Liebe Schwestern und Brüder,
                                                          
Im Innern der Pfarrei von São Francisco haben wir eine kleine Kommunität am Ort „Vereda da Serra“. Die Kapelle entstand durch unsere Schule zur Alphabetisierung von Erwachsenen, die dort vor 45 Jahren täglich funktionierte. Der Patron dieser Gemeinde ist der „Bom Jesus da Lapa“, gemäß einem alten Brauch einiger Familien des Ortes. Das bezieht sich auf einen Wallfahrtsort im Innern von Bahia, etwa 1000 km entfernt von hier, am Ufer des Flusses „São Francisco“. An diesem Ort erhebt sich eine Felsenformation mit kleinen und großen Grotten. Im Laufe von rund 300 Jahren entstand dort dieser Wallfahrtsort. Große Mengen von Pilgern verehren dort den „Bom Jesus da Lapa“ und „Unsere liebe Frau der Schmerzen“. Ein älterer Bewohner dieser kleinen Gemeinde erzählte mir, dass sein Großvater vor rund 100 Jahren eine Wallfahrt nach „Bom Jesus da Lapa“ gemacht hat -das sind 1000Km hin und 1000km zurück-und alles zu Pferd. Mit dieser langen Reise erfüllte er ein Gelübde-eine Reise von 2-3 Monaten.

    Wenn ich in „Vereda da Serra“zelebrierte, beobachtete ich immer einen Felsen, etwa 600 m entfernt, ohne Bewuchs, der sich in der Landschaft erhob. Mehrfach regte ich an, dort oben eine Kapelle oder ein Kreuz zu errichten. Immer war dann die Antwort: Da kommt man nicht herauf.

    Jetzt erfahren wir schmerzlich die Corona-Virus-Pandemie. Wir warten auf eine Impfung, die uns vor Krankheit und Tod bewahrt, und beklagen die große Zahl von Opfern in der ganzen Welt.
    In vergangenen Jahrhunderten, wenn eine Epidemie ausbrach, hatten die Leute keine Impfungen und Heilmittel. Man machte dann schwere Gelübde, um Gott und die Heiligen um Erbarmen zu bitten. Wir haben das große Beispiel von Oberammergau und sahen unseren Papst vor einem großen Kreuz in Rom beten, dessen Ursprung ein Gelübde in Epidemiezeiten hat.
    Mir kam dabei eine Idee: Wir wollen kein Gelübde machen, dass man erfüllen „muss“ (hier heist das „bezahlen“).

Wie kann ich Gott etwas bezahlen,  wenn er nichts berechnet, sondern alles umsonst gibt? Stattdessen müssten wir Gott ein freiwilliges Opfer bringen, um unsere Bitte zu bestärken. Ich erinnerte mich an die Felserhebung, die keiner besteigen kann. Ich sprach mit den Leuten der kleinen Gemeinde: „Wie wäre es, wenn wir einen Aufstieg auf diesen Berg machen? Diese Anstrengung und den mühsamen Aufstieg können wir dem „Bom Jesus“ darbringen und damit unser Flehen um das Ende der Pandemie bestärken. Es wäre ein bedingungsloses Opfer, ohne jedes Versprechen einer Vergeltung, nur im Vertrauen auf den barmherzigen Gott.“ Es gab sofort Zustimmung.

    So haben wir diese Arbeit durchgeführt. Nach einigen Wochen wurde sie jetzt fertig. Nun kann jeder, in jedem Alter, ohne Gefahr die 115 Stufen besteigen, mit entsprechender Sicherheit. Oben auf dem Berg bauten wir einen Altar mit dem Bild des „Bom Jesus“ (Kruzifix). Wenn man bei Tag dort oben ankommt, ist man  bezaubert von der weiten Sicht in die Landschaft. Nachts ist der Altar mit Solar-Energie beleuchtet – man sieht ihn über mehrere Kilometer.
    Wir müssen auch bedenken, dass der Raum dort oben sehr begrenzt ist. Es ist nur Platz für 8–10 Personen. Aber es ist alles sicher eingezäunt.

    Aber es muss klar bleiben: der Ort wurde nicht für Tourismus geschaffen, sondern um das Erbarmen Gottes zu erflehen., für uns und für die bedrohte Menschheit. Unser vertrauensvolles Flehen wird der gütige Vater im Himmel erhören.

Mit brüderlichem Gruß
Padre Geraldo




TEXT AM AUFGANG ZUM „BOM JESUS DA LAPA“
EINFÜHRUNG IN DIE BEZIEHUNG ZUR PANDEMIE.

