Aus Hamburg bekam ich die Nachricht von einer großzügigen Spende – eine große Freude für uns alle hier. Herzlich bedanke ich mich im Namen unserer Armen, mit denen wir unsere Arbeit fortsetzen können, die versucht Wege aus der Armut zu finden.

Wir leben in einem Land, das Armut mit Geldzahlungen der Regierung an Millionen Bedürftige lösen will. Das erhöht zwar die Zahl der Konsumenten, die aber ihren „Verdienst“ nicht erarbeiten, jedoch mit  indirekten Steuern an die Regierung zurückgeben. Wir erleben hier gerade ein erschreckendes Erwachen, das traurige Erfahrungen sozialistisch regierter Länder wiederholt. Immer wird dann die Schuld der „bürgerlichen Elite“ zugeschrieben, die die Masse der rechtlosen Armen in ihrer unüberwindlichen Armut etabliert hat. Natürlich darf man nicht ideologisch vereinfachen und noch weniger sich in politische Polemik verwickeln. Uns bewegt jedoch eine Überzeugung, übermittelt und begründet durch den, der selbst die Wahrheit ist: Nirgendwo kann man vernünftige Lösungen finden außer im Evangelium Jesu, das seine Kirche auf den Weg zu den Armen bringt. Jedes Jahr stellen wir unsere große Elisabeth-Wallfahrt unter das Thema: „Hier wollen wir unsere Option für die Armen einüben, um eine heilige, arme und samaritanische Kirche zu sein, ausgerichtet auf das Evangelium Jesu.“

 

Sie haben in meiner letzten Nachricht erfahren, dass ich nach den Regeln der Kirche wegen meines Alters aus der aktiven Seelsorge in einer Pfarrei ausgeschieden bin. Es gäbe genügend Gründe dafür, sich möglichst weit von dem gewohnten Wirkungskreis zu entfernen. Aber ich war jahrzehntelang für die Menschen in diesem großen Gebiet „ihr Pfarrer“. Ich müsste einen großen Sprung machen in eine andere Gegend, wo ich keinerlei Beziehungen aus vergangenen Zeiten hätte. Das wäre zwar ein Abbruch von Beziehungen, die durch die Seelsorgsarbeit entstanden. Aber es würde auch einen Bruch in den sozialen Anstrengungen langer Jahre hervorrufen und begonnene Projekte abbrechen. Es geht uns ja nicht um einzelne Aktionen, die in bestimmten Abschnitten abgewickelt werden. Vielmehr verstehen wir unser Wirken als ein Engagement, das im seelsorglichen Bemühen und in der Mystik des Evangeliums seinen Ursprung hat. Kirchenrechtliche Bestimmungen können diese Aktionen weder einleiten noch abbrechen. Es handelt sich um die „Option für die Armen“, und diese ist unwiderruflich. Jesus hat es so erklärt: „Arme habt ihr allezeit bei euch.“ Und die brasilianische Kirche hat von sich verlangt, „die neuen Gesichter der Armut und die neuen Formen der Verarmung zu entdecken“. Da kann es keinen Abbruch geben, sondern nur einen neuen Aufbruch. Ich bleibe also bei diesen Menschen des trockenen Sertão, nicht mit einer neuen Motivierung, aber unter gewandelten Umständen.

Die konkreten Ansätze unseres Einsatzes finden wir seit langem und immer wieder neu in der konkreten Situation unserer Kleinbauern, mit denen wir einen Durchbruch aus ihrem Elend versuchen. Dieser Weg ist immer noch sehr weit. Ein Beispiel ist die Bienenzucht, ein enormes Potenzial in unserer Gegend. Außer dem Honig kann man den fleißigen Bienen auch die Pollen-Ernte abnehmen und sehr
lukrativ vermarkten. Wer das noch nie gemacht hat, muss es lernen, seine Bienenstöcke dafür ausrüsten und den Markt erschließen. Daran arbeiten wir augenblicklich mit einer Zahl ausgewählter „Pioniere“, die die Neuigkeit dann unter Hunderten von Kollegen verbreiten.

Einen entscheidenden Einsatz fordern augenblicklich von uns die zahlreichen Opfer, die durch den Bau einer großen Eisenbahntrasse regelrecht untergewalzt werden. Schwertransporte mit jeweils 12.000 Tonnen in 100 Großwaggons sollen die Produktion der großen Agrar-Unternehmen im Süden unseres Bundesstaates Piauí über 1.720 km bis zu den Häfen an der Küste rollen. Die eingezäunte Schienentrasse geht hier durch kleine Anwesen, die plötzlich aufgeteilt sind ohne Zugänge untereinander. Betroffen sind kultivierte Flächen, Wasserstellen, Häuser und Verkehrswege, getrennt voneinander und deshalb vom Besitzer  nicht mehr nutzbar. Wir haben hunderte dieser „Opfer“ zu einem Verein zusammengefasst. Er hat kompetenten Rechtsbeistand und klagt mit einer Stimme die Rechte seiner Mitglieder ein. In mehreren Härtefällen haben wir für die Bauern mit ihrem teilweise nicht mehr nutzbarem Land neue Felder angelegt, neue Häuser gebaut und neue Wasserstellen geschaffen. Deprimierte Kleinbauern konnten wieder hoffen. Aber viel Arbeit liegt da noch vor uns.

In dankbarer Verbundenheit

Ihr Bruder in Christus
Padre Geraldo Gereon