Diesen Brief schreibe ich an drei Kirchengemeinden, die seit langem meinen Weg hier in Brasilien begleiten: die St. Wilhelm-Gemeinde in Hamburg, die St. Ansgar-Gemeinde in Osnabrück und die St. Marien-Gemeinde in Sehnde. Diese drei Gemeinden halten uns hier im Nordosten Brasiliens seit Jahrzehnten die Treue mit ununterbrochenen Aktionen, die Priester, Arbeitskreise und die Gesamtgemeinde bewegen.

Diese drei Gemeinden haben seit einiger Zeit etwas gemeinsam, was sie betrübt, herausfordert, verwandelt, verunsichert und hoffen lässt. Es ist die Tatsache, dass sie nicht mehr Pfarreien mit eigenem Pfarrer sind, sondern in einen Pfarrverband eingegliedert sind, in dem ein oder mehrere Priester den gesamten Komplex seelsorglich betreuen und verwalten. Sie haben ihren eigenen Pfarrer „verloren“ und müssen sich für die spezifisch priesterliche Tätigkeit den oder die Priester mit den anderen Gemeinden teilen. Die Pfarrei wird zur Kirchengemeinde, kirchenrechtlich kaum definierbar, aber  mit erhöhten Anforderungen an freiwillige Träger des Gemeindelebens. Man redet von positiven Erwartungen und Chancen, aber so richtig froh wird dabei keiner. Irgendetwas scheint da nicht zu stimmen, etwas Unersetzbares gibt es nicht mehr. Es handelt sich um das Wesen der christlichen Gemeinde: eine Ekklesia, die an einen Ort gebunden ist mit eigenem Namen und einer vollständigen Struktur von Ämtern, einschließlich der geweihten Presbyter. Alle Briefe der Apostel im Neuen Testament sind an solche Ortskirchen gerichtet, nicht an Gemeindeverbände.

Was stimmt denn nun nicht bei diesen doch radikalen Veränderungen? Die Kirche verändert die Gemeinden, aber klammert dabei die Veränderung des Amtspriestertums aus. Daran darf nicht im Entferntesten gerüttelt werden. Selbst wenn von denen, die Reformen erbitten, beteuert wird, dass nichts abgeschafft oder ersetzt sein sollte, sondern erweitert und ergänzt, fällt sofort der Vorhang, als wäre die Diskussion schon Häresie. Man hofft, dass die Flaute der Berufungen vorübergeht, und besteht auf dem überkommenen Profil des Amtspriesters: männlich, zölibatär, akademisch gebildet in modern-tridentinischen Seminaren. Die im Moment praktizierten Lösungen erwecken den Eindruck, nicht definitiv zu sein. Sie haben etwas an sich, das nach Flickwerk aussieht. Auf diese Weise aber wird evident, dass das Thema in eine andere Richtung gehen muss.

Ich habe etwas kurz und zugespitzt formuliert, um auf mein eigentliches Thema zu kommen.  Wir hier in Brasilien praktizieren ja schon seit eh und je, was in Deutschland eine nicht recht beglückende Neuigkeit ist. Das Verhältnis von verfügbaren Priestern und priesterlosen Gemeinden klafft seit Jahrhunderten krass auseinander. Als ich Pfarrer in Simplício Mendes war, hatte ich außerhalb des Pfarrsitzes 102 kleinere und größere Gemeinden zu „betreuen“. Das bestand darin, in manchmal monatelangen Abständen Eucharistie zu feiern und eine eigenständige Dynamik für die Aktivitäten dieser Gemeinden zu entwickeln. Jährlich gab es 350 Hochzeiten, 1200 Taufen und 900 Firmungen, die Mehrheit nicht am Pfarrsitz. Dafür war ich jährlich 60.000 km unterwegs, eingeschlossen die sozialen Tätigkeiten. Ein scheinbar großer Fortschritt war, die Kommunion sonntags von beauftragten Laien austeilen zu lassen, im Wortgottesdienst, der ja keine gefeierte Eucharistie ist. Die konsekrierten Hostien stammen aus Eucharistiefeiern, die Wochen vorher oder an anderen Orten stattfanden.

Es ist schon ein Gemeinplatz geworden, dass man theologisch klarstellt: der getaufte Christ hat ein Recht auf Eucharistie. Das lässt sich nicht reduzieren auf den Empfang konsekrierter Hostien aus vergangenen Eucharistiefeiern. Eucharistie ist ein in brüderlicher Gemeinschaft gefeiertes Gedächtnis, kein Abspeisen, sondern ein Mahl, das diese brüderliche Gemeinschaft hervorbringt. Diese Gemeinschaft muss in ihren eigenen Reihen den geweihten Beauftragten haben, der dieses Mahl leitet.

