Das "Projets Abelha" = "Bienenprojekt" entstand vor etwa 25 Jahren. Auf dem lateinamerikanischen Kontinent gibt es verschiedene einheimische Bienenrassen, die alle wenig Honig produzieren. Durch das Versehen eines hier arbeitenden deutschen Forschers entkam ein von ihm eingeführter Schwarm der afrikanischen Kampfbiene. Es entstand eine Kreuzung mit den einheimischen Bienen, die zur Heranbildung der neuen Rasse "Oropa" führte: eine weniger aggressive Biene als die afrikanische, mit größerer Honigproduktion als die kleinen einheimischen Bienen. Diese neue Bienenrasse breitete sich enorm schnell in ganz Brasilien aus. In der ersten Phase wurde nur Honig von den zahlreichen wilden Schwärmen geerntet.

Unser Diözesanbischof Edilberto Dinkelborg begann dann in den achtziger Jahren das Bienenprojekt. Er ließ die armen Kleinbauern unseres Gebietes die Erfahrung machen, dass man Bienen züchten und Honig produzieren kann. Die Bauern wurden geschult, und die Diözese stellte die Anfangsausstattung zur Verfügung, die in Honig abgezahlt wurde. Die Diözese übernahm die Vermarktung.

Unsere Pfarrei setzte sich bald ab von der Systematik der Diözese. Wir begannen die Bauern in Regionalzentren mit eigenen Einrichtungen für Zucht, Ernte und Lagerung zu organisieren. Ein überregionaler Imkerverein mit etwa 1000 Mitgliedern arbeitet in einem Gebiet von ca. 7000 qkm, aufgeteilt in 32 Regionalzentren und einem Zentrallager mit einer Lagerungs- und Verarbeitungskapazität bis zu 200 Tonnen Honig.

ImkerzentrumEines der drei Imkerzentren (Casa do Mel), die in der ganzen Gegend geschaffen wurden. Hier konzentrieren sich die kleineren Imkergruppen zur Ernte und Lagerung des Honigs. Im großen Zentrallager in Simplicio Mendes können 150 – 200 Tonnen Honig gelagert und verarbeitet werden. Bisher wurde der Honig fast immer in Großbehältern von 250 Kg verkauft, so auch der Honig, der ins Ausland geht ( kleinere Mengen nach Italien an fair-trade-Gruppen – der größere Teil in die USA ). Aber es liegt schon eine Anfrage einer Marktkette vor, die in kleine Gläser abgefüllten Honig kaufen will.

Alle Arbeiten dieser kleinen Bienenzüchter geschehen in Gruppen und organisierten Gemeinschaften. Niemals haben wir Einzelpersonen gefördert.

Der große Verein ist bis heute keine Genossenschaft; wir vermeiden es absichtlich. Genossenschaften brauchen aufgeklärte Mitglieder und sind komplizierter in der Verwaltung. Viele Versuche kleiner Genossenschaften mit armen, unaufgeklärten Bauern sind fehlgeschlagen. Die meisten unserer Bienenzüchter haben nur wenige Bienenstöcke. Die Imkerei ist ein Nebenerwerb. Aber es gibt doch einige, die sich zu größeren Bienenzüchtern entwickelt haben und eine solide wirtschaftliche Grundlage gefunden haben.


Bienenzüchter bei einem Lehrgang

Der Nordosten Brasiliens ist eine extrem arme Gegend. Das trockene Hinterland (Sertao) hat eine von dieser Armut seit Generationen gezeichnete Bevölkerung, die auch heute noch eine archaische Subsistenzlandwirtschaft betreibt, und dazu eine extensive Viehzucht. Noch vor Jahren war Honig etwas, was man von der Jagd mitbrachte. Nun soll man also Bienen "züchten" und Honig "produzieren". Das verlangt ein Erlernen von bisher unbekannten Praktiken, die man vorher nicht brauchte, und von denen man sich überzeugen muss. Jeder Erziehungsprozess geht langsam vor sich, muss wachsen ohne Etappen zu überspringen. Die kleinen armen Bauern produzierten immer nur für sich selbst, gaben sich damit zufrieden, was sie erreichen konnten unter den extrem harten Bedingungen dieses Trockengebietes. Diese Entwicklungsarbeit auf eine Veränderung hin, war immer unsere große Herausforderung, deren kulturelle und soziologische Hintergründe zu entdecken und zu beachten waren.

Wenn man plötzlich für einen Markt produzieren soll, der Qualität verlangt, bringt man nicht mehr Honig auf den eigenen Tisch, wo er den Zucker ersetzt und von der Familie konsumiert wird. Heute ist es ein geflügeltes Wort bei den Bauern geworden: "Wir müssen Qualitätshonig produzieren."

