Liebe Schwestern und Brüder in Deutschland,

plötzlich bin ich gezwungen worden, von neuem aktiv zu werden, meine alte Pfarrei wieder zu Übernehmen! Ich versuche zu lernen, was im Buch Jesus Sirach (Sir. 11,20) empfohlen wird: "Bleibe bei deiner Pflicht und hab deine Freude daran, werde alt in deiner Beschäftigung." Und wenn ich nicht mehr, wie in jungen Jahren, über den Zaun springen kann, kann ich aber noch unten durchkriechen. Solange wir vom Vater im Himmel das unverdiente Geschenk der Gesundheit bekommen, haben wir kein Recht, uns zu drücken.
 
In diesem Jahr wurden wir endlich erleichtert durch gute Regenfälle. Die siebenjährige Dürreperiode fand damit ein Ende. Dennoch wird es in diesen Breitengraden immer wieder das Dürre-Phänomen geben.

Unsere Honiggenossenschaft hat in diesen Jahren große Einbußen gehabt. Das hat zwei Gründe: erstens die geringe Ernte - eine Folge ist der Anstieg der Preise. Die Genossenschaft muss ja erst den Honig kaufen, um dann zu verdienen. Ohne große Reserven kann sie beim Kauf des Honigs nicht mithalten. Dazu kam ein anderer Grund, der nichts mit der Dürre zu tun hat. Große Honigproduzenten wie China und Argentinien hatten Probleme (immer noch) mit den Bienenbeständen: Sie mussten mit Chemieprodukten die Krankheiten der Bienen bekämpfen. Die Folge war, dass die großen Aufkäufer in der Welt diesen nicht mehr reinen Bio-Honig nicht mehr abnahmen. Sie gründeten daraufhin große Importunternehmen hier in Brasilien, die ihren eigenen Honig aufkauften und ihn mit geringen Mengen des hiesigen gesunden Honigs mischten und dann wieder ausführten. Die Sache flog dann auf, und die Kontrollen wurden verfeinert und können nun die schädlichen Substanzen bemerken. Aber die Preise waren bis zu 400% gestiegen. Damit konnten unsere kleinen Bauern nicht mithalten. Mittlerweile normalisiert sich das wieder. Aber die Ausfuhr von Bio-Produkten hat schärfere Kontrollmethoden geschaffen. Man kann sie nicht umgehen und muss neue Zertifikate einholen. Das Misstrauen der großen Aufkäufer erschwert den Handel beträchtlich.

Alle diese Umstände haben uns davon überzeugt, dass die Genossenschaft sich nicht allein auf den Honig beschränken darf. Unter anderem bietet sich die Ziegenzucht an, die in unserer Gegend dominiert. Es fehlt jedoch die Ausrichtung auf die großen Märkte, die regelmäßig und mit Qualitätsprodukten beliefert werden wollen. Darauf müssen unsere kleinen Bauern sich einstellen und sich dabei eingliedern in die Genossenschaft. Wir haben uns vorgenommen, diese Veränderungen  anzuregen und in die Wege zu leiten. Morgen wird hier z.B. ein neuer Verein der Ziegenzüchter gegründet.

Eine unvermeidliche Veränderung wurde uns vor kurzem praktisch aufgezwungen. Es handelt sich um unser Schulungszentrum, rund 25 km von Simplício Mendes entfernt auf dem Weg hierher. Das Land gehört dem Staat - es sind Reste aus der Zeit, als aller Landbesitz registriert wurde (vor 60 bis 80 Jahren). Es wurde uns in einem Leihvertrag überlassen, jeweils auf 10 Jahre. Im Mai 2017 musste der Vertrag erneuert werden - bis heute ohne Erfolg. Wir bekommen keine Erklärung dafür. Gerade für unsere neuen Projekte brauchen wir diesen Stützpunkt.
So haben wir auf der Suche nach einer Alternative ein Stück Land von 12 ha gefunden, ganz nah bei Simplício Mendes. Der Besitzer schenkt es uns, und wir sind dabei, die entsprechenden Urkunden zu erstellen. Nun müssen wir an der alten Stelle alles abbauen und uns neu einrichten. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Ich hoffe, dass wir es schnell schaffen.

Ich bin ja "nebenbei" auch mit der Pfarrei beschäftigt. Manchmal scheint es mir über den Kopf zu wachsen. Aber außer den nächtlichen Albträumen habe ich keine Beschwerden.

Ich Grüße Euch in brüderlicher Verbundenheit
Euer Padre Geraldo Gereon