Liebe Schwestern und Brüder in Deutschland,

Ihnen und Ihren Familien sende ich zu Anfang dieses neuen Jahres einen herzlichen Gruß mit dem Wunsch, daß unser guter Vater im Himmel uns mit seinem Segen begleite.

Bei meinen Berichten spreche ich immer im Plural: „Wir“ – das sind rund 25 kleinere oder größere lokale Bauernvereine, die zu der „Franziskus-Vereinigung“ zusammengefasst sind. Es handelt sich um eine Rechtsperson, die von mir und meinen hauptamtlichen Mitarbeitern geleitet wird, außer einigen gewählten Freiwilligen, die ehrenamtlich ihre Aufgaben erfüllen. Die Statuten erklären, dass die „Fraternidade“ keine lukrativen Interessen hat. Aber wir müssen monatlich dem Finanzamt die Buchführung vorlegen und uns an die gesetzlichen Regelungen halten.

Die religiösen und caritativen Motivierungen für unsere Arbeit haben einen klaren Bezug auf die typische Situation des brasilianischen Nordostens: das Klima mit seinen periodischen Dürren und die historische Armut der kleinen Bauern mit oft noch primitiven Ackerbau-Methoden und Wurzeln in schwerem sozialem Ungleichgewicht und Missständen, die im Alten Testament die Propheten auf den Plan riefen.

Unsere Arbeit wird seit langem von der Überzeugung geprägt, dass Armut nur teilweise mit Almosen überwunden werden kann. Es ist klar: Bei einer Klima-Katastrophe muss Essen auf den Tisch. Aber danach müssen die Armen ihre Rolle wechseln: in eigener Initiative und mit eventueller Hilfestellung können sie die totale Armut überwinden und zukünftige Katastrophen bestehen.

Ein Beispiel: Jedes Jahr feiern wir das Fest der Hl Elisabeth (Patronin der Werke der Nächstenliebe) mit einer Wallfahrt zu einem großen Gelände am Ufer des Canindé-Flusses, abseits von Dorf und Stadt, wo die Pfarrei vor über 30 Jahren eine Brücke über den Fluss baute. Wir wollten uns damals ins Gewissen schreiben, dass wir nicht nur Empfänger sondern auch Akteure der Nächstenliebe sein müssen. So entstand diese Wallfahrt, um uns am Beispiel der jungen Landgräfin zu inspirieren, die ihre Krone ablegte und sich für die Armen derart abschuftete, dass sie mit nur 24 Jahren starb. Im vergangenen November kamen bei der nächtlichen Eucharistiefeier 15.000 Wallfahrer zusammen. Am Eingang des großen Geländes steht eine Tafel: „Hier wollen wir unsere Option für die Armen einüben.“

Die gesamte Messfeier ist mit kleinen Inszenierungen aus dem Leben der hl. Elisabeth und aus dem Alltag der kleinen Bauern angereichert. So wurde z.B. bei der Opferung gezeigt, wie die junge Heilige bei einer großen Dürrekatastrophe alle Lebensmittel aus den Lagern ihrer reichen Adelsfamilie an die hungrigen Armen verteilte. Aber die Geschichte endete damit, dass nach der schrecklichen Dürre dieselbe Heilige Werkzeuge zum Ackerbau verteilte: Hacken, Spaten, Äxte usw. Heute nennt man das „Hilfe zur Selbsthilfe“ Vor rund 800 Jahren war das der jungen Gräfin in Marburg schon klar.

In diesem Zusammenhang macht uns eine Tatsache Sorgen, die immer mehr Folgen hat. Während noch vor 40 Jahren eine Bauernfamilie sechs oder mehr Personen hatte, die alle an der Feldarbeit teilnahmen, sind es heute noch drei: der Vater, die Mutter im Haus und ein Kind in der Schule. Bleibt nur noch der Vater, der kaum noch allein einen Hektar Landbearbeiten kann, ohne jede Maschine. Ein kleiner oder mittlerer Traktor ist unerschwinglich. Wir haben daher schon vor Jahren für sechs gut funktionierende Bauernvereine Traktoren angeschafft, die allen Mitgliedern zur Verfügung stehen und bis heute gut gewartet sind. Aber es müsste kleine motorisierte Geräte geben, die die Feldarbeit kleiner Bauern erleichtert und ertragreich macht. Aber sie müssen in der Anschaffung erschwinglich sein. Nur so kann man vermeiden, dass statt „Landflucht“ „Abwanderung“ entsteht, die bebautes Land brach liegen lässt.

