Liebe Schwestern und Brüder,  

Gestern Abend gegen Mitternacht schaukelte ich nach einer Messfeier im Innern von São Francisco zurück nach Hause. Für 36 km brauchte ich 1,1/2 Stunden auf einer Straße, die der Regen ausgewaschen und stellenweise unpassierbar gemacht hatte. Die ständigen Stöße im Auto liessen die Erinnerung freiwerden das ein Bericht von mir erwartet wird.

Der Zustand der schlecht passierbaren Straße ist schon ein erstes Thema: es hat stark geregnet. In der ersten Januarhälfte gab es starke Regenfälle in der ganzen Gegend. Alle kleinen und grossen Stauanlagen füllten sich bis zum Überlauf. Die Äcker waren verschlammt und schwer zu pflügen. Aber alle Bauern begannen voller Freude ihre Pflanzungen. Der Busch und die Weiden wurden schnell grün, und es gab wieder Futter für das Vieh. Die Regenmenge von zwei Wochen (360 mm) ergab über die Hälfte der durchschnittlichen Niederschläge in 6 Monaten.

 

Aber im Februar gab es keinen einzigen Tropfen Regen. Die neuen Pflanzungen beginnen zu welken und brauchen dringend Regen. So wiederholt sich die immer gleiche Geschichte: um diese Zeit ist alles offen, man kann nichts Genaues sagen über die Ernteaussichten. Erst nach Ostern kann man über gute oder schlechte Ergebnisse berichten.

Gute Ergebnisse werden für die Honigernte erwartet. Mit den Imkern haben wir eine neue Phase ihrer Arbeit eingeleitet: die Pollenernte, ein Nebenprodukt der fleissigen Bienen, das lukrativ zu vermarkten ist. Zuerst geht es um Ausbildung der Imker, dann um Zusatzeinrichtungen an den Bienenstöcken. Bei solchen bisher unbekannten Neuerungen geht es immer zunächst darum, die Bauern zu überzeugen und für die Idee zu gewinnen. Die Versuchung sich auf Gratiszuwendungen der Regierung zu verlassen und zu beschränken ist immer groß. Diese lassen Wahlen gewinnen, aber überwinden die Armut nicht.

„Der Weg zur Veränderung ist weder kurz noch unbeschwerlich“, sagte Madame Curie. Wir erfahren es an unserem schon mehrfach gestarteten Versuch mit dem Fluss Canindé (ein Fluss, der nur in der Regenzeit Wasser führt). Er zieht durch unsere Pfarrei und Diözese und erleidet zwei brutale Eingriffe: Die Flussränder werden abgeholzt, und das Wasser wird durch die Reste der giftigen Schädlingsbekämpfung verseucht („Die Menschheit zertritt wie ein Elefant die wunderbare Schöpfung Gottes“). Wir haben Proben des Wassers untersuchen lassen, die aus einem 300 km langen Streifen des Flusses entnommen wurden. Alle Proben hatten einen über den vom Gesetz zugelassenen Gehalt von Agrotoxicos. Er stammt von den Pflanzungen an den Flussrändern. Es ist klar, dass wir weder kompetent noch fähig sind, dieses Problem zu lösen. Aber wir haben einen Anfang gemacht, um ein Zeichen zu setzen. Wir versuchen an einer mehrere km langen Strecke des Flusses, seine Ränder wieder aufzuforsten. Wir haben tausende von Setzlingen produziert und verteilt, bei der Einzäunung geholfen und die Bauern unterrichtet. Es ist äußerst schwer die Leute zu überzeugen und für die Idee zu gewinnen. Dieser Weg ist tatsächlich  „weder kurz noch unbeschwerlich“.

Ein weiteres Feld unseres Einsatzes ist der Bau der Eisenbahnlinie, die hier unsere und zwei benachbarte Pfarreien erfasst. Auf über 100 km sind viele kleine Bauern betroffen. Ihr Land wird plötzlich durch die Bahntrasse in zwei Teile gespalten, die keine Verbindung unter sich zulassen. Das heisst: ein Teil (manchmal der größere Teil) ihres Landes ist nicht mehr nutzbar. Das betrifft ihre Häuser, Felder und Wasserstellen. Wir konnten die „Opfer“ des Bahnbaues zu einem Verein organisieren, der mit einer Stimme spricht und einen guten Rechtsbeistand hat. Wir haben in einigen Härtefällen neue Häuser gebaut, neue Felder angelegt und neue Wasserstellen geschaffen. Immer betonen wir, dass wir nicht das Projekt der Bahnlinie bekämpfen, sondern dem Wort Jesus verpflichtet sind: „ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben – ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen“. Jesus erwartet von uns, dass wir von ihm dieses Zeugnis geben. Es fällt auf, dass die Bauern plötzlich eigene Initiativen ergreifen, die nicht von uns inspiriert sind. Sie glauben daran, dass ihre Einheit stark macht und dass sie sich ihre Rechte nicht nehmen lassen. In zwei Tagen werden sie eine private Strasse blockieren, auf denen sie zu ihren Feldern kommen. Das mächtige Bauunternehmen fährt täglich mit Schwertransporten über diese Straße – ohne Genehmigung – sie ist schon nicht einmal mehr mit Motorrädern passierbar. Aber jetzt ist Schluss. Hoffnung macht Mut, und Einheit macht stark. Im Recht zu sein ist keine Mangelerscheinung. Unsere Aktionen wollen das beweisen.

Darum feiern wir Ostern – darum gibt es bei Euch ein Fastenessen – darum können wir wenigstens kleine Schritte tun. Das Reich Gottes ist ja ein kleiner Samen – Wachstum und Ernte übernimmt Gott selbst.

Euch allen dieser Ostergruß
in herzlicher Dankbarkeit
Euer Bruder in Christus
Geraldo Gereon.