Erfahrung: es kann noch so wenig sein – wenn man es teilt, bleibt noch etwas über. Viele alte Bauern z.B. teilen sich ihre 80 Euro-Rente mit Kindern und Enkeln, die ihrerseits Oma und Opa bei sich und nicht im Altersheim wohnen lassen.

Beim Wasser, das in der Trockenzeit immer weniger wird, ist es auch so: niemand sagt: der Rest reicht nur noch für mich, sondern: der Rest ist für mich und meine Nachbarn, solange er für alle zusammen reicht.

Wenn wir auf den langen Weg zurückschauen, den wir zusammen gegangen sind, werden auch wir von dieser Erfahrung zu berichten haben. Nur diese Erklärung gibt es für das, was wir zusammen mit den armen Bauern des brasilianischen Nordostens unternommen haben: Menschen haben sich zusammengetan, um zu teilen. Wunder im strikten Sinn haben wir nicht aufzuweisen. Aber wir können be-„wundern“, was Jesus selbst „Zeichen“nennt für das Wirken Gottes in seinem Volk.

Seitdem vor gut einem Jahr unsere Arbeit dreimal im grossen TV-Sender GLOBO behandelt wurde, ist die Gruppe der brasilianischen Begleiter auf unserem Weg des Teilens beträchtlich größer geworden: Einzelpersonen, Pfarreien, Schulklassen, kleine brasilianische Kolonien in den USA und Japan – aus den entferntesten Teilen dieses grossen Landes kommt Hilfe.

Ein beeindruckendes Beispiel ist eine alte Dame aus einer Stadt südlich von Sao Paulo, die schon immer den Armen des Nordostens helfen wollte. Endlich fand sie nun den Vermittler für ihren langersehnten Einsatz. Seitdem hat sie schon 75 Zisternen bauen lassen. „Mein Sarg hat keine Schubladen“, sagt sie. Und deshalb hat sie ihre Ersparnisse von 20.000 Euro an „Jesus zurückgegeben“. Ab und zu telefonieren wir, und sie will alles wissen, was wir machen. Dann sagt sie plötzlich: Was kostet das? – und übernimmt bestimmte Ausgaben, z.B. den Kauf von 300 Hühnern für unser neues Projekt. Und dann macht sie mir Dampf: „Ich bin eine alte Frau – ich habe es eilig.“ Jesus hatte Recht als er die Leute nicht fortschicken wollte und stattdessen das grosse Auf- und Verteilen organisierte.

Bei all unseren Projekten verfolgen wir dieselbe Systematik. Zuerst werden Gruppen gebildet, die sich treffen und sich in das Thema einarbeiten. Alle Arbeitsvorgänge werden immer teilweise von der Gruppe übernommen. Sechs Familien z.B. bauen zusammen sechs Zisternen. Fünf Bienenzüchter ernten zusammen ihren Honig, verarbeiten und lagern ihn in Gemeinschaftsanlagen. Alle Mitglieder eines Bauernvereins füllen gemeinsam ihre Silos mit Ziegenfutter, lagern gemeinsam ihr Saatgut und teilen sich auf bei der Arbeit auf ihren Feldern.

Ein neues Projekt arbeitet nur mit Frauen. Sie züchten Hühner: nicht die Hähnchen der Grossbetriebe, sondern die in den Städten begehrten „galinha caipira“, die nur natürliches Grün- und Trockenfutter bekommen und freien Auslauf haben. Gerade werden 20.000 Leucena-Setzlinge gepflanzt, eine Pflanze, die schon immer zur Vegetation des trockenen Buschgebietes gehörte. Sie ist ein exzellentes Hühnerfutter mit hohem Proteingehalt. Noch niemals hat jemand das systematisch gepflanzt, jetzt machen es die Frauen gemeinsam, auf einem Acker der Dona Francisca, den sie unentgeltlich zur Verfügung stellt,  mit der Hilfestellung der Pfarrei und der Beratung durch Fachleute, die gerne kommen, wenn man ihnen den Treibstoff bezahlt. Wenn eine Familie monatlich 15 gut gezüchtete Hühner verkaufen kann, kommt sie aus der untersten Armutszone heraus, indem sie die im hiesigen Dürregebiet bestehenden Möglichkeiten nutzt.

Wie Jesus im Evangelium nach dem fragte, was da war, um zu Lösungen zu kommen, so haben wir auch gefragt: In Sao Francisco hat es nur 318 mm Regen gegeben, die Ernte ist zu 90 % verlorengegangen, die letzten kleinen Vorräte sind verbraucht. Was machen wir mit den 380 Bauernfamilien, die wir für Arbeitseinsätze erfasst haben? Nachdem zunächst einige Kilometer neuer Strassen durch den Busch gebaut wurden, haben wir das alte Problem der Baumwolle aufgegriffen – warum? Weil die Baumwolle eine Pflanze ist, die nun einmal in unserem regenarmen Nordosten bestens gedeiht. Nachdem vor Jahren ein Schädling den Anbau völlig zum Erliegen gebracht hatte, wurde systematisch an der Überwindung dieses Hindernisses gearbeitet. Wie aber den kleinen Bauern die angepassten Techniken vermitteln? Die Arbeitseinsätze mit den Bauern ohne Ernte sind da eine willkommene Gelegenheit.