In diesem Wort ist der Bezug auf Markt und Käufer enthalten, einschließlich der Kette vom Erzeuger über Zwischen-, Groß- und Kleinhändler bis zum Endverbraucher. Da es sich um ein Nahrungsmittel handelt, tritt notwendigerweise das Kontrollsystem der Behörden auf den Plan. Wenn es sich um ein Exportprodukt handelt, sind die internationalen Standards eine weitere Auflage.

Dies alles kam früher oder später auf unsere kleinen Bienenzüchter zu. Sie produzierten Honig, der nicht auf den lokalen Wochenmärkten unterzubringen ist. Der Bundesstaat Piaui hat ca. 3.000.000 Einwohner auf rund 260.000 qkm. In meiner Pfarrei liegt die Bevölkerungsdichte bei 6 Einwohnern pro qkm. Hier ist also nicht der Markt für unseren Honig.

Wir haben uns also der Herausforderung gestellt, unseren Honig selbst zu vermarkten und ihn nicht einem anonymen Zwischenhandel zu überlassen. Im Laufe der Jahre haben wir deshalb beträchtlich in Transport, Lagerkapazitäten und Verarbeitungseinrichtungen investiert. Das ging nur durch Hilfe von außen im Sinne von verlorenen Zuschüssen. Eine neu entstandene und noch wenig robuste Struktur armer Kleinbauern bekommt man nicht mit Bankkrediten auf die Beine. Deshalb denken wir noch immer nicht an Genossenschaft. Wir investieren mit Mitteln privater Wohltäter. Auch öffentliche Förderungsmittel kommen immer mehr auf uns zu, weil wir eine ernsthafte und korrekte Arbeit tun. So ist uns z.B. eine beträchtliche Steuererleichterung zugute gekommen.

An zwei Punkten arbeiten wir mit besonderer Aufmerksamkeit: Die Anpassung an die Forderungen der nationalen und internationalen Abnehmer und die Steigerung der Produktivität.

Honig ist ein kompliziertes Produkt. Er wird in unserem Falle in der Wildnis produziert, in einer reich diversifizierten Flora, muss aber bei einer 20-Tonnen-Lieferung völlig homogen sein. Die Anlagen dazu haben wir in unserem Zentrallager.

Homogenisierungsanlage
Homogenisierungsanlage


Diese große  Anlage wurde der Zentrale in Simplicio Mendes von Regierungsstellen geschenkt: eine Homogenisierungsanlage für Honig unterschiedlicher Herkunft (Je nach Blüte ist die Farbe und Dichte des Honigs verschieden). Die Anlage kann 5000 Kg Honig zu einer gleichmäßigen Lieferung mischen. Nur so kann man an Großabnehmer liefern. Eine zweite Anlage wird erwartet, sie dient dem Absenken des Feuchtigkeitsgehaltes. Im Honighandel wird dieses Detail sehr beachtet: je geringer der Feuchtigkeitsgehalt ist, umso besser ist die Qualität des Honigs.

Bienenstöcke

Weitere Anlagen sind für das Absenken des Feuchtigkeitsgehaltes bestimmt. Die Temperatur bei Lagerung und Transport spielt eine große Rolle, was bei der Errichtung und Ausstattung der Gebäude zu beachten ist. Die Hygienevorschriften sind rigoros, und es wird ständig kontrolliert. Wohl oder Übel muss man sich da anpassen. Dann bekommt man einen guten Namen, der den Absatz des Honigs an die Großabnehmer erleichtert. Es ist klar, dass die leitenden Leute unseres Projektes klare Kenntnisse all dieser Bedingungen haben müssen und die Systematik beherrschen müssen. Sie erwerben immer mehr Praxis und Erfahrung, auch im Umgang mit ausländischen Partnern. Wir verdanken das auch einer kontinuierlichen staatlichen Förderung auf allen Eben. Aber die Spielregeln der Honigproduktion gehen langsam auch in die Köpfe der kleinen Bauern, die irgendwo im Busch ihre Bienenstöcke stehen haben.

Das ist der Sinn dieser langjährigen Arbeit mit ihren hohen Investitionen: mit den kleinen mittellosen Armen einen Weg der Veränderung gehen, der die Ursachen der Armut überwindet. Es genügt nicht, diesen Menschen finanziell unter die Arme zu greifen. Sie sollen die Veränderung begreifen, wollen und durchführen. Dann werden sie selbst daran glauben.