Willkommen an diesem Aufstieg zum „Bom Jesus da Lapa“. Dieser Ort wurde im Jahr de „Pandemie des Corona-Virus“ geschaffen. Auf der ganzen Welt hat diese Epidemie Millionen von Opfern hinterlassen. Unsere Ohnmacht gegenüber einem Virus kann jeden von uns zu seinem fatalen Opfer machen. Diese gefährliche Bedrohung hat uns dazu inspiriert, an dieser Stelle einen Ort des Gebetes zu schaffen.
    Der ermüdende Aufstieg über 115 Stufen führt uns zur Begegnung mit dem Bild des „Bom Jesus da Lapa“ („Lapa“ ist eine Felsengrotte). Im Inneren des riesigen Bundesstaates „Bahia“ (Hauptstadt Salvador) ist eine Stadt  mit demselben Namen entstanden: „Bom Jesus da Lapa“, am Ufer des zweitgrößten Flusses Brasiliens, dem „São Francisco“. In dem breiten Flusstal erhebt sich, direkt am linken Flussrand, ein großes Felsmassiv mit zahlreichen Tropfsteingrotten jeder Größe (die größte Grotte fasst bis zu 2000 Personen). Der Ort liegt  rund 1000 km entfernt von hier.
    Im Jahr 1691 kam an diesen einsamen Ort ein Pilger, der zu Fuß von der Stadt Salvador bis an diesen Felsen mit seinen Grotten wanderte: Francisco da Soledade Mendonça. Er war ein portugiesischer Einwanderer, der eine Zeit lang in Salvador, der ersten Hauptstadt Brasiliens, lebte. In dieser Zeit erlitt er schweres Unrecht und Gewalt durch den portugiesischen Governeur. Enttäuscht von soviel Unrecht und Bosheit löste sich Francisco von seinem Leben als Maler und Goldschmied und begann eine lange Wanderung durch das Innere von Bahia. Er suchte einen Ort, wo er als Einsiedler bleiben konnte. Mit sich trug er ein Kruzifix („O Bom Jesus“) mit dem gekreuzigten Jesus, der sich für uns opfert, dazu eine kleine Figur der Mutter Gottes, die ihrem Sohn bis ans Kreuz folgte. Er beschloss, sein Wanderleben über 1000 km zu beenden und als Eremit in den Felsgrotten zu wohnen. Die beiden Figuren stellte er in eine der Grotten und begann sein Leben in der Einsamkeit.
    Nach kurzer Zeit jedoch bemerkte Francisco, dass es in der Gegend eine Anzahl von Leuten gab, die wie er schwer zu leiden hatten: verfolgte Indios, Kranke, die von den Goldminen aus Minas Gerais vertrieben waren, afrikanische Neger, die der Sklaverei entflohen waren und in abgelegenen Siedlungen wohnten.
Francisco spürte den Ruf des gekreuzigten Jesus, sich dieser Armen anzunehmen. Unermüdlich arbeitete er für sie, pflegte die Kranken und siedelte sie auf Ackerland an, das er als portugiesischer Bürger vom König Portugals überschrieben bekam. So konnten diese Armen ihr Land für ihren Unterhalt bebauen.
    Hier gelangen wir an den Punkt, den Sinn unseres  steilen Aufstiegs zu erfassen. Wir möchten  unsere ermüdende Anstrengung dem „Bom Jesus“ am Kreuz opfern.   Das ist ein Flehen um die Barmherzigkeit Jesu und um ein Ende der schrecklichen Epidemie. Aber wir wollen nicht nur bitten für die verzweifelte Menschheit.  Wir wollen von hier aufbrechen, motiviert von Jesus und seiner Mutter, um den leidenden Schwestern und Brüdern zu helfen. Wir wollen denen beistehen, die den Kranken eine gigantische Anstrengung widmen. Wir wollen die Verzweifelten trösten und denen helfen, die keine Möglichkeit einer wirksamen Behandlung haben und ohne ein Minimum an Mitteln nicht überleben.
    Mit grosser Klarheit ist uns bewusst, dass wir nicht einfach in die skandalöse Ungleichheit zurückkehren können, die wir seit Generationen installiert haben, seit den Zeiten des Francisco da Soledade vor 350 Jahren. Diese etablierten Strukturen werden sich niemals ändern ohne leidenschaftlich dem „Bom Jesus“ und seiner  Mutter bis ans Kreuz zu folgen.
    Die kleine Gemeinde am Ort des Aufstiegs entstand vor rund 45 Jahren, als diese Gegend meiner Gemeinde in Simplício Mendes angegliedert wurde. Ich bemerkte dort die grosse Zahl von Analphabeten, die nicht einmal unterschreiben konnten, wenn sie heirateten. Ich richtete damals sechs Schulen ein, die in Abendkursen für Erwachsene Lesen und Scheiben lehrten. Alle diese Schulen wurden zu kleinen Gemeinden mit Kapelle, Gottesdienst, Katechese, Kommunionhelfern usw. Eine dieser kleinen Basisgemeinden ist der Ort, wo wir den Aufstieg auf einen steilen Felsen gebaut haben. Als Patron dieser Gemeinschaft wurde der „Bom Jesus da Lapa“ erwähnt. Er wird im ganzen mittleren Westen Brasiliens verehrt. Ein alter Bewohner erzählte mir, dass vor rund 100 Jahren sein Großvater eine Wallfahrt nach „Bom Jesus da Lapa“ machte, hin und zurück 2000 km, zu Pferd. Er erfüllte damit ein Gelübde.
    Unsere steiler Aufstieg ist kein Gelübde. Wir verstehen ihn als ein Flehen um das Erbarmen Jesu. Der Corona-Virus und die Inspiration durch den „Bom Jesus“ sollen uns motivieren, neue Zeiten zu schaffen.