02. August 1984

Padre Geraldo Gereon
64700 Simplicio Mendes
Praca Isaias Coelho s/n
Piaui Brasil

Rede zum Anlaß der Ehrenbürgerwürde

Verehrter Herr Präsident, verehrte Herren Abgeordnete, liebe Freunde, liebe Brüder!

Den Titel eines Ehrenbürgers in diesem hohen Hause der Volksvertretung Piauis zu empfangen bedeutet ohne Zweifel einen Ausdruck der Freundschaft, eine liebevolle Umarmung, eine Tür, die sich in gastfreundlicher Geste öffnet. Die Familie des Bundesstaates Piaui adoptiert einen neuen Sohn und wünscht, daß der Wanderer ausländischer Herkunft sich hier zu Hause fühle, als Mitglied derselben Familie. Erlauben Sie mir, verehrte Herren Parlamentarier, Vertreter der Pfarrei Simplicio Mendes, Mitglieder der Simplicio Mendes-Kolonie hier in Teresina, mein lieber Bischof Dom Edilberto mit meinen Mitbrüdern aus der Diözese Oeiras­Floriano, alle anderen priesterlichen Freunde und Brüder - erlauben Sie mir, daß ich diesen Moment als ein Ereignis von familiärer Bedeutung erlebe und interpretiere, ein Ereignis reich an Zuneigung und innerlicher Bewegung. Das familiäre Zusammensein, das wir hier feiern, bewahrt uns vor der Gefahr einer persönlichen Selbstdarstellung, die nur Eitelkeit hervorrufen könnte. Dieses Treffen einer Familie läßt uns in Einklang bleiben mit der Empfehlung Jesu, uns immer als unnütze Knechte zu betrachten, die nur das tun, wozu sie verpflichtet sind.

Es ist verständlich, meine Freunde, dass ich in diesem Moment gerne meine Familie hier bei mir haben würde, meine Eltern Walther und Katharina, meine Geschwister Hans, Elisabeth und Gabriele mit ihren Familien. Die geografische Entfernung und das Zusammenleben mit dem Volk Piauis, das hier noch tiefere Wurzeln bekommt, bedeuten keine innere Trennung von meiner Familie, keinen Ersatz und ebenso wenig geschehen sie ohne die Zustimmung dieser meiner Familie.

Im Gegenteil, es besteht ein Motiv für mich und meine Familie, das uns die Trennung annehmen läßt, ohne dabei die Intimität zu verlieren: der Glaube an das Evangelium Jesu Christi. Dieses Evangelium verlangt den Auszug seiner Boten zu anderen Völkern und anderen Ländern, und Jesus verspricht denen, die um seinetwillen Vater, Mutter und Geschwister verlassen, daß sie das Hundertfache an Brüdern, Schwestern, Eltern und Söhnen empfangen. Und Jesus hält seine Versprechen. Ich sehe wie hier geschieht, was er angekündigt hat. Das Volk des Staates Piaui nimmt mich als Sohn und Bruder auf. Dieser offizielle Akt jedoch formalisiert lediglich, was in Wirklichkeit schon lange existiert: bei meiner seelsorgerischen Aufgabe habe ich immer wieder Brüder und Eltern angetroffen. Seitdem ich mein Leben in Piaui in der Stadt Oeiras begann, um dann die ersten drei Jahre in der Pfarrei Picos zu verbringen, und während der 15 Jahre in der Pfarrei Simplicia Mendes: immer habe ich Männer und Frauen,Jugendliche und Kinder angetroffen. die mich mit Liebe aufnahmen und mir Vater, Mutter, Bruder und Schwester wurden. Und außer meinen Eltern und Geschwistern, deren Namen meine Dokumente ausweisen, habe ich Eltern, die sich Zeca und Teresa, Chico und Mundica, Quinca und Maria nennen, und Brüder, die Joao, Rita, Manoel, Socorro, Francisco, Aparecida heißen   Wie viele? Sie sind nicht zu zählen.