Ein anderes Thema mit guten Aussichten auf Veränderung wird von uns schrittweise behandelt: die Ziegen- und Schafzucht. Die karge Landschaft mit ihrem trockenen Klima ist für die Rinderzucht nicht gut geeignet. Die kleinen Bauern haben aber praktisch alle kleinere oder größere Ziegen- und Schafherden. Aber sie investieren sehr wenig, das heist: die Tiere laufen frei im Busch und ihre Besitzer produzieren fast gar kein Futter. Ein gängiger Spruch behauptet: „die Ziegen züchten ihre Besitzer.“

Auch hier muss ein Wandel stattfinden, den wir schon seit langem anregen und Fördern: Stallanlagen, Futterproduktion, Impfungen, Silos und genetische Kenntnisse. Normalerweise werden die Tiere für den eigenen Bedarf geschlachtet oder an Schlachter aus der Gegend verkauft. Mittlerweile hat sich ein anderer Markt gebildet: die Schlachthöfe in den großen Städten. Die Nachfrage ist fast unbegrenzt. Nur müssen dabei folgende Bedingungen beachtet werden: 1.: Die Tiere müssen unter einem Jahr alt sein, 2.: Die Tiere müssen ein Mindestgewicht haben. 3.: Die Tiere müssen zu den Käufern transportiert werden. 4.: Es müssen regelmäßige Lieferungen sein.

Das Ganze ist eindeutig lukrativ und kann den kleinen Bauern regelmäßige Einnahmen sichern. Hier setzt nun wieder unser Arbeit an. Mit Schulungen werden die notwendigen Kenntnisse vermittelt. Eine Starthilfe fördert die Einrichtung notwendiger Anlagen. Dazu muss ein Lastwagen da sein, der hergerichtet ist zum Transport von 150 Tieren. Das Ganze wird von uns organisiert, aber muss in der Verantwortung der Bauernvereine funktionieren.

Ein weiteres Thema, das uns schwer getroffen hat, möchte ich noch kurz anfügen. Wir hatten seit dreißig Jahren ein großes Gelände zur Verfügung das keinen privaten Besitzer hat, sondern dem Staat gehört, der es aber nicht nutzte, sondern uns in einem Pachtvertrag überließ, der alle 10 Jahre erneuert wurde. Als das vor zwei Jahren wieder anstand, bekamen wir Schwierigkeiten.

Alle notwendigen Dokumente waren zusammengestellt, und es musste unterschrieben werden. Die zuständige Behörde des Bundesstaates Piauí teilte uns mit, dass das Dokument zur Unterschrift auf dem Schreibtisch des Direktors liege. Das zog sich über Monate hin. Trotz unserer wiederholten Telefonate kam es zu keiner Lösung oder Erklärung. So haben wir uns nach einem neuen Gelände umgesehen. Nach längerer Zeit vergeblichen Suchens bekamen wir von einem begüterten Freund in Simplício Mendes ein 12 Hektar großes Stück Land geschenkt, ganz nah an der Stadt, wo unsere Fraternität ihren Sitz hat. Jetzt mussten wir alles abbauen, was mitzunehmen war. Auf unserem neuen Gelände richten wir uns nun ein für unsere Aktivitäten. Das Land war reiner Busch. Es musste eingezäunt werden. Ein Traktor schuf ein großes freies Gelände für die notwendigen Gebäude und Einrichtungen. Ein 1 Hektar großer Acker für unsere Pflanzungen wurde gerodet. Ein Tiefbrunnen von 200 m Tiefe wurde gebohrt. Er liefert 60.000 Liter ausgezeichnetes Wasser pro Stunde. Eine Leitung von 800 m brachte Strom. Jetzt müssen Einrichtungen gebaut werden für Schulungen, Lagerung, Stallungen usw. Langsam kommen wir voran. Das Wichtige ist, dass wir jetzt ein eigenes Gelände haben und von keiner Behörde abhängen. Der anfängliche Schrecken wurde zur Erleichterung. Dass wir so viele großzügige Helfer haben, erfüllt uns mit freudiger Hoffnung.

Unsere Statuten fassen unsere Identität so zusammen: „Wir inspirieren uns am Evangelium Jesu, am Beispiel des hl. Franziskus und an der ‚Option für die Armen‘ der brasilianischen Kirche.“

Wir alle wünschen Ihnen, Ihren Familien, Gottes reichen Segen

In herzlicher Dankbarkeit grüße ich Sie
im Namen all unserer Brüder und Schwestern

Ihr Padre Geraldo Gereon