Die brasilianischen Bischöfe haben in letzter Zeit wiederholt öffentlich zum Ausdruck gebracht: „Wir beklagen, dass Tausende von Gemeinden ohne die sonntägliche Eucharistie auskommen müssen.“ Ehrlicherweise müssten sie dann aber fragen: Wer ist schuld daran? Die göttliche Vorsehung? oder die böse Welt? Die Antwort müsste doch sein: die Kirche selbst. Sie lehnt es ab Alternativen zu erwägen, die in jeder noch so kleinen Gemeinde den geweihten Presbyter zulassen oder sogar fordern. Den Priester zu einem „reisenden Sakramentenspender“ werden zu lassen, ist kein Ausweg, sondern ein Irrweg. An der Seite der traditionellen Priesterfigur müsste eine andere Priestergestalt entstehen, aus der Gemeinde und nur für die betreffende Gemeinde, ohne den Ballast der üblichen Anforderungen bezüglich Ausbildung, Kompetenz und hierarchischer Abstufung. Diese „Gemeindepriester“ würden den traditionellen Priester nicht abschaffen, sondern ihm eine neue Aufgabe zuweisen: die Gemeinden mit ihren eigenen Priestern zu begleiten, auszubilden und für ihr Amt zu befähigen.

Ich habe bei Priestertreffen einen emeritierten Bischof kennengelernt, der eine Diözese in Südafrika leitete. Er ist deutscher Abstammung und heißt Fritz Lobinger. Er hat ein umfassendes Projekt zur Schaffung eines differenzierten Priestermodells erarbeitet und in mehreren Büchern eingehend dargestellt. Das Modell ist bis ins kleinste Detail durchdacht. Es ist von einer zwingenden Logik und einer überzeugenden Schlussfolgerung: So etwas ist möglich und bringt die Kirche nicht ins Wanken, sondern bereichert sie und überwindet unhaltbare Zustände. Der Autor schreibt in Englisch, und wir hier haben fünf übersetzte Werke. Im deutschen Sprachraum sind nur zwei Bücher des mutigen Bischofs übersetzt, im Schwabenverlag erschienen, aber mittlerweile vergriffen. Mein Bruder hat auf dem Markt gebrauchter Bücher noch drei Exemplare der beiden Bücher auftreiben können. So möchte ich an die drei befreundeten Gemeinden, die nicht mehr ihren residierenden Priester bei sich haben, diese Bücher senden. Sie können dazu beitragen sich nicht zu fügen in ein unabwendbares Geschick, sondern einen Gegenvorschlag ohne Polemik zu durchdenken und zur Diskussion zu stellen. Unser guter Papst ruft immer wieder zu „Wagemut und Kreativität“ auf. Hier haben wir ein Thema, das diese Antriebe braucht. Ich möchte mit diesen beiden Veröffentlichungen meine guten Freunde in den drei Gemeinden auf eine Spur bringen, die uns zu klaren und hoffnungsvollen Auswegen führt.



Unsere Bischöfe haben im letzten Jahr ein Dokument veröffentlicht, das die „seelsorgliche Bekehrung der Pfarrei“ fordert. Sie baten um eine Diskussion und Stellungnahme der Pfarreien über die wichtigsten Punkte der Neubesinnung. Wir veranstalteten eine große Pfarrversammlung mit Beteiligung aller Gruppen und Gemeinden, die einen ganzen Tag lang die angegebenen Fragestellungen diskutierten. Das ausführliche Ergebnis wurde an die Bischofskonferenz geschickt. Wir waren uns einig darüber, dass die Klage über die eucharistielosen Gemeinden durch nichts anderes zu beenden sei als durch ein gewandeltes und erweitertes Modell des Amtspriestertums. Andersherum: Statt auf die Wende im katastrophalen Priestermangel zu warten als ein Wunder Gottes sollten wir verstehen, dass Gott mit uns diese Wende herbeiführen will durch die Rückbesinnung auf die ursprünglichen Strukturen der kirchlichen Gemeinden. Wir brauchen ein gewandeltes Verständnis eines aufgegliederten Priestertums für alle noch so kleinen Gemeinden. Eine sich beklagende Kirche hat keine Zukunft. Eine bekehrte Kirche kann ohne Sorge daran glauben, dass Gottes Geist sie am Leben erhält. Die Menschen unserer Pfarrei waren sich einig darüber, dass der Weg in diese Richtung gehen muss. Wir haben unser Protokoll an die Bischofskonferenz geschickt, wie das erbeten war. Unsere Gemeinde war die Einzige in der Diözese, die auf die Bitte eingegangen war. Vielleicht hat unsere Meinung dadurch an Gewicht gewonnen. Ein Mitbruder wusste zu berichten, dass die Bischofskonferenz ein Pilot-Projekt in unserem hier angedeuteten Sinne plant und auf ihrer Jahresversammlung nach Ostern auf die Tagesordnung setzen will. Gott gebe es.

An alle Schwestern und Brüder in den drei Gemeinden sende ich eine brüderliche Umarmung
Padre Geraldo Gereon