Aber die Leute sagen, dass man die Personen einer zahlreichen Familie bei den Mahlzeiten zählt, wenn alle kommen und erwarten, dass ihr Teller gefüllt wird. Diese Gelegenheit kam für mich auf beängstigende Weise im vergangenen Jahr: Durch die Dürre blieben die Teller leer - und als ich zählte, waren es fast 40.000 hungrige Brüder. Und von neuem bekam ich den Beweis für das geheimnisvolle Reich Christi, in dem die Menschen Brüder werden und eine universelle Familie bilden. Ich brachte die Nachricht vom Hunger nach Deutschland und bat die Brüder dort im Namen der Brüder hier. Eine Welle der Großzügigkeit war das Ergebnis meines Appells. Während eines ganzen Jahres konnte ich diese Welle bis zu den Tellern meiner Brüder in Piaui leiten, die leergeblieben waren. Ich war Vermittler in diesem Austausch von Familien, und in dieser Funktion möchte ich die Anerkennung des Volkes von Piaui an die tausenden von Deutschen weiterleiten, die brüderlich mit uns zusammenlebten und sich um das Überleben unserer Notleidenden sorgten.

Noch einmal: Dieses Zusammenleben in Familie hat seinen Ursprung in unserem christlichen Glauben und wird durch ihn genährt. Keinen Augenblick lang konnte ich mich im Recht fühlen darüber zu sprechen, was ich bin oder was ich tue. Aber ich spüre die Verpflichtung darüber zu sprechen, was ich glaube. Um diesen Glauben auszudrücken, möchte ich Worte von Dom Helder Camara gebrauchen: „0hne Zweifel will der eucharistische Christus keine feierliche Erhöhung, solange die andere Eucharistie, der Christus, der in den Armen lebt, noch am Boden liegt“.

Ich glaube, dass dieser einfache Schluss seinen Grund hat, seitdem Gott sich Jesus von Nazareth nannte, dessen Sprache aramäisch war, der keinen Platz hatte, wo er seinen Kopf hinlegen konnte und der den größten Teil seines Lebens in einem Ort lebte, der durch die Frage abqualifiziert wurde: Kann denn aus Nazareth etwas Gutes kommen? Gott machte sich zum Mitglied eines Volkes, wurde zum Bürger eines rückständigen und wenig anziehenden Ortes, der auf der Landkarte kaum zu finden ist. Und Gott machte sich arm, in einer befremdlichen Umkehrung der Bewertungsmaßstäbe. In Jesus von Nazareth ist Gott so demütig, daß er sich als bedient betrachtet, wenn man irgendeinem Bruder dient, der so wie er ist. An diesen Jesus Christus glaube ich. Und ich halte dafür, daß unter meinen Brüdern in Piaui dieser Glaube die größte Chance hat authentisch zu sein. Seit dem Moment, in dem ich das Schiff bestieg, das mich nach Brasilien brachte, wurde dieser mein Glaube eine Verpflichtung, eine ständige Übung, und ich fühle mich noch so weit entfernt davon, meine Lektion vollständig gelernt zu haben.

Diese Lektion stellt das Vatikanische Konzil, in seinem Dekret über die Missionstätigkeit, dem Herzen des Glaubensboten folgendermaßen vor: "In aller Großzügigkeit begebe er sich zu den Menschen. Mit gutem Willen nehme er die Aufgaben an, die ihm anvertraut werden. Großzügig passe er sich an die fremden Gewohnheiten der Völker an und an ihre unterschiedlichen Bedingungen. In gegenseitiger Liebe und Eintracht arbeite er zusammen mit den Brüdern und mit allen, die sich derselben Aufgabe widmen, damit sie in Einheit mit den Gläubigen und in Nachahmung der Apostel Gemeinschaft, ein Herz und eine Seele seien". Heute bietet mir die Familie von Piaui ihre Freundschaft an, um mit ihr ein Herz und eine Seele zu sein.

Bürger von Piaui zu sein, wie ich es hier verstehe, gibt mir das Recht zu sagen: Es gibt keinen schöneren Mondschein als den des Sertao, keine schönere Farbe als das Blau unseres Himmels und das dunkle Braun unserer Menschen - und der inspirierteste Künstler ist der vaqueiro, der aus seinen Viehtreiberrufen ein Lied macht - und der Esel verdient, in Liebe unser Bruder genannt zu werden - und das köstlichste Parfüm kommt von der Erde, die den ersten Regen empfängt.

