Liebe Brüder und Schwestern in Deutschland
St. Wilhelm/Hamburg – St. Marien/Sehnde

       Aus beiden Pfarreien auf diesem Briefkopf bekam ich in den letzten Tagen Anrufe. Dort wird in einigen Tagen das „Fastenessen“ zu unseren  Gunsten veranstaltet. Dafür will ich einige aktuelle Informationen beisteuern.

    Das Charakteristische unserer Gegend im Nordosten Brasiliens ist bekannt als ein Dürregebiet. Das bedeutet zuerst die Unregelmäßigkeit der Niederschläge in der jährlichen Regenperiode (November bis März – mit sieben Monaten ohne Regen). Eine statistische Erhebung erklaerte, dass in einem Zeitraum von 10 Jahren 9 Jahre unregelmäßige Niederschläge haben, das heißt: unter dem Durchschnitt.

    Der Regen fehlt entweder am Anfang, oder in der Mitte, oder am Ende. In jedem Fall bedeutet das größere, kleinere oder totale Ernteeinbussen. Der schlimmste Fall tritt ein, wenn am Ende, bei der Blühte der Pflanzen, der Regen fehlt , um Frucht anzusetzen. Dann sieht man viele Hektare von Maispflanzungen, die ausgewachsene Pflanzen haben, aber ohne Fruchtansatz. Manchmal ist es nur ein einziger guter Regen am Ende der Fastenzeit, der den Erfolg oder Misserfolg der Pflanzungen bestimmt. Die unregelmäßigen Regenfälle sind scheinbar normal (620 mm Regen im Jahr), aber fast immer sind es die grossen Abstände zwischen diesen Regenfällen ,die die Ernte beeinträchtigen: oft bringt das bis zu 60% Ausfälle. Dabei sind die Leute noch dankbar für eine eingeschränkte Ernte. Denn es gibt auch die Totaldürre, die in Abständen von mehreren Jahren einen völligen Ernteausfall verursachen, vor allem aber den Wasser- und Futtermangel für das Vieh.

    Nun wurde gestern in der Wettervorhersage nach den Aussichten für den Monat März gefragt. Die Antwort lautete, global für ganz Brasilien: Die Niederschläge werden unter dem Durchschnitt bleiben. Das war schon wieder ein kleiner Schrecken. Aber es bleibt dabei: im Moment kann man nichts definieren für die Ernte im April/Mai.

    Ich gehe in diese Einzelheiten,weil wir sieben lange Jahre hinter uns haben, in denen es fast keine Ernte gab. Die Viehbestände gingen drastisch zurück, viele natürliche Futterplätze, die lebensnotwendig sind, stehen nicht mehr zur Verfügung, die Honigernte schrumpfte auf ein Drittel der normalen Menge. Das hatte schwere Folgen für die Imkergenossenschaft. Sie verlor fast ganz  die Mittel für ihren Erhalt, denn die Honigernte ist auf höchstens vier Monate beschränkt. Wie soll man sich davon ein ganzes Jahr unterhalten? Nun hat es von November bis Februar ganz gut geregnet. Die Bestände der Bienenvölker erholen sich schnell. Bienen sind wunderbare Tierchen.

    Schon in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres haben wir begonnen Setzlinge von wichtigen Futterpflanzen zu produzieren. Auf einer bewässerten großen Fläche haben wir Maniok angepflanzt und in viele kleinere Stecklinge dividiert, die neu gepflanzt werden konnten. Dann habe wir grosse Mengen Saatgut gekauft und verteilt. Als Beispiel füge ich hier die Hirseproduktion an. Sie war fast völlig eingegangen. Dabei ist die Nachfrage sehr gross. Große Exportunternehmen möchten uns unter Vertrag nehmen, sie wollen bis zu 150 Tonnen abnehmen.  Wir konnten nur 40 Tonnen voraussagen. Aber die Wege stehen wieder offen.

          Es geht uns darum, die Imkergenossenschaft nicht nur auf Honig zu beschränken, sondern auf verschiedene Produkte und Aktivitäten einzustellen. Dazu gehört auch der Versuch, Ziegen und Schafe hier zu schlachten und das Fleisch in die großen Zentren zu liefern. In der ganzen Gegend hier gibt es keinen einzigen kleinen oder großen Schlachthof. Wir können da nur in kleinen Dimensionen anfangen. Aber die Nachfrage ist sehr groß, besonders bei Restaurantketten. Es ist sehr riskant, mit kleinen Bauern ohne Erfahrung auf dem Gebiet solche Erneuerung zu wagen. Wir haben schon Kontakte und Erhebungen zusammengestellt, um die Dimensionen mit Vorsicht zu ermessen. Dazu müssen wir die Mitglieder der Genossenschaft überzeugen, das Wagnis einzugehen.

    Es geht da immer wieder um die Frage, was das mit kirchlicher Arbeit zu tun hat. Wir bestehen darauf, dass es unsere Pflicht ist, die biblischen Begriffe von Gerechtigkeit, Frieden und Brüderlichkeit so zu praktizieren, dass sie den Wandel bewirken, den das Reich Gottes verkündet. Die Fastenaktion der brasilianischen Kirche steht unter dem Thema: „Die Gewalt überwinden“. Das „Überwinden“ heisst nicht „bekämpfen“ (als wollten wir das anderen überlassen), sondern im eigenen Verhalten jede Gewalt ausschliessen. Die entcheidende biblische Motivierung kommt aus Matthäus: „Ihr alle seid Brüder“ (23,8), weil ihr denselben Vater habt, der uns seinen Sohn als Bruder schickt. Daher der Schlüsselbegriff für das Wesen der Kirche (aller Kirchen): „Brüderlichkeit“.

    Ein altes, schon lange gebrauchtes Schlagwort zur Motivierung kirchlichen Einsatzes für hungrige Brüder verlangt: „nicht Fische austeilen für leere Kochtöpfe, sondern das Fischen lehren.“ Das bedeutet nicht, kirchliche und pfarrliche Seelsorgsarbeit einzustellen (Da bin ich ja wieder zum Anfänger geworden). Diese unsere Motivierung steht in der Satzung unserer „Fraternität“: „Das Evangelium Jesu, das Beispiel des heiligen Franziskus und die Entscheidung der lateinamerikanischen Kirche zur Option für die Armen.“

    Die Misereor-Aktion dieses Jahres zeigt das Foto eines afrikanischen Mädchens mit der kleinen Stupsnase dieser Rasse. Ihre schöne Sonnenbrille auf dieser Nase erreicht ihren Mund, aber nicht die Augen. Das Mädchen zeigt stolz ihre Erfindung: die Brille umgekehrt aufsetzen – jetzt geht der Rand bis an die Augenbrauen. „Die Welt ist voller guter Ideen – lass sie wachsen“ so heisst der Text dazu. Ich habe davon ein grosses Banner angefertigt. Damit beginnen wir den Kurs für Kinder und Jugendliche über Bienen-, Schaf- und Ziegenzucht. Genau das versuchen wir in der Nachfolge Jesu zu praktizieren.

      Übrigens haben wir genau so ein Fastenessen geplant, wie es unsere deutschen Brüder und Schwestern für uns veranstalten. Wir wollen zusammen versuchen, den ersehnten Wandel in unseren Herzen zu beginnen.

Mit herzlichen dankbaren Grüßen
Padre Geraldo Gereon