Ein 20-Euro-Schein, Symbol für den Gewinn aus dem Verkauf nach Europa
Ein 20-Euro-Schein, Symbol für den Gewinn aus dem Verkauf nach Europa

 

Auf diesem Weg treten immer wieder neue Hindernisse auf, die aus den Sachzwängen der globalisierten Vernetzung entstehen. Die ganz frische Neuigkeit für uns ist das Einfuhrverbot für brasilianischen Honig in der EU. Vor Jahren war in Argentinien und China -zwei Großlieferanten auf dem Honig - Weltmarkt - eine Krankheit unter den Bienenvölkern aufgetreten, die nur mit chemischen Produkten zu überwinden war, deren Residuen dem Honig schadeten. Der Honig aus diesen beiden Ländern verschwand auf dem internationalen Markt. Er wurde erst wieder zugelassen, als man sich durch genaue Kontrollen des Honigs überzeugte, dass er keine Restbestände der Behandlung der Bienen aufwies. Diese Kontrollen wurden nun auch den brasilianischen Produzenten von der EU auferlegt. Das bedeutet Analysen zu erstellen, für die die hiesigen Laboratorien nicht ausgerüstet sind. Dazu verlangt man, dass die Produktions- und Vermarktungskette klar verfolgbar sein muss und alle Beteiligten klar identifizierbar sein müssen. Für viele Händler ist das nicht möglich, weil sie Honig aufkaufen, dessen Produktionsbedingungen ihnen nicht bekannt sind. Hier haben wir eine große Chance. Denn wir arbeiten nur mit Honig unserer Mitglieder, die genau lokalisierbar sind. Für die Labortests müssen wir warten, dass die Regierung die entsprechenden Einrichtungen schafft. Für dieses Jahr haben wir noch den nordamerikanischen Markt zur Verfügung, der sich aber auch den Regeln der EU anschließen wird.

Je mehr unsere armen Kleinbauern die Bienenzucht als Erwerbsquelle entdeckten, ermuntert durch gute Verkaufserlöse, desto mehr wurde ihnen klar, dass die Ernte abhängt von technischen Kenntnissen, von gut angewandten Praktiken und von der vollen Nutzung der Kapazitäten. Das ist nicht selbstverständlich für diese Armen, die keinen Unternehmergeist brauchten, um zu überleben mit dem, was die Natur hergab. Sehr langsam nur bildet sich eine neue Mentalität. Besonders die Überzeugung, dass die Produktivität gesteigert werden kann und muss, wird nur langsam assimiliert. Man muss herausfinden, warum ein Bienenstock, der 80.000 Bienen fasst, nur 50.000 hat, oder warum er statt 60 kg Honig nur 35 kg produziert. Hier liegt unsere Aufgabe; diese Menschen nicht allein zu lassen mit scheinbar unabänderlichen Bedingungen, sondern mit ihnen den Weg zu gehen, auf dem ständig verändert und verbessert wird.

So sind wir im Moment dabei, das Züchten von Bienenköniginnen zu erlernen und die Einrichtungen dafür zu schaffen. Auf diese Weise kann die Kapazität der Bienenschwärme erhöht und die Honigproduktion gesteigert werden.

In der Entwicklung der Bienenzucht gibt es immer wieder Neues zu lernen. Hier geht es um das Züchten von Königinnen, die alten müssen regelmäßig ausgewechselt werden, sonst fällt die Honigproduktion rapide ab.

Alle diese Anstrengungen ziehen sich über lange Jahre hinweg. Wir glauben, dass wir hier ein Beispiel einer nicht nur momentanen und punktuellen Hilfe für verelendete Menschen durchführen. Und ebenfalls glauben wir, dass unsere Region eine besondere Berufung für die Honigproduktion hat. Dafür gibt es mehrere Gründe. Unsere Gegend ist extrem dünn besiedelt. Der größte Teil des Landes ist nicht kultiviert. Riesige Flächen sind unberührte "Caatinga", eine relativ dicht bewachsene Buschlandschaft mit einer reich diversifizierten Vegetation und vielen honigerzeugenden Büschen und Bäumen. Es gibt fast keine Verseuchung durch Agrotoxica. Wir gehören zum Dürre - Polygon des brasilianischen Nordostens, eine semiaride Klimazone mit extrem niedrigen Niederschlägen. Daher hat unser Honig einen besonders niedrigen Feuchtigkeitsgehalt, ein besonders beachtetes Qualitätsmerkmal.

In der Nähe von Sao Francisco haben wir vom Staat ein 580 ha großes Landstück erwerben können, das von einem unserer Bauernvereine für Bienen- und Ziegenzucht genutzt werden soll.

