Ein Bericht über unsere Versuche, die Veränderungen zu spüren und einzuleiten, denen unsere Bauern unterworfen sind – sie sind nicht nur Opfer von unvermeidlichen Umständen. Vielmehr wollen wir entdecken, dass es unter veränderten Bedingungen möglich ist nicht nur zu „überleben“, sondern nach dem Motto „mit der Dürre zu leben“, eine Normalität zu schaffen, die nicht mehr auszuschalten ist.
 
    An irgendeiner Stelle muss man anfangen, die Tatsachen zu artikulieren und Folgerungen daraus zu übernehmen. Der Bereich unserer Aktionen umfasst seit Jahren ein Gebiet von 10 „municípios“ (vergleichbar mit deutschen Landkreisen, aber mit geringerer Bevölkerungsdichte). Dieses Gebiet entspricht der Pfarrei, in der ich 34 Jahre lang Pfarrer war. Heute hat dieses Gebiet 7 Pfarreien, dazu drei Pfarreien der Nachbardiözese. Das Gebiet der Pfarrei „São Francisco de Assis“, abgepfarrt von der Großpfarrei Simplício Mendes, hat eine seltene Eigenart: in der Stadt wohnen 1.700 Einwohner, während auf dem Land mehr als doppelt soviel Einwohner wohnen, alles Bauern auf eigenem Land. In einigen Fällen ist der Landbesitz so klein, dass er nicht mehr aufgeteilt werden kann. Die Mindestgröße ist gesetzmäßig bestimmt. Wir sind uns bewusst, dass es nicht unsere Aufgabe ist, politische Verantwortung zu übernehmen. Aber es ist uns auch klar, dass wir uns nicht darauf beschränken dürfen, mit den Leuten das „Vater unser“ einzuüben. In diesem „Vater-unser“ lehrt uns Jesus ja um das tägliche Brot zu beten. So haben wir in der Satzung unserer Fraternitaet stehen: „Wir inspirieren uns an der Mysthik des Evangeliums Jesu, an der franziskanischen Spiritualität und an der ‚Option für die Armen‘ der Kirche Brasiliens.“
    Das verlangt eine klare Erkenntnis der Situation unserer Mitmenschen. Unsere Aufgabe ist zuerst: Tatsachen zu ermitteln und bekannt zu machen, das heisst unter anderem: die Verwaltung zu informieren, um ihr dadurch zu helfen und vorzuchlagen, wo sie veraendern und neu ansetzten muesste.
    So haben wir mit unseren Mitarbeitern drei Monate lang alle Bauern unseres Landkreises besucht. Damit hat sich das Bild  vervollstaendigt, neue Folgerungen ermoeglicht  und Wege zu ihrer Verwirklichung aufgezeigt. Im Moment sind wir dabei diese Daten auszuwerten und zusammenzufassen.

Mit den Daten von 1.029 Bauern lässt sich erkennen, wo konkrete Maßnahmen möglich und notwendig sind. Es ist uns klar, dass wir vermeiden müssen als „unbequem“ oder „inkompetent“ abgestempelt zu werden. Wir dürfen uns nicht „einmischen“, aber aufmerksam machen, ohne zu kritisieren. Dann aber wollen wir versuchen, das zu machen, was keiner macht. Das kann manchmal nicht mehr als ein Beispiel sein, das anregt.
    Es muss der Verwaltung gelingen, das Leben auf dem Land „attraktiv“ zu machen: das bezieht sich auf Wasser, Strom, Straßen, Gesundheits-Posten, Schulen. Sie machen sich keine Vorstellungen darüber, wie rückständig wir auf diesen Gebieten sind und wie sehr noch einfachste Strukturen fehlen.
    Dazu kommt aber, klar zu erkennen,  dass die Familien immer kleiner werden, bis auf das Minimum von drei Personen: das Ehepaar und ein Kind. Der Sohn will zur Schule und die Frau will in der Stadt wohnen. Es bleibt nur der Bauer selbst, der allein nicht schafft,  wofür er vorher fünf Personen hatte. Was soll ich einem Landwirt vorschlagen, der täglich 12 km zurücklegt, um Wasser für Haus und Tiere auf einer Eselkarre herbeizuschaffen? In früheren Zeiten gab es in der großen Familie immer einen, der diese „Wasserfahrten“ machen konnte. In dieser selben Gegend ohne Wasserversorgung  hat die Mehrzahl der Häuser keinen Strom-anschluss. Von solchen Tatsachen haben die Leute in der Stadt keine Ahnung. Genau so wenig wissen sie nicht wie das zu ändern wäre. Die Entfernung vom Hauptort bis in diese Grenzregion ist rund 30 km. Unsere systematischen Erhebungen haben uns überrascht und erschrocken.
     Nicht überrascht aber hat uns die Beobachtung, dass die verkleinerten Familien aus der Gegend abziehen und ihre Äcker brachliegen lassen. Im Moment ist unser Interesse die Statistik. Aber es müssen Folgerungen gezogen werden. So haben wir in der hier erwähnten Gegend ein Tal mit starkem Wasserlauf entdeckt. An einer gut ausgewählten Stelle haben wir eine ca. 8m hohe Staumauer aufgeführt (ein hoher und breiter Erdwall), mit einem breiten, ausbetonierten Überlauf. Die Umzäunung hat eingebaute Viehtränken. Und jetzt gibt es Anzeichen für eine gute Regenzeit: hier am Ort gab es schon einen Regen von 120mm.

