Liebe Schwestern und Brüder in Europa!

Über fünf Monate sind vergangen seit meinem letzten Brief. Es waren die Monate der langerwarteten Veränderungen in der Pfarrei. Die schon seit Jahren vorgesehene Aufteilung der Pfarrei Simplicio Mendes wurde Ende Dezember verordnet und im Februar und März durchgeführt. Aus der Pfarrei, in der ich 34 Jahre lang Pfarrer war, wurden drei Pfarreien, d.h. neben der alten, nun verkleinerten Pfarrei, entstanden zwei neue Pfarreien: Santa Inacio de Loyola und Sao Francisco de Assis. Wir haben nun drei Priester in der Pfarrei, die vorher nur einen Pfarrer hatte. Die neuen Pfarrorte liegen in den nördlichen und südlichen Randgebieten, 84 und 66 km entfernt von Simplicio Mendes.

Eines der Anliegen dieser Aufteilung war, einen brasilianischen Nachfolger für Simplicio Mendes zu bekommen. Das jahrzehntelange Wirken eines Ausländers hatte Hemmungen unter den brasilianischen Mitbrüdern aufkommen lassen, dieses Erbe anzutreten. Nun haben wir eine gute Lösung gefunden. Ich habe den bisherigen Pfarrsitz freigemacht, bin aber in eine der neuen Pfarreien, Sao Francisco, umgezogen, von wo aus ich mit Vorsicht und Abstand, aber auch mit der nötigen Aufmerksamkeit den jungen Mitbruder begleiten kann. Die seit langem laufenden Entwicklungsprojekte werden in dem bisherigen Großgebiet weitergeführt. Sie werden durch mich in Sao Francisco und meinen Mitarbeiter Anchieta in Simplicio Mendes koordiniert. Bis jetzt scheint uns ein guter Übergang gelungen zu sein.

Ich habe also eine neue Adresse:
Padre Geraldo Gereon
Praca da Matriz, 166
64.745.000 Sao Francisco de Assis do Piaui
Piaui / Brasil
Tel. / Fax : 0055.89.3496.0058
E-mail (Bienenprojekt) Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Nachfolgend eine Zeichnung, die die Aufteilung der Pfarrei erklärt :

 

Um mit einem Beispiel zu belegen, daß mein Umzug keinen Abbruch des bisherigen Weges bedeutet, möchte ich einige Stellen aus einem Vortrag zitieren, den ich am 22. April in Teresina gehalten habe. Die Regierung von Piaui, zusammen mit der Weltbank und anderen Institutionen hatte zu einem Forum eingeladen, das die Reduzierung der Armut in Brasilien diskutieren sollte. In einer Video-Konferenzschaltung waren acht Bundesstaaten, die Bundesregierung in Brasilia und die Weltbankzentrale in Washington angeschlossen. Mein Thema war: “Erfahrungen einer tragbaren Entwicklung im Dürregebiet Piaui’s”.

In meinem Vortrag habe ich zuerst meine Sicht des Themas aus der Perspektive des Priesters dargestellt: “Bei der Predigt der berühmten Vorzugsoption für die Armen entdeckte ich, daß es in Wirklichkeit keine Option gibt, sondern die klare Verpflichtung, sich mit den Armen zu identifizieren und sich ihrer Sache zu verpflichten. Ich spürte, daß ich bei der Verkündigung des Evangeliums Jesu früher oder später auf seine Worte stoßen würde: ‘Gebt ihr ihnen zu essen’.”

Dann habe ich die Hauptpunkte unserer langjährigen Arbeit erläutert: Wasserbeschaffung, Ansiedlung landloser Bauern, Bienen- und Ziegenzucht, Aufforstung und das neu, noch kaum artikulierte Projekt der Vorbereitung auf zukünftige Dürren (genannt “Josef von Ägypten”). Zum Schluß habe ich fünf Punkte angeführt, die in der langjährigen Erfahrung evident wurden:

1 - Um Menschen zu fördern, die im Elend leben, muß man “verlorenen Zuschuss” investieren. Extrem arme Menschen können nicht mit Bankdarlehen ihr Elend überwinden.

2 - Man darf keine Etappen überspringen. Veränderungen müssen organisch sein, um zu einem Wachstum zu führen. In unserem Dürregebiet werden wir kein Erdöl finden. Wir brauchen keine Wunder, sondern Realismus und Ausdauer.

3 - Unverzichtbar ist das Einüben von Gemeinschaftsgeist und Vereinswesen. Kürzlich hatten wir Besuch von einem dieser Vereine, die von Politikern geschaffen wurden, um an öffentliche Gelder zu kommen. Die Besucher waren überrascht, daß unsere Gruppen beten, singen und feiern. Ohne Mystik, Ideologie und Idealismus gibt es keine Entwicklungsdynamik. Nur mit Verwaltung überwindet man Armut und sozialen Ausschluss nicht.

4 - Es gibt eine falsche Analyse der Unterentwicklung und folglich auch der Mittel, um sie zu überwinden. Wir lassen uns mitreißen durch die vorherrschende Kultur, die ganz klar materialistisch ist. Sie liest Entwicklungsprobleme ausschließlich in der wirtschaftlich-, technisch-kommerziellen Perspektive. Das Geheimnis besteht aber in der Erziehung und dem Reifen derjenigen Kulturen, die für den modernen Fortschritt nicht befähigt oder zugelassen wurden.

5 - Der Weg Gottes als Befreier war seine Menschwerdung unter den Ausgeschlossenen am letzten Platz. Auch uns empfiehlt sich diese Pädagogik. Wir müssen fähig sein uns zu erbarmen und großmütig zu sein. Es gibt keine soziale Einbeziehung und Reduzierung der Armut, ohne daß wir uns mit den Armen und Ausgeschlossenen identifizieren. Ein trauriges Sprichwort sagt: “Bedaure nicht den Armen, sonst landest du selbst an seiner Stelle”. Es müßte umgedreht werden: “Geh zuerst an die Stelle des Armen, damit du ihn dann bedauern kannst”. Ich selbst versuche das. Ich bin in das einzige Städtchen der ganzen Gegend
gezogen, das keine Wasserversorgung hat. Ich schleppe meine Wassereimer wie alle anderen und warte auf Regen, um unter der Dachrinne ein Bad zu nehmen.

Nach den notwendigen Veränderungen wollen wir nun gemeinsam den Weg fortsetzen, auf dem wir schon so lange unterwegs sind.
In herzlicher dankbarer Verbundenheit grüßt Sie alle

Ihr Padre Geraldo Gereon Bruder in Christus