Predigt in der Eucharistiefeier am 2. Februar 2013 auf dem Platz vor der Pfarrkirche von São Francisco de Assis, beim 50-jährigen Priesterjubiläum, zusammen mit dem Bischof von Oeiras, Dom Juarez, zahlreichen Mitbrüdern aus den Diözesen Oeiras, Floriano, Teresina und São Raimundo Nonato und über 2000 Schwestern und Brüdern, mit denen ich fast 47 Jahre lang den Weg des Gottesvolkes gegangen bin.

(Im ersten Teil habe ich mich an die Gedanken gehalten, die ich in meinem letzten Rundbrief ausgedrückt habe in den ersten fünf Abschnitten: Erbarmen und Mut und das Bekenntnis zu dem Gott, der in Nazareth sein menschliches Antlitz denen offenbart hat, die sich als seine Jünger mit ihm auf den Weg machen.)

. . . Ich war immer glücklich darüber, an dem Tag geweiht worden zu sein, an dem wir die Ankunft der armen Familie aus Nazareth im Tempel von Jerusalem feiern, mit dem kleinen Kind, das erst 40 Tage alt war. Zuerst auf dem Arm der Mutter, danach auf eigenen Füssen: Dieses Kind „ging hinab nach Nazareth“, immer auf dem Weg zum letzten Platz. Es wollte „in allem den Brüdern gleich werden, um ein barmherziger und treuer Hoher Priester vor Gott zu sein.“ (Hebr 2,17) Nur eine einzige Beglaubigung ist notwendig für die, die ihm auf diesem Weg nachfolgen: auch sie müssen barmherzig und vertrauenswürdig sein, das heißt: „...fähig sein, Mitleid zu haben mit den Unwissenden und Irrenden, weil sie auch selbst mit Schwachheit behaftet sind  (Hebr 5,2).“

Liebe Schwestern und Brüder, ich bitte nun um eure Erlaubnis für ein ganz persönliches Zeugnis. Als ich zwei Jahre alt war, begann der zweite Weltkrieg. Sechs Jahre lang floh meine Familie vor den Bombenangriffen. Siebenmal wechselten wir den Wohnort auf der Suche nach Sicherheit, immer wieder brachen wir auf. Am Ende des Krieges, in einem total zerstörten Land, wohnten wir in einem kleinen Dorf in der Nähe von Hamburg. Meine Eltern wollten nach Hamburg ziehen, so wie die Nordestinos nach São Paulo ziehen. Das war nicht erlaubt. Die neuen Häuser, die in der vom Krieg zertrümmerten Stadt gebaut wurden, waren nur für die Einwohner der Stadt bestimmt, die ihre Häuser verloren hatten.

Meine Mutter hatte einen Onkel in Hamburg: er war Lehrer in einer katholischen Schule und wohnte im Pfarrhaus. Der Pfarrer der Gemeinde erlaubte uns in sein Haus umzuziehen. Er hatte nur ein Zimmer für uns, eine Familie mit sechs Personen. Plötzlich waren wir Einwohner der Stadt. Nach einem halben Jahr bekamen wir eine neue Wohnung.

Die nächste Hürde war: eine Schule für mich und meine Geschwister zu finden. Es begann mit mir. Meine Mutter zog mit mir durch mehrere Stadtteile der großen Stadt. Entweder gab es noch keine Schulen oder es gab keine freien Plätze – die Stadt musste praktisch bei null wieder anfangen. In ihrer Verzweiflung zog meine Mutter mit mir zu einem Gymnasium der Jesuiten-Patres: eine Schule nur für solche, die eine Aufnahmeprüfung gemacht hatten. Der Junge vom Land hatte dafür keine Gelegenheit gehabt. Meine Mutter weinte vor Verzweiflung vor dem Direktor der Schule. Der Pater erbarmte sich und ließ den Jungen für drei Monate zur Probe kommen. Wenn ihm gelänge, die Klasse bei ihrem Unterricht zu begleiten, könnte er bleiben. Da war ich auf einer Schule, die ich kein Recht hatte zu besuchen.

Aber es gab noch eine andere Hürde: die Schüler meiner Klasse hatten schon im zweiten Jahr das Fach Latein. Und ich kam von einer Mittelschule, auf der es dieses Fach nicht gab. Da tauchte der dritte Priester auf: der Pastor der Gemeinde, in der wir wohnten. Er gab mir Nachhilfe in Latein, um den Rückstand aufzuholen. Nach drei Monaten Probezeit hatte ich es geschafft.

Das alles habe ich nie vergessen und bekenne es hier: Wenn diese drei Priester nicht im richtigen Moment dieser armen Flüchtlingsfamilie geholfen hätten, wäre ich wohl nie Priester geworden.