Die klaren Daten der Statistik werden für uns zu einer Herausforderung zu unvermeidlichen Massnahmen. Wenn eine schleichende Landflucht im Gang ist, bedingt durch zu kleine Familien mit archaischen Ackermethoden, müssen klare Konsequenzen gezogen werden. Schäden müssen gestoppt werden, die schon im Gang sind. Man kann nicht die zu spät bemerkten Veränderungen beklagen, man muss sie unterbrechen. Einerseit muss klar sein, wo etwas in die falsche Richtung geht. Andererseits aber müssen aufgezeigte Auswege nicht nur als unvermeidlich dargestellt werden, sondern als anziehend begrüßt werden.
    Dafür müssen Hilfsmittel bereitstehen, die  die kleinen Bauern überzeugen, dass es möglich ist, selbst als einziger Landarbeiter mehr zu produzieren als mit einer grossen Familie. Diese Gross-Familien arbeiteten auf
dem Acker, um für das laufende Jahr die tägliche Nahrung zu haben, dazu Reserven für das kommende Jahr. Denn es kann ja eine neue Dürre geben mit dem Verlust der Ernte.

    Geld im begrenzten Umfang war natürlich notwendig für Kleidung, Arzneimittel, notwendige Reisen usw. Geld aber kam nur in die Kasse in den Wochen der Ernte. Kleinvieh (Schafe und Ziegen) sind für arme Bauern nur nützlich, wenn die Herden möglichst groß sind. Aber bei schlechter Regenzeit kommen sie nur abgemagert über die Runden. Die Worte „Silo“, „Miete“, „Heu“ sind vielen Bauern noch immer Fremdworte ohne praktische Bedeutung. Der Übergang von extensiver zu intensiver Viehzucht  hat für viele noch nicht begonnen. Aber es gibt unter uns keinen Gross-Grund-Besitz. Alles sind kleine Bauern auf eigenem Land. Veränderung muss also „mit“ ihnen geschehen. Daher unser Bemühen, die Lage möglichst genau zu erfassen.
    Natürlich richten wir uns zuerst an die öffentliche Verwaltung. Aber da hat man „ein dickes Fell“ (das sage ich auf Deusch, sonst gibt es Krach). Ich will ein Beispiel anfügen: In der Regenzeit sind selbst „Hauptstraßen“ unpassierbar wegen der verschlammten Durchfahrten. So kommen die Leute nicht zum Wochenmarkt oder können kein Medikament für den kranken Opa oder den hustenden Enkel kaufen. Aber es gibt auch „Vorteile“: die Schulbusse fahren nicht, aber die Unkosten werden kassiert und landen in den Taschen der „Verantwortlichen“. Vor vielen Jahren blieb ich tief im Schlamm einer „Hauptstrasse“ stecken. Ein größerer Wagen zog mich heraus, und der Fahrer sagte: „Als ich acht Jahre alt war, blieb hier ein Lastwagen eine Woche lang stecken.“ Ich fragte, wie alt er „heute“ war. Er antwortete: „43 Jahre“. Das war also vor 35 Jahren, und jedes Jahr von neuem. Jetzt bleibt dort niemand mehr im Schlamm stecken. Wir haben die Durchfahrt so aufgeschüttet, dass es dort keinen tiefen Schlamm mehr gibt. Danach haben wir noch zwei weitere Durchfahrten befestigt, die immer den Verkehr unterbrachen. Aber es gibt davon noch mindestens acht, die weiterhin erhalten bleiben.
Ich füge hier eine kleine Bemerkung bei, die ich an unsere zahlreichen Wohltätern weitergeben möchte. Wenn ich jetzt, nach den ersten Regenfällen, am Samstag über den Wochenmarkt gehe und viele Leute begrüße, kamen schon mehrfach Personen auf mich zu, umarmten mich und sagten: „Ich möchte herzlich danken für die befestigten Durchfahrten, die Sie auf unserer Straße gebaut haben. Jetzt kann ich hier am Samstag zum Markt kommen – das war vorher nie möglich, wenn es geregnet hatte.“ Ich versuche dann zu antworten wie Jesus uns gelehrt hat: „Unnütze Knechte sind wir – wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren (Luk.17,10).“ Die von uns erhobenen Tatsachen sollen zu einer Anregung führen, die dem Leben der kleinen Bauern eine Normalität vermittelt, und die schon begonnene Abwanderung unterbricht.