Hier der von uns angelegte Hauptweg ( hinter dem Auto 8 Km ), von dem aus Abzweigungen zu den Unterständen der Bienenstöcke führen. Das völlig unkultivierte Land hat eine in der Regenperiode reiche Vegetation, die sehr gut für Bienen- und Ziegenzucht genutzt werden kann.

Unser Bundesstaat Piaui gilt als der zweitgrößte Honigproduzent Brasiliens. Die umfangreichen Kontingente werden aber von Großunternehmen aufgebracht. Es gibt nur wenige Beispiele einer dauerhaften Arbeit mit armen Kleinbauern. Dennoch waren wir die ersten im Bundesstaat Piaui, die Honig ins Ausland exportierten. Im vergangenen Jahr mit einer nicht sehr guten Ernte konnten wir 90 Tonnen Honig in die USA exportieren.  Hier kommt nun auch die Frage auf nach dem so genannten fairen Handel "Transfair" - "Gepa"- "Comércio solidario" oder andere Namen präsentieren dieses Bemühen. Ich habe zwei Gesichtspunkte dazu anzumerken.

Unsere erste größere Lieferung ging an eine italienische Organisation mit den bekannten Fair - Trade - Merkmalen. Es waren 20 Tonnen Honig. Eine zweite Lieferung kam nicht zustande. Diese Organisationen können keine größeren Mengen verkraften,  weil ihr Abnehmerkreis begrenzt ist. Ich war zweimal persönlich bei der GEPA und wollte ihnen einen 20 - Tonnen - Container verkaufen. Sie sagten mir, das sei unmöglich, soviel könnten sie nicht absetzen. Nun haben wir aber 100 und mehr Tonnen. Da haben wir praktisch keine Aussichten. Wir sind sozusagen schon zu groß geworden. Daran sieht man , dass das ganze Fair - Trade- System Grenzen hat. Denn man kann Preise nicht diktieren. Der Markt reguliert die Preise und reagiert nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage. Der Honigpreis auf dem Weltmarkt liegt seit langem schon um US$ 1,20 p/kg im en - gros - Handel. Die Abfüllung bis zu den kleinen Mengen für den Endverbraucher bringt dann den entsprechenden Preis, der die notwendigen Gewinne für alle Zwischenbeteiligten erbringen muss. Es ist völlig ungewöhnlich, dass der Produzent die ganzen Zwischenstationen bis zum Verbraucher selbst übernimmt - und wenn, dann muss er auch seine Kosten dabei durch den Endpreis abdecken. Es ist auch nicht richtig, dass alle Zwischenbeteiligten dem Produzent und dem Endverbraucher Preise diktieren, die zu hoch oder zu niedrig sind. Richtig ist, dass alle Beteiligten sich den Regeln des Anstands und der gerechten wirtschaftlichen Beziehungen unterwerfen müssen.
Die Frage ist: was ist fair und welche Grenzen bestimmen Gerechtigkeit und Wirtschaftlichkeit; wie hoch darf eine Gewinnspanne sein und wo beginnt die unrechtmäßige Bereicherung. Man darf nicht Verbraucherpreis und Erzeugergewinn beziehungslos nebeneinander stellen. Da könnten wirtschaftliche Vorgänge ideologisch belastet werden. Zuerst müsste man beweisen, dass der "normale", handelsübliche Preis nicht fair ist in Bezug auf den Erzeuger. Gleicht dann der höhere Preis eine Ungerechtigkeit aus, oder ist er eine Förderung eines Schwachen, dem man gutes tun will? Kann man Letzteres von allen verlangen, die das Produkt kaufen? Sicherlich nicht, das würde früher oder später unwirtschaftlich. Das ganze Fair - Trade - System ist sehr lobenswert, ist aber immer begrenzt und kann nur freiwillig sein. Wir haben 1000 arme Kleinbauern, die alle förderungswürdig sind. Aber zu  einem großen Block zusammengeschlossen sind wir so groß, dass der Fair -Trade - Handel uns nicht voll übernehmen kann.   Wenn wir den normalen Preis bekommen, gute Qualität liefern und einen Teil des Zwischenhandels umgehen können, sind wir damit zufrieden.

Ich hoffe, mit diesen Erfahrungen und Überlegungen ein wenig anregen zu können zu einer realistischen Beurteilung der komplexen Bemühungen um eine gerechte Welt.

Text und Bilder von Padre Geraldo Gereon Sao Francisco de Assis do Piaui ( APRIL 2006 )