Aber ich erzähle diese Geschichte noch aus einem anderen Grund. Vor vier Monaten war ich im Haus einer Familie im Innern der Pfarrei. Von den 5 Kindern gehen drei zu einer Schule,  drei Kilometer entfernt von ihrem Haus. Der Vater beklagte sich: ständig kommen die Kinder zurück, ohne dass Unterricht war, ohne Begründung und ohne Ankündigung, 6 Kilometer hin und zurück. Der Vater erinnerte sich an seine Kindheit: er besuchte keine Schule, weil er den Schulweg von 18 Kilometern nicht aushielt. Plötzlich liefen diesem Vater ein paar Tränen aus den Augen, als er sagte: „Wird es meinen Kindern genauso gehen wie mir, der ich niemals Schulunterricht hatte?“

In diesem Moment kamen mir die Tränen meiner Mutter in Erinnerung, die keine Schule für uns fand, und die drei Priester, die sich unser erbarmten und uns halfen. Und jetzt, nach 66 Jahren, bin ich selbst Priester und sehe die Tränen eines Vaters, der seine Kinder ohne Schulbildung heranwachsen sieht. Was kann ich tun?

  • Warum gelingt es uns nicht, alle Kinder auf unseren Schulen wenigstens zu alphabetisieren?                             
  • Warum bieten wir den Kindern nicht die gesetzlich vorgeschriebenen 200 Unterrichtstage?                  
  • Warum stellen wir in die Unterrichtsräume nicht normal ausgebildete, das heißt qualifizierte Lehrkräfte, sondern Leute, die praktisch Laien sind und nach lokalpolitischer Zweckmäßigkeit ausgewählt sind?                              
  • Warum können 13.000 freie Arbeitsstellen in São Paulo nicht besetzt werden, weil z. B. aus   den Dürregebieten des Nordostens nur unqualifizierte Bewerber kommen, die mit Diplomen von kurzen Fernkursen ihre Ausbildungsunterlagen aufladen?
  • Warum erklären unsere Jugendlichen, keine Perspektive zu haben für eine menschenwürdige Zukunft?

Wer gibt uns befriedigende Antworten, die nicht nur alles rechtfertigen, sondern Vorschläge für neue Wege sind? Ich sah die Tränen meiner Mutter und die Tränen des Vaters im Innern meiner Pfarrei. Aus eben diesem Grund rede ich. Eben dafür bin ich Priester.

Mein persönliches Zeugnis hat noch einen anderen Aspekt. Viele Jahre lang war ich Pfarrer in einem sehr großen Gebiet mit sehr vielen Orten und kleinen Gemeinschaften. Hier in diesem Dorf, das heute Stadt und Pfarrei ist, zelebrierte der Pfarrer einmal im Jahr. Ich hatte verschiedene Ämter in der Diözese. Jahrzehntelang teile ich meine Zeit auf zwischen der Pfarrei und der Diözese. Mir drängte sich immer die Frage auf: Wie ist der so starke Glaube dieses Volkes zu erklären? Es können nicht die wenigen Treffen mit dem Priester sein, der oft noch nervös ist bei den übervollen Gottesdiensten.

Diese Erfahrung ließ mich immer deutlich das Wirken des Heiligen Geistes erkennen. Nur Er konnte in diesem Volk einen so starken Glauben an die Gegenwart Gottes hervorrufen. Das brachte mir bei aller Aufregung immer die innere Ruhe. Das Volk Gottes war schon vor mir auf dem Weg und setzt seinen Weg auch nach mir fort. Gott ist bei ihm mit seinem Heiligen Geist, ausgegossen in den Herzen der Menschen und in der gläubigen Gemeinde. Niemals geht der Pfarrer als erster dem Volk voran. Es geht mitten im Volk, lernt vom Volk, wird vom Volk getragen. Und die Mahnung Jesu dürfen wir nicht überhören: Die Zöllner und Dirnen – auch sie sind unsere Brüder und Schwestern – kommen ins Vaterhaus noch vor uns, die wir glauben, es eher verdient zu haben. Denn das Reich Gottes ist immer Erbarmen und niemals Verdienst.

Ich beschließe mein persönliches Zeugnis mit der Erinnerung einer kleinen Begebenheit : Vor vielen Jahren zelebrierte ich bei einer Familie auf dem Land eine Messe aus Anlass eines tragischen Todesfalles, der alle stark getroffen hatte. Als ich mich verabschiedete, bedankte sich der Hausherr und sagte: „Heute war es so als wäre Jesus hier gewesen.“ Das war der glücklichste Tag in meinem Priesterleben. Wenn ich dafür tauge, meinen Brüdern und Schwestern diese Erfahrung zu vermitteln, dann habe ich alles getan und möchte nichts anderes. Ich erinnere mich an das Wort von Dom Helder: „Ich möchte eine einfache Wasserlache sein, nur um darin den Himmel widerzuspiegeln.“

Alle guten Freunde wünschen mir noch viele Jahre, um die Mission fortzusetzen. Ich danke für diese liebevollen Wünsche. Ich will mich an das Wort aus dem Buch Jesus Sirach halten: „Bleibe bei Deiner Pflicht und hab deine Freude daran - werde alt in deiner Beschäftigung“ (Sir 11,21) Und der Prophet Isaias ermutigt mich: „Die Jugend wird müde und ermattet, selbst junge Krieger brechen zusammen. Die aber auf den Herrn hoffen, schöpfen neue Kraft, empfangen Schwingen gleich dem Adler. Sie laufen und werden nicht müde, sie gehen und gehen und werden nicht matt.“ (Jes 40,30-31) -

Amen.