Eine der neuen Regeln lautet: Alle Bauern einer Gegend müssen so früh wie möglich ihre Baumwolle zur gleichen Zeit pflanzen. Sie müssen Saatgut benutzen, das eine Pflanze mit extrem kurzer Reifezeit hervorbringt. Das bedeutet, dass alle Felder zur gleichen Zeit so hergerichtet sein müssen, dass sie beim ersten Regen bepflanzt werden können. Da haben wir angesetzt.

Wir haben fünf Regionen im Gebiet von Sao Francisco geschaffen. Jede Region umfasst zwischen 60 und 100 Familien, die in Gruppen zu 8 – 12 auf ihren Feldern arbeiten. Sie arbeiten nur fünf Tage im Monat und bekommen eine Beihilfe von je 40 Euro. Durch die Gemeinschaftsarbeit erhält jeder Bauer eine Fläche von mindestens 1 ½ Hektar hergerichtet, die für die schon fast vergessene Baumwollpflanzung bestimmt ist. Sobald der Regen kommt, wird überall gleichzeitig gepflanzt werden. Das Saatgut besorgt die Pfarrei. Die neuen Regeln werden den Bauern in kleinen Kursen auf den eigenen Feldern vermittelt. Wir glauben, dass der Bann gebrochen werden kann und der ewige Hunger der Bauern des Sertao zu überwinden ist.

Seit einigen Jahren gibt es für verschiedene Regierungsprogramme des Schul- und Gesundheitswesens Kontrollräte, die sich aus Vertretern aller Gruppierungen der Gesellschaft zusammensetzen. Auch die Kirche ist aufgefordert, Vertreter in diese Räte zu senden. Meine Sorge bei diesen Ernennungen ist immer: Wie kann unser Vertreter das einbringen in die Diskussion, was wir als Kirche beizutragen haben, z.B. unsere Überzeugung, dass Veränderungen möglich sind, wenn Menschen sich zusammentun und fähig sind zu teilen? Unsere Rolle kann nicht sein, Verwaltungsvorgänge zu durchschauen und zu beeinflussen. Vielmehr haben wir das Zeugnis zu geben davon, was wir im Evanglium Jesu entdeckt haben: eine Art zusammenzuleben und unsere Welt so zu gestalten, dass die Probleme weder jedem einzelnen überlassen werden, noch als unlösbar abgetan werden. Wenn wir es bei diesen Scheinlösungen belassen würden, hätten wir es nicht verstanden, warum Gott Mensch geworden ist.

Der Prophet Sacharia verkündet seinem Volk eine wunderbare Botschaft: Nach der Zeit des Niedergangs und des Strafgerichts, als „die Arbeit des Menschen keinen Ertrag brachte und es keine Nahrung gab für das Vieh, und als der, der aus dem Haus ging und heimkehrte, keine Sicherheit fand vor dem Feind ... und alle Menschen gegeneinander losgelassen wurden“ –nach dieser Zeit „sät Gott das Heil“, und etwas Unerwartetes geschieht: „In jenen Tagen werden zehn Männer aus Völkern aller Sprachen einen Mann aus Juda an seinem Gewand fassen, ihn festhalten und sagen: Wir wollen mit euch gehen; denn wir haben gehört: Gott ist mit euch“(8,23).

Vielleicht können wir mit dem, was wir hier gemeinsam tun, auch andere ermutigen, die auf der Suche sind auf dem Weg zu den Menschen und mit den Menschen.

Zwei Frauen kommen gerade hier vorbei. Mit anderen „colegas“ haben sie den Tag damit verbracht 3000 Säckchen mit gedüngter Erde zu füllen, um  darin Leucena zu pflanzen und später dann die Setzlinge auf ihren Feldern auszupflanzen. Mit Freude sehen sie wie ihr Projekt einer gut geplanten Hühnerzucht Konturen annimmt. Sie glauben an den Weg, auf dem sie aufgebrochen sind.

Niemals dürfte die Kirche etwas anderes sein als die Gemeinschaft des „Weges“(Apostelgeschichte). Dann wird sie nicht schrumpfen, sondern wachsen. „Wir wollen mit euch gehen; denn wir haben gehört: Gott ist mit euch“.

Mit herzlichen dankbaren Grüssen an alle, die mit uns unterwegs sind

Euer Bruder in Christus
Padre Geraldo Gereon