Dieser Titel eines Bürgers von Piaui bestimmt mein Leben für immer: Es ist mein Schicksal durch den Staub der ausgetrockneten Erde zu gehen, in der brennenden Hitze Durst zu haben, Furcht vor der grausamen Dürre zu haben und sehnlichst darauf zu warten, daß der Rapa-Cuia-Frosch eine gute Regenzeit ankündigt - es ist mein Schicksal, Sehnsucht zu empfinden, wenn ich mich ein paar Tage von diesem Stück Erde entferne, auf dem es so schwer ist zu leben, aber das die Herzen gefangen hält, weil es einem Volk gehört, das reich an edlen Empfindungen ist, reich an Mut und reich an unerschütterlicher Hoffnung.

Bürger von Piaui zu sein ist auch eine Pflicht, die mir eine Verantwortung Überträgt: es ist die Pflicht nicht mehr zu schweigen, wenn die Leute aus Rio und Sao Paulo sagen, daß Gott nicht Brasilianer sein kann, denn wenn er es wäre, würde Piaui nicht existieren. Es ist die Pflicht, in Demut die komplexe Situation eines Volkes anzunehmen, das Gott in diesem Land geboren werden ließ, dass sich Piaui nennt. Es ist die Pflicht zum Sprecher dieses meines leidgeprüften Volkes zu werden, das manchmal nicht einmal seinen Schmerz auszudrücken weiß und sogar die Ungerechtigkeit dem unergründlichen Willen Gottes zuschreibt. Es ist die Pflicht schon jetzt an eine zukünftige Dürre zu denken, die bestimmt noch in diesem Jahrhundert kommt, und mit allen Kräften dafür zu arbeiten, bessere Bedingungen zum Überleben zu erlangen und vielleicht sogar die Fähigkeit mit den Unbilden dieses Klimas zusammenzuleben.

Priester und Bürger von Piaui zu sein, bedeutet aber vor allem die Pflicht den christlichen Glauben dieses Volkes zu nähren, damit es in diesem Glauben an Jesus Christus die Gründe für seinen Mut, die Quelle für seine Liebe und die Motivierung für sein tapferes Durchhalten finde.

Ein Ehrenbürgertitel ist ein Papier. Aber dieses Papier ist Ausdruck dessen, was in den Herzen geschieht, die aus Fleisch und Blut sind und die Personen zu einer Familie einen. Da es Brauch ist in den Familien Piauis, daß ihre Mitglieder sich gegenseitig segnen, möchte ich hier in diesem Moment alle, die für mich Vater, Mutter und ältere Brüder sind, um ihren Segen bitten und allen jüngeren Brüdern sagen: Gott segne euch. Und alle seien herzlich umarmt, die mit mir Bürger unseres geliebten Piauis sind.

Oktober 1984
Kath. Kirchengemeinde St. Wilhelm
2 Hamburg 71 (Bramfeld)
Hohnerkamp 22

Mit großer Freude und Genugtuung haben wir die aus dem Portugiesischen ins Deutsche übersetzte Ansprache von Padre Geraldo zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde von Piaui gelesen.

Die Zeilen verraten etwas von dem geistigen Klima jener Stunde, in der Menschen in gegenseitiger Hochschätzung und Dankbarkeit im Geiste des Evangeliums einander begegnen.

Alle, die in der vergangenen schweren Zeit Padre Geraldo halfen, das Netz der Hilfe zu knüpfen, um Menschen dem Hungertod zu entreißen, sind bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde mit eingeschlossen. In solch einem Augenblick wird etwas deutlich von der großen Gemeinschaft der Brüder und Schwestern Jesu Christi, in der alle empfangen - alle geben.

Übrigens schreibt Pastor Gereon in seinem letzten Brief nach Hause, daß durch seine derzeitige Arbeit an sieben Stau Projekten (!) - die nächste Dürre kommt bestimmt! - er wieder im vollen Einsatz ist. Grund genug, dass der Strom der Hilfe nicht verebbt!

Mit Dank für die Treue in der Hilfe für den „Brückenschlag“
J. von Stockhausen, Pastor