Liebe Schwestern und Brüder:

    Als die Portugiesen vor 518 Jahren Brasilien “entdeckten” und das Land mit seinen Bewohnern im Namen Jesu „eroberten“, brachten sie ausser ihren Waffen christliche Bilder, Riten und Gesetze mit. Unter den Bildern der Mutter Gottes gibt es eine Statue, die Maria hochschwanger darstellt. Als ich das entdeckte, wurde mir klar, was ein weiser Priester mir vor langer Zeit erklärt hatte: „In seinem ganzen Leben machte Jesus nichts anderes als ‚herabzusteigen“, bis auf den letzten Platz, den ihm niemand streitig machen kann.“

    Das bedeutet doch, dass die Weihnachtsgeschichte nicht mit der Geburt Jesu begann, sondern als kleine Zelle  im Leib seiner Mutter. Kleiner konnte Gott als Mensch nicht werden. Das Bild der schwangeren Maria hängt in meiner Gebetsecke neben dem Kreuz. Es versichert mir: ich kann Jesus nur auf dem letzten Platz finden, in der Ecke eines Stalles, unter Schafen, die aufschrecken beim Schrei eines gerade geborenen Kindes, am Ende einer Straße, wo alle Herbergen besetzt sind.

    Wenn ich verzweifelt versuche mir Gott vorzustellen, der mit seiner Macht von oben alle unsere Probleme lösen soll, entdecke ich immer wieder den Gott, der sich so klein wie wir gemacht hat: bedürftig, ausgestossen, gefallen, verurteilt, geboren am Strassenrand, unter der Brücke, unter aufgescheuchten Schafen – auf dem letzten Platz: nur da ist er zu entdecken. Wir müssen uns nicht auf den Weg zu ihm machen, er ist immer auf dem Weg zu uns, immer sucht er den letzten Platz, den ihm „niemand streitig machen kann“, immer findet er uns, besonders, wenn wir selbst hoffnungslos am Ende sind.

Uns allen wünsche ich am Fest der Geburt Jesu, dass wir es wagen herabzusteigen
auf den letzten Platz, wo Jesus uns erwartet.

Padre Geraldo