Liebe Schwestern und Brüder in Deutschland:

Das Fest unseres Pfarrpatrons, des hl. Franziskus, haben wir wegen der Wahlen am 5. Oktober auf den 19. Oktober verlegt. Die Patronatsfeste unserer Gemeinden sind immer ein zehntägiger Zyklus von täglichen Festgottesdiensten zu verschiedenen Tageszeiten. Vor allem sind die in dem großen Pfarrgebiet von über 900 qkm bestehenden Lokalgemeinden ohne eigene Priester einbezogen, bei uns sind es 23 solcher kleiner Gemeinden. Auch finanzielle Aktionen zum Unterhalt der Gemeinden gehören dazu.

Im Mittelpunkt des Ereignisses steht immer ein Thema zur Besinnung und Belebung des Gemeindelebens. Die brasilianische Kirche bemüht sich seit Jahren um einen tiefgreifenden Prozess der Verwandlung ihrer Gemeinden. Unser Papst Franziskus trägt ständig mit provokativen Apellen dazu bei. So haben unsere Bischöfe in diesem Jahr proklamiert: Die Kirche als Gefüge vieler Gemeinschaften muss sich zu einer „Bekehrung ihrer Seelsorge“ aufmachen. Bekehrung ist immer radikal, beginnt im eigenen Herzen, damit sie den Weg in die Gemeinschaft des Volkes Gottes findet. Bekehrung schwenkt auf den Weg Jesu ein: klein unter den Kleinen, arm mit den Armen, identisch mit den Ausgestoßenen, geopfert im Dienst am Leben der Brüder. So haben wir unser Patronatsfest unter dieses Thema gestellt: „Die Gemeinde auf dem Weg der Bekehrung – Was heißt Christsein heute?“

Ein Thema wird dabei sehr deutlich, wenn wir diesen unseren Weg mit der Orientierung des hl. Franziskus suchen: die unerlässliche „Option für die Armen“. Gerade bei diesem Thema geht es nicht um Strategien, sondern um eine Gesinnung, die Bekehrung verlangt und sich immer neu aus der Bekehrung nährt. Wir haben hier ständig Gelegenheit dazu.

Drei Jahre Dürre haben wir hinter uns. Es war eine ununterbrochene Folge von kahlen Feldern, dezimierten Viehherden und verödeten Weideflächen. Im vierten Jahr gab es mengenmäßig genügend Regen. Aber er war so schlecht verteilt, dass auf den Feldern wieder fast gar nichts geerntet wurde. Ein Beispiel: Statt 50 Tonnen Sesam hatten wir nur 1,2 Tonnen. Nur die Wasservorräte füllten sich ganz gut auf. Die monatlichen Zahlungen der Regierung an die Armen sind da eine momentane Lösung, die den brutalen Hunger vermeidet. Aber bei dieser schon jahrelang praktizierten Maßnahme wird der Nation langsam klar, dass die Almosen zur Untätigkeit verführen und die Initiative zu eigenem Bemühen erlahmen. Die Millionen Begünstigter geben das Geld zwar aus, zur Freude der Produzenten von Konsumgütern. Aber die Regierung ist hoch verschuldet und zeigt Symptome der ungesunden sozialistischen Wirtschaftsordnung, die ängstlich vertuscht werden. Nur wenigen in der großen Masse gelingt es ihren Unterhalt aus eigener Tätigkeit zu bestreiten. Es ist dabei kaum vorstellbar, dass die Menge der kleinen Landwirte von Großunternehmen zu Lohnempfängern gemacht werden kann.

Unsere Anstrengungen beziehen sich auf die Wiederherstellung von Grundlagen, die von der Dürre zerstört wurden. Seit Tagen haben wir die Produktion von Setzlingen begonnen. Sie müssen nach den ersten Regenfällen im Dezember verteilt und gepflanzt werden. Schon im letzten Jahr haben wir mit der Anpflanzung von Futterprodukten begonnen, zum Beispiel Maniok und Futterkaktus. Diese Pflanzen haben einen längeren Reifezyklus und können erst ab Januar zur Verteilung kommen, wenn man Ableger ernten kann. Sehr wichtig ist die Förderung der Ziegenzucht. Die Dürre hat den Bestand der Herden beträchtlich verkleinert: Weiden, Futtersilos und Wasser haben drei Jahre lang gefehlt. Seit langem bemühen wir uns darum, dass die Lokalverwaltungen größere Viehmärkte und –Ausstellungen veranstalten – ohne Erfolg. So haben wir selbst, im Monat August, einen großen Viehmarkt für Ziegen und Schafe organisiert. Das ist kein kleines Unternehmen, aber ein sehr segensreicher Impuls. Ohne Erfolg blieb dabei auch der Appell an mehrere Banken, Kredite bereitzustellen. Es kamen nur Filialleiter mit schönen Reden von zu erwartenden Aktionen, die aber nicht eintraten. Wir haben selbst kleine Kredite angeboten. Die Leute fielen uns um den Hals vor Freude und Dankbarkeit.

