Liebe Schwestern und Brüder in Deutschland:

Vor kurzem fiel mir ein Gebet von Dorothee Sölle in die Hände. Darin richtet sie ungewöhnliche Worte an Gott: „Nicht du sollst meine Probleme lösen, sondern ich deine ... – nicht du sollst die Hungrigen satt machen, sondern ich soll deine Kinder behüten ... – nicht du sollst den Flüchtlingen Raum geben, sondern ich soll dich aufnehmen ...“ Mir schien das Gebet geeignet für unsere Elisabeth-Wallfahrt. Am nächsten Sonntag werden sich wieder Tausende Pilger aus sechs Pfarreien unserer Gegend auf den Weg machen. Sie treffen sich am Ufer des Flusses Canindé – dort bauten wir vor 23 Jahren eine Brücke über den Fluss, der in der Regenzeit unpassierbar war. Am Eingang des großen Freilicht-Geländes steht eine Tafel: „Hier üben wir unsere Option für die Armen ein.“ Doch dann kamen mir Bedenken: Was mache ich da aus Gott, den ich um nichts bitte, um seine Bitte an mich zu vernehmen? Es war nur ein kurzes Einhalten. Ganz schnell wurde mir sonnenklar: so müsste man immer beten. Der Gott, an den ich glaube, hat sich selbst zum Bittsteller gemacht, ist klein, hilflos und bedürftig geworden, herabgestiegen auf den letzten Platz, den ihm keiner streitig machen kann.

 

Aber da gibt es ein Problem: der letzte Platz ist so weit entfernt von mir, dass ich gar nicht ausmachen kann, wer ihn einnimmt. Ich müsste mich schon selbst auf den Weg dahin machen. Und von der Institution Kirche ist nicht zu erwarten, dass sie sich gesammelt auf den Weg nach unten begibt. Denen, die in den oberen Geschossen eingerichtet sind, ist der Weg zu lang. Die mittleren Geschosse sind überfüllt von denen, für die ein Platz in der Mitte immer das Sicherste ist. Papst Benedikt, als er noch Kardinal Ratzinger war, sagte 1996 den Bischöfen Lateinamerikas: „Unsere größte Bedrohung ist der mittelmäßige Pragmatismus des täglichen Lebens der Kirche, in der scheinbar alles ganz normal vor sich geht, aber wo in Wahrheit der Glaube sich abnutzt und zur Kleinlichkeit verkümmert.“ Außerdem kann man einen solchen Abstieg nicht organisieren. Es geht hier darum, im eigenen Herzen das Geheimnis des Herzens Gottes zu erkennen und plötzlich aufzustehen und nach unten zu wandern.

Wir haben einen neuen Papst. Er hat seit langem den Weg nach unten gewählt. Aber er lebte in Buenos Aires – das ist ein bisschen zu weit weg, um bemerkt zu werden. Jetzt steht er plötzlich auf dem Petersplatz. Er spricht zu den Pilgermassen und zu allen, die die Medienübertragungen einschalten. Er ist kein Theologiedozent. Manchmal hält er inne, guckt in die Gesichter der Menge und sagt einige Augenblicke gar nichts. Er wartet auf eine Antwort; nur das ist ihm wichtig. Er möchte überzeugen, und das geht nur, wenn er seine eigene Überzeugung vermitteln kann an die, deren Erfahrungen er genau kennt. Gott segne die Schritte und das Herz unseres Franziskus.

Es ist gut, sich für die wieder geöffneten Fenster und den frischen Wind zu begeistern. Aber wie kann der ersehnte Wirbel entstehen unter denen, die die „Institution Kirche“ bilden, bewahren und verteidigen? 50 Jahre Vatikan-Konzil – dieses Jubiläum wäre die große Gelegenheit gewesen, eine kritische Bestandsaufnahme der damals beschlossenen Reformen zu veranstalten, egal ob verwirklicht oder verhindert. Es wurde jedoch ein „Jahr des Glaubens“ ausgerufen. Das ließ aber nicht die Frage zu über den Zustand der Institution Kirche in der Welt, mit ihren verschiedenen Kulturen, Gesellschaftsformen und Sozialgefügen, wie zum Beispiel in Lateinamerika.

Zwei Gesichtspunkte dazu deute ich kurz an. Zunächst die Ablehnung der Kirche der Befreiung. Alles, was nach Befreiung roch, wurde verworfen. Die kirchlichen Basisgemeinschaften wurden abgeschafft. Was davon noch existiert, überlebt wie durch ein Wunder. Schon 1974 hatte Papst Paul VI prophetisch vorgeschlagen, den unersetzlichen Kontakt von Person zu Person zu einem Netz kleiner Gemeinschaften werden zu lassen. Der Institution gelang es nicht sich in diese Richtung zu bewegen. Die Gelegenheit verstrich, eine Kirche zu werden, die dem Evangelium und der Realität Brasiliens nähergekommen wäre.

Der zweite Gesichtspunkt verweist auf das Dokument der Bischofskonferenz Brasiliens, das bei ihrer diesjährigen Vollversammlung veröffentlicht wurde. Es spricht von der „neuen Pfarrei“ als einer „Gemeinschaft von Gemeinschaften“. Da findet man eine breite biblische und theologische Grundlage, mit all den Forderungen und Konsequenzen zur Umwandlung der Pfarrei. Aber es nichts zu hören von einer Analyse der Institution, auf Grund derer diese Umwandlung stattfinden könnte. Diese müsste von Rom ausgehen und von den Bischöfen, die die Macht haben, ins Horn zu stoßen, um die Formen der „obsoleten Strukturen“ zu ersetzen (so steht es in dem Text der Bischöfe). Ganz oben müsste die Struktur der kirchlichen Ämter stehen. Das kann man nicht gestressten Pfarrern überlassen. So herrscht nun schon seit langem „das große Schweigen“. Ein Beispiel dazu: Unsere Diözesanversammlung zur Bestandsaufnahme der Seelsorge in diesem Jahr. Wir hörten Berichte über die Tätigkeiten der verschiedenen Ressorts. Aber die „vorrangige Option für die Armen“ wurde gar nicht erwähnt – sie sollte doch in allen kirchlichen Aktivitäten beachtet werden. Da war es: „das große Schweigen“. Niemand wurde gefragt, niemand hatte die Gelegenheit zu reden und gehört zu werden.

Soziologisch gesehen ist völlig klar: Veränderungen kommen von unten. In der Kirche müssen sie von oben kommen. Und da tut sich nur wenig. Aber es gibt den Papst Franziskus. Er weiß, was an der Peripherie los ist, geht dahin wohin sein Herz drängt und will unsere Begleitung. Er blickt uns in die Augen. Sein rhetorisches Schweigen will das Schweigen beenden, das den Antworten aus dem Weg geht.

Mit dankbaren brüderlichen Grüßen
Padre Geraldo Gereon