Bei diesem Bemühen ist es unvermeidlich, das Thema der Mechanisierung der Landwirtschaft zu bedenken. Heutzutage gibt es kleine Maschinen auf zwei Rädern mit angekoppeltem Zubehör zum Pflügen, Jäten, Dreschen usw., gelenkt wie ein Pflug, der von Zugtieren gezogen wird. Dazu muss ein Anhänger kommen, der von 120ccm-oder150ccm – Motorrädern gezogen wird, um so den langsamen und begrenzten Esel-Transport zu vergessen. Große 4 rädige Traktoren haben wir im Laufe der Jahrzehnte einigen organisierten Bauern-Vereinen zur Verfügung gestellt. Sie sind bis heute gut genutzt und werden nie alt.
    So wollen wir nun das große Gebiet in kleine Abschnitte aufteilen. Dort kann eine kleine Gruppe von Nachbarn diese Basis-Mechanisierung kennenlernen und einüben. Dann kann im Laufe der Zeit jeder Bauer seine eigenen Maschinen haben.
    Wir können hier nicht alle Einzelheiten erklären. Es geht uns darum ein Ziel zu haben, das erreichbar ist. Die Regenzeit hat gut begonnen. Aber die kritische Schwelle sind die ersten Wochen des neuen Jahres. Die Voraussagen wecken große Hoffnungen. Das riesige Gebiet des Nordostens, jedoch, hat nie eine total homogene Situation.
    Wir wollen noch einen anderen wichtigen Aspekt erwähnen, dem wir im Moment Vorrang geben. Wir sind davon überzeugt, dass die Viehzucht für unsere Bauern eine weitere Chance ist, die genutzt werden muss. Gross-Vieh braucht viel Aufwand, den Klein-Bauern nicht aufbringen. Daher ergab unsere Erhebung ein überraschendes Ergebnis: Der Gesamtbestand an Grossvieh in der statistisch erfassten Region ist: 3.233. Dagegen ist der Gesamtbestand an Kleinvieh (Ziegen und Schafe): 35.597 (mehr als 10 mal soviel). Interessant ist auch, dass es in den großen Städten einen enormen Markt für Ziegen- und Schaffleisch gibt. Da es also darum geht, den vorhandenen Bestand genetisch aufzubessern, muss das ein Ziel unserer Arbeit sein.
    Zweifellos muss man dafür eine uns bisher unbekannte Ziegenrasse einführen: das ist die Kalahari-Rasse aus Afrika. Reinrassige Zuchttiere sind unerschwinglich im Preis. Stattdessen kann man Embryos auf Fazendas, 800 km entfernt, kaufen und hiesigen „Leihmuettern“ einpflanzen. Dafür wurde uns ein Angebot von einer halboffiziellen Regierungs-Organisation gemacht, die uns seit langem unterstützt und die 70 % der Unkosten übernahm. So haben wir im Moment 50 trächtige Ziegen mit reinrassigen Kalahari-Embryos, die wir nach der Geburt verteilen. Dafür haben wir mehrere Bauernvereine ausgewählt und vorbereitet. Das System wird dann mehrfach fortgesetzt. Zweifellos lohnt sich dieser Aufwand. In ganz Piauí wird das zum ersten Mal praktiziert.
      
Immer sind wir motiviert von der „Option für die Armen“. Wir wollen nicht einen interessanten Ausdruck nachreden. Vielmehr wollen wir unseren armen Brüdern und Schwestern verständlich machen, dass Jesus für sie auf die Welt gekommen ist, um mit ihnen arm zu sein. So wird der Reichtum seines Erbarmens zu der glücklichen Erfahrung, dass mit dem Lächeln eines neugeborenen Kindes alles neu beginnen kann.
    Selbst ein gnadenloser Virus wird nicht das letzte Wort haben. Er kann uns auf die Dauer nicht zwingen, uns nur noch mit dem Ellenbogen zu begrüßen. Vielmehr werden wir mit dem Apostel Jakobus entdecken, dass „die wahre Religion das Erbarmen mit Witwen und Waisen ist“ (Jak 1,27).
    
Das scheint so bedeutungslos zu sein, dass ich 30 Jahre gebraucht habe, um in meiner Nähe zu entdecken, dass einer täglich 12 km unterwegs ist, um ein paar
Eimer Wasser herbei zu karren. Sonst überleben weder seine Kinder noch seine Ziegen.

Damit Weihnachten “froh“ wird, braucht man „nur“ zusehen, wo kleine
Kinder in einem Futtertrog schlafen, weinen und lächeln.

Das wünsche ich Ihnen allen und grüße Sie in herzlicher Dankbarkeit

Ihr Padre Geraldo.


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Liebe Freunde von Padre Geraldo
Auch wir wünschen Ihnen ein gesegnetes
Weihnachtsfest und ein gesundes, friedvolles Neues Jahr 2021
und danken Ihnen für Ihre Treue !
Hans und Helga Géréon