In diesem Zusammenhang darf man nicht die Bienenzucht vergessen. Keine andere Sparte der Landwirtschaft kann so schnell ihre Einbußen überwinden wie die Bienenzucht. Im vorigen Jahr haben wir stark investiert, um zu retten, was zu retten war. Beim Einsetzen der Regenfälle, Ende letzten Jahres, gab es eine Hoffnung auf 20% der normalen Honigernte zu kommen. Im Juni konnte die Genossenschaft der Imker feststellen, dass sie 50% der üblichen Erträge geerntet hatte. So ist es jetzt normal geworden  für die Imker, dass die Bienen gefüttert werden müssen, um ihre Bestände zu erhalten bis zur nächsten Regenperiode. Was ihnen früher wenig sinnvoll erschien, tun sie jetzt, belehrt durch die Erfahrung. Und die Bienen danken es ihnen.

Ein neues Problem hat eine Reihe unserer kleinen Bauern schwer betroffen: der Bau der Eisenbahnlinie durch unsere Gegend. Es entsteht in unserem Gebiet ein 100 km langer eingezäunter Streifen für die Gleisanlagen. Er führt durch kultiviertes und bewohntes Land. Daher sind etwa 120 kleine Bauern betroffen, die enteignet werden. Ihr Land wird zerschnitten und hat dann zwei Teile ohne Verbindung untereinander. Ihre kultivierte Anbaufläche wird verkleinert. Ihr Zugang zu den Wasserstellen wird unterbrochen. Ihre Weiden reichen nicht mehr für ihren Viehbestand. Ihre Straßen und Wege werden zu Sackgassen. Ein Teil von ihnen verliert Häuser und Stallungen. Ihre Situation wird zur Tragödie.

Die Entschädigungssummen sind total unzureichend, rein lächerlich. Sie reichen bei weitem nicht zu einem Neubeginn, besonders wenn der Bau eines neuen Hauses nötig wird, weil das Haus der Familie dem Erdboden gleichgemacht wurde. Auf 40 km Bahnstrecke gibt die Regierung die Bagatelle von €12.155,00 an Entschädigungen aus, verteilt auf über
40 Betroffene. Es handelt sich um ein Prestige-Objekt der Regierung: eine Bahnstrecke von 1.723 km aus dem Boden zu stampfen, von Großunternehmen mit enormen Unkosten gebaut. Was zählen da ein paar kleine Bauern, die man ungerechten und veralteten Gesetzen unterwirft?

Wir können das Bauvorhaben nicht aufhalten oder bekämpfen. Wir können versuchen die Tragödie dieser Armen zu lindern. Drei Maßnahmen haben wir in Gang gebracht: Zunächst haben wir Rechtsberatung für die Opfer der Enteignung organisiert, denn es geht um Rechte von Bürgern. Dann haben wir mit den Betroffenen die Anlage neuer Felder in Angriff genommen: sie müssen gerodet und eingezäunt werden, so schnell, dass sie bei Beginn der neuen Regenfälle fertig sind. Schließlich geht es um den Bau neuer Häuser. All das ist ein Wettlauf mit der Zeit, weil in einigen Wochen der neue Regen kommen kann.

Wenn wir die „Option für die Armen“ verstanden haben und die Gemeinde darauf ausrichten, dann können wir zu einer „bekehrten Gemeinde“ werden, radikal verändert wie das Leben des hl. Franziskus, der seine Augen „fest auf Jesus fixierte“ (Hebr 12,2).

All das hängt davon ab, Jesus als den menschgewordenen Gott zu entdecken: klein, demütig, arm, fähig zu sterben und bereit sich für die Freiheit seiner Brüder zu opfern. Vor allem aber ist dieser menschlich und klein gewordene Gott gegenwärtig in seinem Volk, mit seinem Wort und seinem gedeckten Tisch. Und er ist gegenwärtig in denen, die klein und schwach sind wie Er, und bei denen, die sich klein und schwach machen für diese Kleinen - wie Er. Die Option für die Armen ist in Wahrheit sein Weg, der unser Weg wird – auf dem es kein Zurück gibt.

Im letzten Jahr haben wir einer Witwe mit ihrer Familie einen großen Wassertank (10,000 l) zur Verfügung gestellt. Sie wohnt in einer einsamen Gegend nahe der Grenze unserer Pfarrei. Sie musste lange Wege zurücklegen (täglich 16 km), um Wasser herbeizuschaffen. Die Tragödie der Dürre spitzte sich zu, als das Zugtier ihrer Karosse die Strapazen der langen Wege nicht überlebte. Der große Behälter konnte nun von einem Tankwagen gefüllt werden. – Jetzt kam die Frau und wollte den Tank zurückgeben. Ich sagte ihr, sie könne ihn behalten, denn ihre Situation hat sich ja nicht geändert. Die Freude überraschte sie derart, dass sie mich unter Tränen so fest umarmte, dass mir die Luft ausblieb.

Diese Umarmung unter Tränen möchte ich weitergeben an Sie alle, die uns immer wieder helfen. Der hl. Franziskus, der kleine und arme Jünger des kleinen und armen Jesus von Nazareth, segne uns alle: „Der Herr segne und behüte euch, er zeige euch sein Angesicht und erbarme sich euer; er wende euch sein Antlitz zu und gebe euch Frieden; der Herr segne euch.“

Mit dankbaren brüderlichen Grüßen
Padre Geraldo Gereon